URI:
       # taz.de -- Energiesparen im Fußball: Anstoß für den Klimaschutz
       
       > Der SV Babelsberg 03 fordert in der Klima- und Energiekrise das Aus von
       > Rasenheizungen. Doch dem Profifußball ist die Vermarktung der Spiele
       > wichtiger.
       
   IMG Bild: Der perfekte Rasen verschlingt viel Energie: Lichtstrahler für Rasenwachstum im Stadion in München
       
       Berlin taz | [1][Energie sparen ist derzeit oberstes Gebot].
       Privathaushalte sind aufgerufen, ihre Raumtemperatur zu senken und
       [2][kürzer zu duschen]. Im Kreuzberger Prinzenbad wird das Wasser wegen der
       Energiekrise seit Wochen nicht mehr geheizt, weshalb sich Hartgesottene mit
       Neoprenanzug ins 16 Grad kalte Wasser stürzen. Andere Schwimmbäder wie das
       Potsdamer Kiezbad am Stern werden gleich ganz geschlossen.
       
       Nur im Fußball bleibt bislang alles beim Alten: Flutlichter werden auch bei
       strahlendem Sonnenschein angeschaltet, die Rasenheizung läuft auf
       Hochtouren, Spielfelder werden künstlich bestrahlt, damit das Gras grün
       bleibt.
       
       Damit sich das ändert und auch der Fußball seinen Beitrag zum Klimaschutz
       und zum Energiesparen leistet, hat der Potsdamer Regionalligist SV
       Babelsberg 03 die Deutsche Fußball Liga (DFL) und den Deutschen
       Fußball-Bund (DFB) dazu [3][aufgefordert, Rasenheizungen umgehend
       abzuschalten].
       
       „Der Betrieb von Rasenheizungen ist eine Verschwendung von Ressourcen, die
       wir uns nicht mehr leisten können“, sagt Katharina Dahme,
       Vorstandsvorsitzende des SV Babelsberg. „Von allen Menschen wird Verzicht
       eingefordert, aber im Profifußball soll alles einfach so weitergehen, das
       ist nicht vermittelbar“, so Dahme zur taz.
       
       ## Rasenheizung ist Pflicht
       
       Laut Babelsberg verbraucht eine Rasenheizung im Schnitt 4.000
       Kilowattstunden pro Tag. Bei großen Stadien ergebe das bei 120 bis 140
       Nutzungstagen pro Jahr einen Verbrauch von rund 500.000 kWh. Das entspreche
       dem jährlichen Durchschnittsverbrauch von 200 Zwei-Personen-Haushalten –
       pro Stadion.
       
       Dabei sind Rasenheizungen laut Dahme „komplett überflüssig“. Dennoch ist
       die Installation Pflicht für den Aufstieg in die Dritte Liga. Für den
       Viertligisten, den der Einbau einer Rasenheizung rund 400.000 Euro kosten
       würde, ist das „ökologischer Wahnsinn, der völlig aus der Zeit gefallen
       ist“.
       
       Der DFB verweist auf taz-Nachfrage auf die Abhängigkeit des Profisports von
       TV-Geldern, deren Wert sich unter anderem an verlässlichen Spielterminen
       bemesse. Eine Rasenheizung sei also nötig, „um witterungsbedingte
       Spielausfälle so weit wie möglich zu minimieren“. Zudem habe „jeder
       kurzfristige Ausfall eines Spiels aufgrund einer nicht vorhandenen
       Rasenheizung negative Effekte“. Spielvorbereitungen wie Aufbauten und
       Anreisen müssten erneut vorgenommen werden.
       
       Für den SV Babelsberg zählt das nicht. „Wenn wir jetzt nicht anfangen, beim
       Klimawandel entschiedener entgegenzusteuern, wird es zu spät sein. Da haben
       Interessen wie etwa die Vermarktung der Spiele durch gesicherte
       Anstoßzeiten hintenanzustehen“, heißt es in einer [4][Petition an den
       Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz], Robert Habeck (Grüne), die
       bislang fast 40.000 Menschen unterschrieben haben.
       
       ## Bundesliga soll 15 bis 20 Prozent Energie sparen
       
       Im Hause Habeck sieht man den Vorstoß des SV Babelsberg durchaus positiv.
       „Die Energiesparmaßnahmen sind angesichts der angespannten Lage auf den
       Energiemärkten notwendig und leisten einen weiteren Beitrag zur
       Gewährleistung der Versorgungssicherheit“, so eine Sprecherin auf
       taz-Nachfrage. Energiepolitische Vorgaben an den DFB gibt es bislang
       allerdings nicht. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte unlängst von der
       Bundesregierung Finanzhilfen für Vereine in der Energiekrise gefordert.
       
       Vor rund zwei Wochen hatte der DFB immerhin eine Nachhaltigkeitsstrategie
       verabschiedet. Auch die DFL hatte Ende Mai erstmals [5][Kriterien
       beschlossen, die alle Vereine zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten sollen].
       Konkrete Maßnahmen sucht man darin allerdings vergeblich. Das Fan-Bündnis
       „Zukunft Profifußball“ bezeichnete diese gar als „ambitionslosen
       Kriterienkatalog, mit dem der Profifußball seiner Verantwortung nicht
       gerecht wird“.
       
       Die DFL fordert die Bundesligavereine dazu auf, 15 bis 20 Prozent Energie
       zu sparen. Wie die Vereine das machen, bleibt ihnen allerdings selbst
       überlassen. Bei einem ersten Vernetzungstreffen vor wenigen Wochen soll es
       auch um den Einsatz von Flutlicht und Rasenheizungen gegangen sein.
       
       Letztere dienen laut DFL neben dem Schutz des Rasens auch der
       Verletzungsprävention der Spieler, weil die Rasenheizung auch vor einem
       frostharten Boden schützt. Das gilt allerdings nicht für Frauen: Für die
       gibt es weder in der Ersten Liga noch in der Champions League eine
       Verpflichtung, Rasenheizungen zu installieren.
       
       ## Umstellung des Spielkalenders im Gespräch
       
       Beim Erstligisten Union Berlin hält man das Einsparziel der DFL jedenfalls
       für unrealistisch. So habe Union etwa die Einsatzzeiten der Rasenheizung
       und des Flutlichts überprüft. „Es ist festgestellt worden, dass wir relativ
       wenig Energie einsparen können, weil wir schon sehr sparsam waren“, so
       Präsident Dirk Zingler.
       
       Dass im Profifußball Spiele mittlerweile eine Minute später angepfiffen
       werden, um ein Zeichen für den Klimaschutz zu senden, und in Durchsagen
       dafür geworben wird, mit dem Rad zum Stadion zu fahren, empfinden viele
       Fans angesichts der V[6][ielfliegerei der Spieler] und fragwürdigen
       Sponsoren als Greenwashing. Solange der DFB [7][eine WM in Katar]
       durchführt, bei der Spieler und Fans für jedes Spiel aus dem benachbarten
       Dubai eingeflogen werden müssen, werden Buhrufe während der
       Klima-Schweigeminute im Stadion wohl nicht ausbleiben.
       
       Eine noch radikalere Forderung, um Öl und Gas für Flutlicht, Rasenheizung
       oder beheizte Innenräume zu sparen, ist die Umstellung des Spielkalenders
       auf März bis Dezember, wie sie unlängst der ehemalige DFL-Geschäftsführer
       Andreas Rettig ins Spiel gebracht hat. Während der DFB auf Schwierigkeiten
       wegen internationaler Wettbewerbe verweist, zeigt man sich beim SV
       Babelsberg aufgeschlossen: „Wir stehen allen Energiesparmaßnahmen offen
       gegenüber, Hauptsache, sie kommen schnell“, sagt Dahme.
       
       5 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Schornsteinfeger-uebers-Energiesparen/!5881196
   DIR [2] /Energie-sparen-in-Kriegszeiten/!5861271
   DIR [3] https://babelsberg03.de/blog/2022/09/12/offener-brief-petition-keine-heisse-luft-rasenheizungen-abschalten/
   DIR [4] https://www.change.org/p/keine-hei%C3%9Fe-luft-rasenheizungen-abschalten
   DIR [5] /Fussball-entdeckt-Klimaschutz/!5846296
   DIR [6] /Die-CO2-Bilanz-des-Fussball/!5624347
   DIR [7] /Oekobilanz-der-Fussball-WM-in-Katar/!5814587
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Marie Frank
       
       ## TAGS
       
   DIR Fußball
   DIR Fußball und Politik
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Fifa
   DIR Energiesparen
   DIR Schwerpunkt Fridays For Future
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
   DIR Andreas Rettig
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Fußball entdeckt Klimaschutz: Profifußball könnte Vorbild sein
       
       Beim Thema Klimaschutz gibt es immer noch viele Fußballklubs, denen das
       Thema völlig egal ist. Dabei sind die Fans an der Basis viel weiter.
       
   DIR Ökobilanz der Fußball-WM in Katar: Groteske Widersprüche
       
       Die Fußball-WM 2022 in Katar soll klimaneutral sein. Wie das trotz des
       Einsatzes von Energiefressern klappen soll? Das ist die große Frage.
       
   DIR Andreas Rettig über Nachhaltigkeit: „Der Fußball braucht eine neue DNA“
       
       Der Geschäftsführer von St. Pauli will die Attraktivität der Profiligen
       durch ökologische und soziale Auflagen steigern. Es brauche „die
       nachhaltigste Liga der Welt“.