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       # taz.de -- Russlands Gesellschaft ist gespalten: Manche reden vom Wetter
       
       > Die Menschen in Russland verzweifeln. Der Angriff auf die Ukraine kann
       > nicht mehr verleugnet werden. Eindrücke zwischen Indoktrination und Exil.
       
   IMG Bild: Geflüchtete Russen in einem Auto an der georgischen Grenze, 30. September 2022
       
       Wirklich schade, dass man Strelkow an die Front geschickt hat. Die Menschen
       brauchen ihn in Russland. Er ist [1][der Stolz dieses Landes]“, schreibt
       ein Blogger namens Der Kommissar, der verschwindet vor Kurzem über Igor
       Girkin, Pseudonym Strelkow – der Schütze. „Auch für ihn wird an der Front
       alles anders sein als im Jahr 2014. Wir haben nicht mehr ‚1918‘, wir haben
       ‚1942‘, wie in Stalingrad.“
       
       Girkin-Strelkow, geboren 1970 in Moskau, war als Oberst der russischen
       Armee federführend bei der Besetzung der Ostukraine 2014. Er hat dort die
       Entführung und Ermordung von ukrainischen Lokalpolitikern angeordnet und
       ist mit hoher Wahrscheinlichkeit verantwortlich für den Abschuss einer
       Passagiermaschine der Malasyia Airlines auf dem Flug von Amsterdam nach
       Kuala Lumpur am 17. Juli 2014 über dem Gebiet der Ukraine, bei dem alle 298
       Insassen getötet wurden.
       
       Vier Deutsche waren unter den Opfern. Girkin ist aufgrund seiner
       mutmaßlichen Beteiligung international zur Fahndung ausgeschrieben.
       Russland hat ihn nicht ausgeliefert. Seit 2020 findet im niederländischen
       Den Haag ein Prozess um den Flugzeugabschuss statt. Girkin wird darin als
       einer von vier Tatverantwortlichen geführt.
       
       ## Social-Media-Einpeitscher
       
       Bevor er wieder an die Front geschickt wurde, wurde er aus der Armee
       entlassen, auch beim FSB, dem russischen Inlandsgeheimdienst, wird er nicht
       mehr als Mitarbeiter geführt. Aber er war lange präsent, tummelte sich in
       den russischen sozialen Netzwerken und genoss da Starruhm. Telegram ist
       seine Hauptspielwiese, da hat Girkins eigener Kanal 750.000 Abonnenten.
       V-Kontakte, das russische Facebook, bespielt er auch. Seine [2][„Ich
       erkläre Euch den Krieg“]-Videos lädt er auf „brighteon“ hoch.
       
       Mit der Noworossija(Neurussland)-Flagge im Hintergrund positioniert sich
       Girkin als Ultra-Hardliner, für den das eigentliche Kriegsziel im Anschluss
       aller Gebiete des im Zarenreich durch Binnenkolonialisierung entstandenen
       „Noworossija“ liegt. Das umfasste etwa auch Charkiw und Odessa. Vor wenigen
       Wochen setzt sich Girkin-Strelkow in einem Video mit dem 21. September, dem
       Tag der Teilmobilmachung, auseinander.
       
       Der Social-Media-Oberst übt vehemente Kritik am Gefangenenaustausch, der
       gleichentags stattgefunden hat. Seiner Meinung nach hätte an den
       ukrainischen Asow-Kämpfern, die durch den Tausch frei kamen, die
       Todesstrafe vollstreckt werden sollen. Das Wort „erschießen“ verwendet
       Girkin im Bezug auf die ukrainischen Kriegsgefangenen, aber auch auf
       Jugendliche in Moskau, die gegen die Teilmobilmachung protestiert haben.
       „Man müsste sie nicht gleich erschießen, die bohemisierte
       Hauptstadtjugend“, aber man fasse sie viel zu sanft an. Denn die Jugend sei
       die Fünfte Kolonne.
       
       ## Stalinistischer Terminus
       
       Girkin-Strelkow übernimmt hier einen Terminus, den Stalin während des
       Zweiten Weltkriegs für Bevölkerungsgruppen in der Sowjetunion benutzte, die
       er des Landesverrats verdächtigte, zum Beispiel die Wolgadeutschen. Dann
       versteigt er sich zur Behauptung: „Die Wurzel dieser Fünften Kolonne geht
       hinauf bis in den Kreml.“
       
       Direkte Kritik an Wladimir Putin vermeidet der harte Oberst, aber er
       kritisiert dessen Umgebung, die allgegenwärtige Korruption und die daraus
       resultierende Ineffizienz der russischen Armee bei der Kriegsführung in der
       „sogenannten Ukraine“ (Originalton Girkin). Er war und ist ein
       Überzeugungstäter. Und das ist wiederum der Grund für Tausende Russinnen
       und Russen, darunter viele Armeeangehörige, dem Ultranationalisten, der
       jetzt sogar wieder an der Front ist, auf Telegram zu folgen.
       
       ## Zerstörerischer Putin
       
       Anfang Oktober legt eine Frau einen handgeschriebenen Zettel auf das Grab
       von Putins Eltern in Sankt Petersburg: „Ihr Eltern eines
       Größenwahnsinnigen, nehmt ihn zu euch. Von ihm geht so viel Zerstörung aus.
       Ich wünsche ihm den Tod, ihr habt einen Mörder aufgezogen.“ Es ist die
       verzweifelte Aktion einer Einzelnen. Sie wurde inzwischen unter Hausarrest
       gestellt.
       
       Der Telegram-Kanal „Archangel Speznasa Z“ der gleichnamigen Spezialeinheit
       zeigt unzählige Videoclips aus dem Krieg, die die Angehörigen der Einheit
       als unerschrocken darstellen. Die mehr als 600.000 Follower bekommen
       täglich bis zu zehn Posts dieser Art.
       
       Vergangenen Samstag aber erfolgte plötzlich ein Crowdfunding-Aufruf: „Sehr
       geehrte Abonnenten, unsere Jungs an der Front brauchen eure Hilfe, was
       Ausrüstung und Technik betrifft.“ Es müssen besorgt werden: 9 Taschenlampen
       Armytrek, 20 Paar Stiefel Vaneda, ein Fernglas, 5 Feldapotheken March. „Es
       fehlen noch 500.000 Rubel.“ (Umgerechnet etwa 8.300 Euro)
       
       Ende September schreibt ein junger Schauspieler aus Moskau einem engen
       Freund, der längst im Ausland lebt: „Einige Jungs haben sich das Leben
       genommen, nachdem sie den Einberufungsbefehl erhalten haben. Ich habe dazu
       nicht das Recht. Ich kann aber auch nicht abwarten, ob ich in der
       Todeslotterie gewinne oder verliere. Und darum muss ich jetzt alles
       verlassen, was mir vertraut und teuer ist. Mein Leben ist nun komplett
       fremdbestimmt. Von einem Tag auf den anderen hat man mir jegliche Hoffnung
       geraubt. Man hat mir mein Leben buchstäblich entrissen.“
       
       ## Per Fahrrad nach Georgien geflüchtet
       
       In Moskau gehen Anfang Oktober regimetreue Menschen auf die Straße und
       fordern tatsächlich „Auf nach Washington! Weg mit Biden!“ [3][In Tiflis
       wird zur gleichen Zeit an jeder Ecke russisch gesprochen]. Neun junge,
       geflüchtete Russen im wehrfähigen Alter zwischen 20 und 25 sitzen in einem
       Park. Seit vier Tagen sind sie in der Stadt. Einer ist mit dem Fahrrad über
       die russisch-georgische Grenze gekommen, die anderen haben sich per
       Direktflug nach Jerewan ins benachbarte Armenien abgesetzt und sind von
       dort mit dem Bus weiter in die georgische Hauptstadt gefahren.
       
       Eine Hälfte ihrer Eltern sei für den Krieg, die andere dagegen, sagen sie.
       Und überlegen dann pragmatisch: Tiflis ist teuer, ihr Geld reiche gerade
       für drei Monate, also wollen sie so schnell wie möglich weiter in die
       billigere Türkei, da kann man neun Monate davon leben.
       
       Auf dem Rustaveli-Boulevard, der Hauptstraße von Tiflis, geht eine Familie
       spazieren. Mutter (79), Sohn (46), Enkel (21). Sie sprechen russisch. Der
       Sohn lebt als regimekritischer Journalist schon seit Jahren im Ausland. Die
       Mutter in Moskau. Es ist ihr erstes Wiedersehen seit Kriegsbeginn. Der Sohn
       hat sein Ukraine-Unterstützungs-T-Shirt diesmal im Koffer gelassen. Das
       Thema „Krieg in der Ukraine“ wird von beiden Seiten umschifft. Dann rutscht
       der Mutter doch raus: „Euch geht es ja jetzt so schlecht im Westen!“ und
       „Ich hasse die Ukrainer!“
       
       ## Radikalisierende Tendenzen auf der Bühne
       
       Am Abend geht es ins russischsprachige Gribojedow-Theater. Eine Premiere
       steht an: „Stalin 24“, eine beißende Satire auf radikalisierende Tendenzen
       in der russischen Gesellschaft. Auf der Bühne stehen Schauspieler:Innen
       aus der Ukraine, aus Belarus, Russland, Turkmenistan und Georgien. Das
       Exil-Ensemble ist für fast alle Heimatersatz und bietet gleichzeitig die
       Möglichkeit, aus der Passivität herauszutreten, sich auszudrücken und
       politisch zu positionieren.
       
       Der Saal mit seinen fast 200 Plätzen ist ausverkauft, das (Exil-)Publikum
       steht auf und applaudiert anhaltend. Für die Dauer der Vorstellung entsteht
       so die gerade jetzt so wichtige temporäre Gemeinschaft von Gleichgesinnten,
       die Kraft gibt, die Umstände des Exils auszuhalten.Und alle, die Spielenden
       und die Zuschauenden, sind hier Handelnde. Nur durch ihr Zusammenspiel wird
       die Kritik am System Putin öffentlich.
       
       Selbst die Mutter des Journalisten lobt die Machart der Inszenierung. Auf
       den Inhalt des Stücks geht sie dagegen mit keinem Wort ein. Ihr Sohn
       insistiert nicht. Wann und ob man sich überhaupt wiedersieht, steht ohnehin
       in den Sternen. Lieber redet man übers Wetter, umarmt sich und freut sich,
       dass man sich noch hat.
       
       Auf Telegram wird derweil zigfach ein Gedicht geteilt. Ein gewisser Andrej
       Orlow dichtet: „Ich habe geträumt, dass die Russen ein Land haben, von dem
       kein Krieg ausgeht, in dem nur eins wichtig ist: / Das Land braucht dich
       und du brauchst das Land / Dieses Land ist mit seinen Grenzen zufrieden,
       vor diesem Land muss man keine Angst haben. / In diesem Land geht es nicht
       ums Überleben, sondern ums Leben. / Und niemand zwingt dich, dieses Land zu
       lieben.“
       
       17 Oct 2022
       
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       ## AUTOREN
       
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