URI:
       # taz.de -- Neue Nachtzugverbindung nach Schweden: Premiere mit Hindernissen
       
       > Nach fast drei Jahrzehnten gibt es wieder eine ganzjährige
       > Nachtzugverbindung zwischen Deutschland und Schweden. Doch der Start
       > verläuft holprig.
       
   IMG Bild: An der Realität gescheitert: Der Nachtzug Hamburg-Stockholm in einem Werbebild der schwedischen Staatsbahn
       
       Stockholm taz | „Ärgerlich“, sagt Dan Olofsson, Projektverantwortlicher bei
       SJ, der staatlichen schwedischen Eisenbahn: „Trotz mehr als einjähriger
       Vorbereitung stolpern wir kurz vor der Ziellinie.“ Aber es gibt sie
       jedenfalls wieder: Nach einer Pause von 28 Jahren ist eine tägliche
       Nachtzugverbindung zwischen Schweden und Deutschland wieder in Betrieb –
       und zwar ganzjährig.
       
       Das wollte man ursprünglich angemessen feiern. Doch dann verzichtete man
       lieber auf Musikkapelle und feierliche Reden. Der Start war nämlich etwas
       bescheiden. Zwar machte sich der Premierenzug des Euronight 497 am 1.
       September pünktlich um 17.34 Uhr von Stockholm-Central auf die 13 Stunden
       lange Reise nach Deutschland auf den Weg. Und gut vier Stunden später
       startete in der Gegenrichtung auch der EN 496 von Hamburg-Altona für die
       1.150 Kilometer lange Fahrt in die schwedische Hauptstadt. Doch der eine
       bestand gerade einmal aus drei dunkelblau lackierten Liegewagen, der andere
       gar nur aus zwei. Und an diesem bescheidenen Angebot wird sich vermutlich
       auch in den ersten Wochen nichts ändern.
       
       Ein Nachtzug ohne Schlaf- und Sitzwagen? Das war natürlich ganz anders
       geplant. Aber so wurde die neue Euronightverbindung gleich zu einem
       Musterbeispiel für die nach wie vor bestehenden bürokratischen Hindernisse
       im grenzüberschreitendem europäischem Bahnverkehr.
       
       SJ hatte 2021 die von der schwedischen Verkehrsbehörde aufgelegte
       Ausschreibung für einen neuen Nachtzugverkehr zwischen Stockholm und
       Hamburg gewonnen. Der schwedische Staat subventioniert diesen Verkehr
       teilweise. Eigenes Waggonmaterial konnte SJ dafür aber nicht einsetzen. Die
       schwedische Bahn hat ein anderes Lichtraumprofil als es ansonsten in den
       meisten europäischen Ländern gebräuchlich ist. Ihre Waggons sind etwas
       höher und breiter als bei der dänischen und deutschen Bahn. Außerdem bekam
       SJ keine Genehmigung für einen Zugverkehr in Deutschland.
       
       ## Materialmangel
       
       Für den Betrieb des EN 496/497 bedient man sich deshalb eines deutschen
       Partners, der diese Genehmigung hat: der deutschen Tochter des
       US-Unternehmens RDC, die beispielsweise Autozüge nach Sylt und
       Autoreisezüge zwischen Hamburg und Lörrach betreibt. Blieb das Problem des
       fahrenden Materials. Hierfür waren angesichts der Kürze der Zeit
       Neubestellungen illusorisch. Es blieb nur der Gebrauchtmarkt. SJ schaffte
       es tatsächlich, sich jeweils eine ausreichende Anzahl an je zwei Modellen
       von Sitz-, Liege- und Schlafwagen zu sichern. Doch im Sommer stellte sich
       heraus, dass der erforderliche Umbau von gebrauchten Schlafwagen, die man
       von der österreichischen ÖBB erworben hatte, wegen fehlender Komponenten
       nicht rechtzeitig fertig werden würde.
       
       Sowohl für die als vorläufigen Ersatz gedachten Schlafwagen, die RDC im
       Sommer zwischen Salzburg und Sylt eingesetzt hatte, wie für alle Sitz- und
       die restlichen Liegewagen gab es dann bürokratische Probleme. Zwar
       erteilten Schweden und Deutschland die Betriebserlaubnis, nicht aber
       Kopenhagen für die Transitstrecke durch Dänemark. Eigentlich weise die
       transeuropäische RIC-Zulasssung der Waggons nach, dass sie die technischen
       Voraussetzungen erfüllen, um im gesamten europäischen Bahnnetz eingesetzt
       werden zu können, sagt Olofsson: „Es ist deshalb merkwürdig, dass die
       dänischen Vorschriften sowohl dem [1][vierten Eisenbahnpaket der EU], wie
       dem RIC-Abkommen widersprechen.“ Konkret gebe es Differenzen um
       Brandschutzvorschriften zwischen der dänischen Verkehrsbehörde und der
       Europäischen Eisenbahnagentur ERA. Nun hofft man, dass letztere möglichst
       bald die von Dänemark gewünschten individuellen Genehmigungen für jeden
       Waggon erteilt.
       
       ## Kein Anbieter für die Strecke zwischen Malmö und Brüssel
       
       Bis dahin erhalten Reisende, die die in den kommenden Wochen fehlenden
       Plätze gebucht haben, ihr Geld zurück. Für die ersten Tage wurde von SJ
       auch ein paralleler Busbetrieb eingerichtet. Und bis auf Weiteres kann die
       Verbindung überhaupt nicht neu gebucht werden.
       
       Ursprünglich war von der schwedischen Regierung neben der Route zwischen
       Stockholm und Hamburg auch die Aufnahme einer weiteren Nachtzugverbindung
       geplant: [2][zwischen Malmö und Brüssel]. Auch die war von der schwedischen
       Verkehrsbehörde vor zwei Jahren ausgeschrieben worden. Es bewarb sich aber
       kein Bahnunternehmen, das sie betreiben wollte. Die Pläne wurden deshalb
       erst einmal auf Eis gelegt.
       
       7 Sep 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.consilium.europa.eu/de/policies/4th-railway-package/
   DIR [2] /Neue-Zugverbindungen-nach-Schweden/!5699074
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Reinhard Wolff
       
       ## TAGS
       
   DIR Verkehrswende
   DIR Reisen
   DIR Eisenbahn
   DIR Nachtzüge
   DIR Schweden
   DIR Berlintourismus
   DIR Schweden
   DIR Schweden
   DIR Schweden
   DIR Serie Nachtzugkritik
   DIR Reisen in Europa
   DIR Nachtzüge
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Erholung der Tourismusbranche: Fair reisen und bio speisen
       
       Berlins Stadtmarketing freut sich über mehr Gäste in der Stadt, sehnt sich
       aber zu lautstark nach dem guten, alten Billigflieger-Tourismus zurück.
       
   DIR Nachhaltiges Backen in Schweden: Vorbild „Polarbröd“
       
       Während schwedische Großbäckereien unter steigenden Energiepreisen ächzen,
       versorgt sich „Polarbröd“ selbst. Die Firma hat in Windkraft investiert.
       
   DIR Journalist über Migration nach Schweden: „Keine Lösungen für junge Menschen“
       
       Der schwedische Journalist Diamant Salihu floh 1991 aus dem Kosovo. Er
       beschäftigt sich mit Problemen in Schwedens migrantisch geprägten
       Wohnvierteln.
       
   DIR Vor der Parlamentswahl in Schweden: Bullerbü auf Abwegen
       
       Am Sonntag wählt Schweden. Im sonst inhaltslosen Wahlkampf gab es nur ein
       Thema: Bandenkriminalität. Am Ende könnte eine Rechtskoalition siegen.
       
   DIR Mit dem Nachtzug nach Split: Prosecco und Klappbecken im Waggon
       
       Mit dem Zug nach Kroatien, ist das nicht zu weit? Nicht unbedingt. Die
       Fahrt im Nachtzug von Wien nach Split ist jedenfalls erholsamer als ein
       Flug.
       
   DIR Zugreisen in Osteuropa: Eisenbahn-Poesie
       
       Lendenbraten als Einstiegsdroge: Für Liebhaber von Zugreisen in Mittel- und
       Osteuropa geht es nur um die schönste Strecke.
       
   DIR taz-Serie Nachtzugkritik: Schlafen super, koten verboten
       
       Mit dem Nachtzug zwischen Paris und Nizza kommt man klimafreundlich an die
       Côte d’Azur. Aber die Toiletten sind unterirdisch.