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       # taz.de -- Ghanas Trainer kritisiert Doppelmoral: Die Scheinheiligkeit des Westens
       
       > Otto Addo, Ex-HSV-Profi und Ghanas Nationaltrainer, findet Kritik an
       > Katar richtig. Deutschland solle aber auch vor der eigenen Tür kehren.
       
   IMG Bild: Kriegt öfter mal in schlechtem Deutsch seltsame Fragen gestellt: Otto Addo
       
       Hamburg taz | Der ehemalige Fußballprofi des Hamburger SV, Otto Addo, hat
       dem Westen und insbesondere Deutschland mit Blick auf die Fußball-WM in
       Katar Scheinheiligkeit vorgeworfen. „Ich finde es extrem wichtig, dass die
       Missstände in Katar angesprochen werden, insbesondere wenn Menschen
       sterben“, sagte der Fußballer der Deutschen Presse-Agentur (dpa).
       „Nichtsdestotrotz ist das eine sehr europäische Sichtweise, wenn man denkt,
       dass man selber viel besser ist als Katar“, ergänzte er.
       
       Addo ist als Sohn eines ghanaischen Arztes in Hamburg-Hummelsbüttel
       aufgewachsen. Derzeit trainiert er die ghanaische
       Fußballnationalmannschaft, die sich vorgenommen hat, zumindest das
       Achtelfinale bei der Weltmeisterschaft zu erreichen. Als Fußballprofi hat
       er auch für Borussia Dortmund und Mainz 05 gespielt. Bei der
       Weltmeisterschaft 2006 ist er für Ghana als Nationalspieler aufgelaufen.
       
       Für Deutschland anzutreten, kam für ihn dem Spiegel zufolge nie in Frage.
       Er fühle sich nicht als Deutscher, weil er hier „auch nicht als Deutscher
       angesehen“ werde, zitiert das Magazin den 1975 geborenen Fußballer. Ständig
       werde er „in schlechtem Deutsch angesprochen und bekommt seltsame Fragen
       gestellt“, schilderte er für eine [1][Ausstellung in Hamburg] einmal seinen
       Alltag.
       
       Dazu kamen Erlebnisse wie im Juni 1997, als er mit Hannover 96 im Stadion
       von Energie Cottbus um den Zweitliga-Aufstieg kämpfte: Addo und sein
       Mannschaftskamerad Gerald Asamoah wurden vom Publikum [2][mit Bananen
       beworfen und von gegnerischen Spielern rassistisch beleidigt].
       
       ## Tod im Mittelmeer
       
       Ein Großteil von Addos Familie wohnt in Ghana. Als Kind sei er fast jedes
       Jahr mit Mutter und Schwester dorthin gereist, sagte er der Frankfurter
       Allgemeinen Sonntagszeitung. „Wir waren dann in den Sommerferien meistens
       sechs Wochen da, sind auch in den Kindergarten und die Schule gegangen,
       haben Freunde gefunden, die Sprache kennengelernt.“
       
       [3][Für die WM in Katar] wurde Addo von seinem Job als Talente-Trainer bei
       Borussia Dortmund freigestellt. In Ghana sei WM-Kritik „gar kein Thema“,
       sagte der Nationaltrainer der dpa, da „man ganz viele andere Probleme“
       habe. Wenn Deutsche die Vergabe nach Katar kritisierten, sollten sie auch
       „vor der eigenen Haustür kehren“, schlug Addo vor. [4][Vor der Küste der EU
       stürben jeden Tag Menschen, weil sie nicht aufgenommen würden.]
       
       „Sie flüchten aus wirtschaftlichen Gründen, die wir mitverursachen und in
       der Historie mitverursacht haben“, kritisierte Addo. Und während in Afrika
       jeden Tag Tausende Menschen verhungern, würden „hierzulande täglich
       tonnenweise Lebensmittel weggeschmissen“.
       
       22 Nov 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Ausstellung-zu-Schwarzen-in-Deutschland/!5662385
   DIR [2] /Regionalligist-Energie-Cottbus/!5382095
   DIR [3] https://www.fifa.com/de/tournaments/mens/worldcup/qatar2022
   DIR [4] /Nach-Bootsunfall-vor-syrischer-Kueste/!5883543
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Gernot Knödler
       
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