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       # taz.de -- Veranstalter über Willy-Brandt-Konzert: „Letztlich geht es um Frieden“
       
       > Vor 52 Jahren fiel Willy Brandt auf die Knie, um der Helden vom
       > Warschauer Ghetto zu gedenken. Ein Konzert in Lübeck erinnert an die
       > politische Geste.
       
   IMG Bild: Historischer Moment: Bundeskanzler Willy Brandt kniet vor dem Warschauer Mahnmal
       
       taz: Gibt es eine besondere Verbindung zwischen Willy Brandt und Lübeck
       Herr Scheve?
       
       Henning Scheve: Willy Brandt ist natürlich Lübecker. Das ist die zentrale
       Verbindung. Er ist hier zur Schule gegangen und hat zeitlebens auch seine
       Kontakte nach Lübeck erhalten. Durch das Willy-Brandt-Haus in Lübeck ist er
       hier besonders lebendig geworden.
       
       Was würden Sie als das selbst gesetzte Ziel der „Stiftung zum 7. Dezember“
       beschreiben? 
       
       Das ist alles sehr klar in der Satzung erläutert. Letztlich geht es um
       Frieden, Versöhnung und Verständigung. Diese bekannte Willy-Brandt-Geste,
       der Kniefall, hat den Stifter, der satzungsgemäß zurückhaltend genannt
       werden will, nachhaltig beeindruckt in seiner Jugend. Besonders das
       Schweigen der älteren Generation. Für den Stiftungsgründer war die Geste
       Willy Brandts außerdem auch im eigenen familiären Zusammenhang eine
       Initialzündung, fast schon etwas Befreiendes. Das wollte er dann eben auch
       in die Zukunft weitertragen, dann in Verbindung mit Kirchenmusik. Das hat
       einfach den Hintergrund, dass der Stifter, Herr Grasse, in der „4 Viertel“
       Stiftung Kirchenmusik Lübeck war und es so eine Möglichkeit gab, beide
       Interessen zu verbinden. Die Hauptaufgabe für die Zukunft sind nun die
       Konzerte.
       
       Besteht ein Zusammenhang zwischen der musikalischen Untermalung des Abends
       und Willy Brandt? 
       
       Also hier gibt es ja ein ganz konkretes Programm. Das ist einmal
       Penderecki, der berühmte, jüngst erst verstorbene polnische Komponist, von
       dem ist ein Stück. Und dann kommt das Hauptprogramm, die h-Moll-Messe von
       Bach. Und das ist dann auch in ganz großer Besetzung mit zwölf Solisten,
       allein das ist ein sehr, sehr aufwendiges Werk. Unser Ehrengast, der Prälat
       aus Danzig, Herr Bradtke, wird nachdem ich eine Begrüßungsrede gehalten
       habe, auch noch mal sprechen. Dabei geht es um einen polnischen Bischof,
       der sich sehr für die deutsch-polnische Verständigung eingesetzt hat, dem
       außerdem das Werk Pendereckis gewidmet ist. Und da hat man dann gleich
       wieder den Bezug zu dem, was aufgeführt wird.
       
       Kann man dann schon von einem politischen Konzert sprechen? 
       
       Also politisch ist ja eigentlich fast alles, was man mittlerweile macht.
       Hier besonders die Friedensbotschaft und der Versöhnungsgedanke. Wenn man
       sich jetzt zum Beispiel das Verhältnis Polen und Deutschland anguckt mit
       der national-konservativen PiS-Regierung, die man da hat. Dann sind das ja
       relevante Themen. Oder der Ukraine-Krieg, bei dem das eine große Rolle
       spielt. In den vergangenen Jahren war es der Syrien-Krieg. Also sind wir
       auch nicht ausschließlich an der Beziehung von Deutschland und Polen
       interessiert. Wir könnten zum Beispiel in einem anderen Zusammenhang auch
       mal ein ukrainisches, syrisches, usw. Konzert machen. Da wird sich noch
       Unterschiedliches entwickeln. Zumal es so ist, dass nach der Satzung der
       Stiftung jeder Musiker dann auch die künstlerische Freiheit hat, das
       mitzugestalten.
       
       Gab es denn in der in der Vergangenheit ähnliche Events? Waren das dann
       immer Konzerte? 
       
       Ja, also wie gesagt, die Konzerte sind der Schwerpunkt. Wir hatten an
       musikalischen Beiträgen aber schon alles Mögliche im Programm, außerdem zum
       Beispiel einen polnisch-deutschen Satiriker, der eine Rede gehalten hat.
       Dann war der koreanische Generalkonsul auch schon zweimal Gast bei uns, der
       sich natürlich aufgrund der koreanischen Teilung besonders zu Herzen
       genommen hatte, das hier zu beobachten und auch zu würdigen. Da der
       Stiftungszweck allgemein gehalten ist, also der Versöhnungsgedanke, könnte
       man auch auf Jugendliche in Schulen zugehen. Das ist zum Beispiel auch
       schon mal gemacht worden. Wir haben auch schon Kontakt aufgenommen zum
       deutsch-polnischen Verein hier in Lübeck. Also es ist relativ offen, was
       man da für Projekte macht, um den Gedanken des Stifters zu verwirklichen.
       Es gab somit schon sehr unterschiedliche Beiträge. Es sind ja jetzt nun
       doch ein paar Jahre ins Land gegangen. Aber im Wesentlichen ist es das
       Konzert.
       
       7 Dec 2022
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Paul Weinheimer
       
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