# taz.de -- Versorgung von Menschen mit Behinderung: Fachexpertise Fehlanzeige
> Das neue Bremer Behandlungszentrum für Erwachsene mit Behinderungen soll
> die Versorgung verbessern. Doch seit Wochen fällt die Leitung aus.
IMG Bild: Der Weg zum Arzt ist für Menschen mit Behinderung oft ein Problem
Bremen taz | Es ging um nichts weniger als die Umsetzung der
[1][UN-Behindertenrechtskonvention,] als in Bremen im August 2021 das
Medizinische Behandlungszentrum für Erwachsene mit geistigen und/oder
schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB) [2][eröffnet wurde]. Die Hoffnung
war: bessere Begleitung, Beratung und Behandlung. „Im allgemeinen
Versorgungssystem fehlt häufig die Zeit sowie die Fachexpertise“, sagt der
Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein. Doch sein Vorwurf lautet
jetzt: „So richtig zum geräuschlosen Arbeiten ist das Zentrum nie
gekommen.“
Die ärztliche Leitung sei „seit einigen Wochen erkrankt“, sagt Karen
Matiszick, Sprecherin des kommunalen Klinikverbundes Gesundheit Nord
(Geno). Am Klinikum Mitte, einem der Häuser der Geno, ist das MZEB
angesiedelt. Zudem sei fast das gesamte Team im Spätsommer an Corona
erkrankt; Termine seien in dieser Zeit verschoben oder abgesagt worden.
„Das hat verständlicherweise zu Unmut geführt.“
Für den anhaltenden Engpass aufgrund der fehlenden Ärztin suche man
„intensiv nach einer Lösung“. Jemanden mit so speziellen Qualifikationen
auf dem Arbeitsmarkt zu finden, sei schwierig. Ein weiterer Arzt ist noch
im Team, ein Neurologe. Daneben eine Psychologin, eine Physiotherapeutin,
eine Ergotherapeutin und eine Logopädin sowie eine speziell weitergebildete
Krankenschwester.
Derzeit würden insgesamt 44 Patient*innen betreut. „Sollten deutlich
mehr kommen, muss man sich anschauen, ob man weiter aufstockt“, sagt
Matiszick. Der Start des MZEB sei zwar „holprig“ gewesen, aber jetzt seien
alle Räume voll ausgestattet. Aktuell könne man den Bedarf gut decken.
Den Eindruck hat [3][Arne Frankenstein] nicht. Ihm würden Betroffene, ihre
Betreuer*innen oder Einrichtungen berichten, dass neue Patient*innen
aktuell keine Termine mehr bekommen. Und das sei ein Problem: „[4][Menschen
mit einer geistigen oder schweren mehrfachen Behinderung] im
Erwachsenenalter begegnen im gesundheitlichen Versorgungssystem in Bremen
so immensen Barrieren, dass diese oft nicht bedarfsgerecht und mitunter
überhaupt nicht behandelt werden.“
Frankenstein fordert eine kurzfristige personelle Aufstockung, eine
Sicherstellung der psychosozialen Betreuung und eine bessere „räumliche
sowie apparative“ Ausstattung. „Alle Punkte sind nach über einem Jahr der
Inbetriebnahme nach meinem Kenntnisstand nicht erfüllt.“
Ilona Schmidt arbeitet beim Jugendgemeinschaftswerk Bremen und leitet dort
eine Tagesförderstätte für 87 Erwachsene mit zum Teil schwersten
Mehrfachbeeinträchtigungen. „Wir kriegen Signale, dass die Zukunft des MZEB
unklar ist“, sagt sie. Dabei leiste das MZEB gute Arbeit. „Wir durften
bereits erleben, dass ein interdisziplinäres Team auch ins Haus kommt, wenn
es für die Betroffenen nur unter größter psychischer Kraftanstrengung
möglich ist, zur Untersuchung in die Klinik zu fahren.“
Vorher habe es häufig eine „Versorgungslücke“ gegeben, sagt Schmidt. In der
Regel mussten Hilfesuchende zu verschiedenen Fachärzt*innen, was sich trotz
akuten Leidensdrucks über einen langen Zeitraum hinziehen könne.
Verschiedene Anlaufstellen seien die Hausärzt*in, dann vielleicht die
Neurolog*in, Orthopäd*in, Psychiater*in. „Wir erleben aufgrund der zu
beobachtenden Verhaltensauffälligkeiten dann wiederholt eine Einstellung
mit Psychopharmaka, die sich in der Praxis als kontraproduktiv erweist“,
sagt Schmidt.
## Wartezeit zwei Monate
Laut dem Geschäftsführer des Jugendgemeinschaftswerks, Jens Hartmann,
beträgt die Wartezeit beim MZEB momentan um die zwei Monate. Der
Martinsclub betreut in Bremen ebenfalls Menschen mit Behinderung. Vorstand
Thomas Bretschneider sagt, auch hier sei es „kaum möglich“, Termine zu
vereinbaren. „Wenn das MZEB wieder aufgelöst wird, haben die Menschen
nichts mehr.“
Dicht machen will das MZEB niemand. Auch das Gesundheitsressort schließt
das komplett aus. Aber die Entscheidung liegt letztlich bei der
Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Diese hatte eine sogenannte Ermächtigung
für das MZEB erlassen, damit es überhaupt tätig werden konnte. Darin ist
genau geregelt, welche Leistungen erbracht werden.
Trotzdem werde diese Ermächtigung bei der nächsten Sitzung des
Zulassungsausschusses am 14. November auf der Tagesordnung stehen, sagt der
Sprecher der KV Bremen – wohl außerplanmäßig, läuft doch die Ermächtigung,
so heißt es aus dem Büro des Landesbehindertenbeauftragten, noch bis
Frühjahr 2025.
8 Nov 2022
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## AUTOREN
DIR Alina Götz
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