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       # taz.de -- Juso-Bundeskongress: Frontalangriff nach Streicheleinheit
       
       > Der Juso-Bundeskongress in Oberhausen verläuft lange äußerst harmonisch.
       > Am Ende redet SPD-Chef Lars Klingbeil – und plötzlich ist alles anders.
       
   IMG Bild: Streit über Deutschland als „Führungsmacht“: Lars Klingbeil und Jessica Rosenthal
       
       Berlin taz | „Ihr macht eine super Arbeit“, ruft die SPD Chefin Saskia
       Esken den rund 300 Delegierten des Juso-Bundeskongresses zu. Auch die 49
       SPD-Abgeordneten im Juso-Alter würden „eine andere Perspektive bei
       Emanzipation und Selbstbestimmung“ einbringen. „Das ist sehr wertvoll für
       unser Politik.“ So viele Streicheleinheiten von der Parteiführung gibt es
       bei Juso-Kongressen nicht immer. Die Zeiten, als die Jusos gegen die Groko
       und SPD-Spitze wetterten – sie sind scheinbar vorbei.
       
       Zweieinhalb Tage lang debattieren die Jusos in Oberhausen. Das Motto heißt
       „Solidarisch. Komme was wolle.“ Sie rufen zu einer „Kampagne gegen rechts“
       auf, fordern eine drastische Anhebung des Bürgergelds und eine gepfefferte
       Vermögensabgabe. Esken wirbt für Verständnis für die Zwänge der Ampel. Mit
       FDP und Grünen zu regieren sei „echt nicht immer einfach“. Und außerdem
       habe kaum eine Regierung es in so kurzer Zeit mit so vielen Krisen zu tun
       gehabt. Kein Widerspruch vonseiten der Jusos.
       
       Als Esken ruft: „Wir brauchen eine Vermögensabgabe der Superreichen“,
       erntet sie tosenden Beifall. Wie ein Refrain kehren in den Reden die Worte
       FDP und Christian Lindner immer wieder. Dass man einen gemeinsamen Gegner
       hat, der leider verhindert, dass die SPD-MinisterInnen tun können, was sie
       eigentlich wollen – auch das scheint die neue Gemeinsamkeit zwischen Jusos
       und Partei zu fördern. Revolte war gestern?
       
       ## Klingbeils Auftritt als Türöffner
       
       Auch der Auftritt von Kevin Kühnert, bis 2021 Juso-Chef, jetzt
       SPD-Generalsekretär, wird mit viel Beifall bedacht. Ein Juso mahnt danach
       sanft an, Kühnert müsse als Generalsekretär mehr für die Vision einer
       besseren Welt tun. Kritik nur in homöopathischer Dosis.
       
       Kurz vor dem Ende des Kongresses am Sonntagvormittag knallt es dann doch.
       Parteichef Lars Klingbeil wirbt für Selbstkritik der SPD in Sachen Russland
       – und verteidigt seine Formel, dass [1][Deutschland in der EU eine
       „Führungsmacht“ sei.] Die solle Berlin nicht breitbeinig spielen, aber beim
       EU-Beitritt der Ukraine müsse Berlin führen. Dieses buzzword ([2][das
       Juso-Chefin Jessica Rosenthal in der taz am Freitag heftig kritisiert
       hatte]) öffnet alle Schleusen. „Wir sind keine Führungsmacht. Das ist und
       bleibt falsch“, kontert Rosenthal in Oberhausen.
       
       Klingbeils Auftritt ist der Türöffner für vieles, war vorher ungesagt
       blieb. Sinem Tasan-Funke kritisiert, dass die SPD keine Vision habe und
       fast so unsichtbar sei wie in der Großen Koalition. „Führt die Koalition
       endlich.“ Wenn die SPD glaube, wie 2021 mit weißen alten Wählern und gegen
       schwache Gegner Wahlen zu gewinnen, sei sie auf dem Holzweg.
       
       Phillipp Türmer greift Klingbeil frontal an. Als Parteichef sei man immer
       ein bisschen Sprecher des Kanzlers. „Aber du gehst zu sehr in dieser Rolle
       auf.“ Selbstkritik in Sachen Russland sei unglaubwürdig, wenn man
       gleichzeitig den Verkauf [3][von Teilen des Hamburger Hafen an einen
       chinesische Staatskonzern] durchwinke.
       
       Der SPD-Chef musste sich noch anhören, dass er nur Pressesprecher des
       Kanzleramts sei. Und die Partei hinter einem unsichtbaren Kanzler
       verschwinde. Klingbeil kontert, dass „es schwieriger ist, zu regieren als
       Opposition zu sein“, und appelliert an die Einheit. Der SPD-Chef hatte
       zuvor jovial bemerkt, so ergeben, wie die Junge Union bei Markus Söder
       auftrete, wolle er die Jusos nicht. „Den Gefallen habt ihr mir getan“, sagt
       Klingbeil am Ende.
       
       Am nächsten Wochenende trifft sich die SPD zum Debattenkonvent und einem
       kleinen Parteitag in Berlin. Mit Kanzler Olaf Scholz, der, anders als 2021,
       dem Jusotreffen fern blieb. Man darf gespannt sein, ob die Jusos ihre
       radikale Kritik an der Ampel auch dem Kanzler unter die Nase reiben.
       
       30 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.vorwaerts.de/artikel/klingbeil-deutschland-anspruch-fuehrungsmacht-haben
   DIR [2] /Juso-Chefin-zur-deutschen-Aussenpolitik/!5887395
   DIR [3] https://www.tagesschau.de/kommentar/cosco-china-kommentar-101.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Stefan Reinecke
       
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