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       # taz.de -- Westberliner Wutbürgertum: Aufregende Luxuskarossen
       
       > Vor 35 Jahren sorgten Straßenkreuzer in Beton für einen Skandal. Eine
       > Potsdamer Schau erinnert an den Skulpturenboulevard Berlin.
       
   IMG Bild: Da waren die Cadillacs auch schon nicht mehr gaz frisch: Reinigung der Vostell-Skultpur 2013
       
       Berlin taz | Die Insel West-Berlin war reich an Bauskandalen. Ein
       Kunstskandal aber war neu in der Stadt der achtziger Jahre, wo Sex,
       [1][Punk], Partys und nächtliche [2][Club-Exzesse] Popstars,
       Künstler:innen und neugierige Tourist:innen anzogen. Man war tolerant
       und lebte bequem.
       
       Wohnungen links und rechts des Kurfüstendamms waren für ein paar Hundert
       D-Mark zu mieten, Einschüsse und Spuren des Zweiten Weltkriegs noch überall
       an den Fassaden zu sehen. Kohleheizungen sorgten im Winter für Smog, und
       die, die es sich leisten konnten, flohen dann auf die Kanaren.
       
       Die internationale Kunstszene traf sich bei der Kölner Kunstmesse im
       Rheinland, deshalb musste West-Berlin mit Großausstellungen protzen, um das
       Publikum anzuziehen. Der größte Kunstskandal, der West-Berlin erschütterte,
       ereignete sich im Jahr 1987 zur 750-Jahr-Feier der Stadt eben am
       beschaulichen Kurfürstendamm und erzeugte die ersten Wutbürger:innen
       und einen aggressiven Shitstorm ungeheuerlichen Ausmaßes durch die Stadt.
       
       Dieser Moment Berliner Stadtgeschichte ist [3][Thema einer aktuellen
       Ausstellung im Museum Fluxus+ in Potsdam]. Mit „Concrete Cadillacs“ wird an
       Wolf Vostells „Anti-Denkmal der Konsumgesellschaft“ erinnert zum 35.
       Jubiläum des Berliner Skulpturenboulevards. Kuratiert wird die Schau von
       Philipp John und Barbara Straka, die auch Kuratorin des
       Skulpturenboulevards war.
       
       ## Repräsentative Meile
       
       Wo heute bunte Buddy-Bären und zum Ende des Jahres hin üppige
       Weihnachtsdekoration die Kaufgemeinde der Luxusboutiquen am Kurfürstendamm
       beglücken, wollte man mit dem Boulevard repräsentativ eine bedeutende
       Kunstmeile im öffentlichen Raum entwickeln, zur Verdeutlichung des
       Anspruchs von Berlin, als ebenbürtig mit New York, London, Paris anerkannt
       zu werden. Die Idee kam von dem 1998 verstorbenen Berliner Maler, Bildhauer
       und Happeningkünstler Wolf Vostell, der den Kurfürstendamm als idealen Ort
       für ein Skulpturenmuseum im öffentlichen Raum sah.
       
       Die einzelnen Skulpturen sollten dabei in Form einer „regelmäßigen
       Perlenschnur“ auf dem Mittelstreifen des Edelboulevards im Abstand von 50
       Metern aufgestellt werden. Das erwies sich aber technisch als nicht
       realisierbar, dementsprechend suchte eine Kunstjury passende Kunst für
       passende Orte, und die Ereignisse nahmen ihren Lauf.
       
       Realisiert wurden 1987/88 immerhin acht Skulpturen an Berlins elegantester
       Flaniermeile, um die eingemauerte Stadt auch international am
       zeitgenössischen Kunstgeschehen zu beteiligen. Zudem war Berlin 1988 zur
       Kulturhauptstadt gekürt worden, und das sollte auch mit großer Kunst im
       öffentlichen Raum gefeiert werden. 1,8 Millionen Mark standen bereit.
       
       Der damalige Kultursenator Volker Hassemer (CDU) gab das Projekt
       „Skulpturenboulevard“ beim Neuen Berliner Kunstverein in Auftrag, der sich
       damals am Kurfürstendamm befand, und unterstützte das Vorhaben ohne Wenn
       und Aber gegen alle Angriffe. Der Regierende Bürgermeister Diepgen (CDU)
       aber war nach dem Aufschrei seiner Wähler:innen dagegen und verkündete,
       mit ihm werde es ein solches Vorhaben nicht geben.
       
       ## Die Sache kochte hoch
       
       Entsprechende Berichte und Interviews des SFB kann man noch im RBB-Archiv
       abrufen und sich über derart viel auf Kunst bezogene Polemik und Hysterie
       nur wundern. Auch die Stadtpresse war daran eifrig beteiligt und kochte die
       Sache hoch. So diskutierten Leute auf der Straße über Zeitungsschlagzeilen
       wie „Kunst oder Schrott“, sprachen von „Zwangsverkunstung“,
       Antigruppierungen bildeten sich und sammelten Unterschriften, das Volk
       wurde selbst kreativ, es entstanden dubiose Gegenskulpturen.
       
       Die verantwortliche Kuratorin Barbara Straka bekam während der Ereignisse
       sogar Mord- und Bombendrohungen und musste für zwei Jahre bei Freunden
       untertauchen. Sie und ihr Team versuchten es mit Gesprächen auf der Straße
       und mit Kunstvermittlung – und riskierten dabei ihre körperliche
       Unversehrtheit.
       
       Bei ihrer Eröffnungsrede zur Schau in Potsdam erzählte Straka von
       Zuschriften, die offen und auch anonym verschickt wurden. In denen war von
       „Entarteter Kunst“ die Rede, von „Gaskammern für Künstler“ und von
       „Irrsinnsbekundungen“ im Tenor tiefbrauner Propaganda. „Künstler und
       Veranstalter“, so ein Briefeschreiber, solle man „an den Laternen des
       Kurfürstendamms öffentlich aufknüpfen“.
       
       Von den damaligen Geschehnissen zeugt heute noch auf der Mittelinsel am
       Rathenauplatz in Charlottenburg, am Ende des Kurfürstendamms, Wolf Vostells
       Auto-Beton-Skulptur „2 Beton Cadillacs in Form der nackten Maja“.
       
       ## „Nicht mal deutsche Autos!“
       
       Täglich fahren daran Tausende Autos vorbei, und aus dem Auto heraus hat man
       da wenig Muße, eine Skulptur zu betrachten. Kaum vorstellbar aber ist
       heute, dass diese aus zwei amerikanischen Luxusschlitten bestehende und in
       Beton gegossene Skulptur die gediegen bürgerliche West-Gemeinde in so eine
       vulgäre Wutgemeinde verwandeln konnte. „Das sind nicht mal deutsche Autos“,
       rief ein Mann aus einer aufgeregten Menschenmenge, die sich bei der
       Skulptur versammelt hatte, in die SFB-Fernsehkamera.
       
       Auch das an der Joachimsthaler Straße Ecke Kurfürstendamm platzierte
       banal-realistische „Randaledenkmal“ von Olaf Metzel erregte ganz besonders
       die Geister. Bestehend aus aufgestapelten rot-weißen Absperrgittern, auf
       denen ein Einkaufswagen thronte, erinnerte es doch an etliche
       Großdemonstrationen. Ganz schnell wurde die Skulptur damals abgebaut, heute
       ist sie auf dem Euref-Campus in Schöneberg zu sehen.
       
       Durch den Skandal und bundesweite Medienberichte zog der
       Skulpturenboulevard Touristen magisch an und entwickelte sich zu einem
       wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen. Mittlerweile fanden
       Besucher:innen die Kunstwerke toll und eine Skulptur ganz besonders:
       die vierteilige und acht Meter hohe Plastik „Berlin“ vom Künstlerpaar
       Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff am anderen Ende des
       Skulpturenboulevards beim Kaufhaus des Westens. Die symbolträchtige
       verschlungene Metallarbeit ist bis heute ein beliebtes, mit der
       Gedächtniskirche im Hintergrund fotografiertes Sujet und zu einem
       Wahrzeichen Berlins geworden.
       
       Die Potsdamer Ausstellung hat eine große Zahl an Zeitungsartikeln, Fotos,
       Videos, Briefen und Dokumenten zu den damaligen Geschehnissen
       zusammengetragen. Gleichzeitig wird der 90. Geburtstag von Wolf Vostell
       gefeiert.
       
       Heute gibt es eine Fangemeinde seiner Cadillac-Skulptur und Sponsoren, die
       sich zusammen mit der Familie um den Erhalt der aufwendigen Skulptur
       kümmern. Denn Kunst im öffentlichen Raum braucht Pflege.
       
       5 Sep 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Postpunk-Alben-aus-Berlin/!5837439
   DIR [2] /Rolf-Eden-ist-tot/!5874256
   DIR [3] https://www.fluxus-plus.de/ausstellung-im-museum.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Renata Stih
       
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