# taz.de -- Kritik an deutscher Innovationspolitik: Schneller und mutiger erneuern
> Ein OECD-Gutachten kritisiert die deutsche Innovationsstrategie. Es
> empfiehlt, ein „Experimentallabor für Innovationen“ einzurichten.
IMG Bild: Deutschland soll „agiler, risikotoleranter und experimentierfreudiger“ werden
Berlin taz | Deutschland sieht sich selbst gern als ein ausgesprochen
innovatives Land, dem andere das Wasser nicht reichen können. Von außen
gesehen fallen die Schwächen eher auf. Da wirkt die Bundesrepublik im
internationalen Innovations-Wettlauf vielmehr wie eine Schnecke, die
langsamer als die Konkurrenten vorankommt. In der Regierung arbeiten die
Ministerien nur unzureichend zusammen; jedes pflegt lieber seinen eigenen
Innovations-Vorgarten, statt sich zu einer großen Mission – etwa gegen den
Klimawandel oder für eine Kreislaufwirtschaft – zu verbünden.
Diese Kritik hat jetzt der führende Thinktank der Industrienationen, die
[1][Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD),
in einem Gutachten über die deutsche Innovationspolitik] geäußert. Wenn
Deutschland in seinen Kernbranchen wie Automobilbau, Maschinenbau oder
Chemie weiter vorne mitmischen wolle, dann müsse es in seinen
Innovationsanstrengungen „agiler, risikotoleranter und
experimentierfreudiger“ werden, heißt es in der Untersuchung, die im
Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums entstanden ist.
„Deutschland muss die Innovationspolitik reformieren, um die
Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie zu sichern“, betont die OECD.
Schlimm sei es vor allem um [2][die Digitalisierung] bestellt. „Bisher
verharrt der Anteil der Informations- und Kommunikationstechnik an den
Investitionen deutscher Unternehmen auf niedrigem Niveau“, stellen die
Pariser Experten fest. Mit nur 6,6 Prozent im Jahr 2021 bilde Deutschland
in der G7-Gruppe das Schlusslicht und liege deutlich hinter führenden
Ländern wie den Vereinigten Staaten (17,1 Prozent) oder Frankreich (18,4
Prozent). „Auch im Bereich autonomes Fahren und in anderen wichtigen
digitalen Schlüsseltechnologien ist der Rückstand der deutschen Industrie
auf konkurrierende Volkswirtschaften groß“, heißt es in dem 374-Seiten
Report.
## Ein neues Instrument
Neben der bemerkenswert deutlichen Kritik sind aber auch die positiven
Vorschläge interessant, die die OECD macht. Im Unterschied zur
Ampel-Koalition, die als neues Instrument ihrer Innovationspolitik [3][die
Gründung einer „Deutschen Agentur für Transfer und Innovation“ (DATI)]
verfolgt, schlägt die OECD als schlankeren Ansatz die Einrichtung eines
„Experimentallabors für Innovationen“ vor.
Aufgabe des in Form einer „Public-Private-Partnership“ organisierten Labors
sollte es sein, so der Report, „vielversprechende Innovationen im gesamten
Ökosystem von Wissenschaft, Technologie und Innovation zu fördern“. Das
Labor hätte auch den Auftrag, die Abstimmung zwischen Fachministerien,
öffentlichen Einrichtungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu verbessern.
Es könnte „regionale Kompetenzen nutzen, um die Entwicklung und Skalierung
besonders vielversprechender Regulierungs- und Politikansätze zur
Bewältigung von Innovationsherausforderungen zu beschleunigen.“
Der OECD-Vorschlag ist ein neuer Akzent in der deutschen
Innovationsdebatte, die derzeit vor allem um die Formulierung der
[4][„Zukunftsstrategie Forschung und Innovation“] kreist, die federführend
im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erstellt wird. Ob er
Aufnahme ins Dokument der Bundesregierung findet, wird sich bis Anfang 2023
zeigen.
14 Oct 2022
## LINKS
DIR [1] https://www.oecd-ilibrary.org/science-and-technology/oecd-berichte-zur-innovationspolitik-deutschland-2022_9d21d68b-de
DIR [2] /Forschungspolitik-der-Ampel/!5876774
DIR [3] /Die-neue-Innovationsagentur-des-Bundes/!5841289
DIR [4] /Zukunftsstrategie-Forschung/!5877703
## AUTOREN
DIR Manfred Ronzheimer
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