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       # taz.de -- Abbas' Holocaust-Vergleich: Unfähigkeit und Sprachlosigkeit
       
       > Kanzler Scholz steht mit seinem Fehlverhalten nicht allein. Wenn es um
       > die Relativierung des Holocaust geht, hört man in Deutschland zu oft nur
       > Schweigen.
       
   IMG Bild: Bundeskanzler Scholz mit angespanntem Blick auf den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde
       
       Ein Staatsgast hat bei seinem Besuch in Deutschland den Holocaust
       relativiert. [1][Es gebe „50 Holocausts“ von Seiten Israel gegen Menschen
       in palästinensischen Städten und Dörfern], erklärte Mahmud Abbas, Präsident
       der palästinensischen Autonomiebehörde, auf einer gemeinsamen
       Pressekonferenz mit Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin. Anschließend rief
       der Mann zum Frieden mit Israel auf. Danach ein kurzer Händedruck zwischen
       Abbas und Scholz. Und Abgang. Keine Reaktion auf deutscher Seite. Kein Wort
       des Kanzlers zu der unerhörten Behauptung – die Antwort folgt mit
       ungehöriger Verspätung.
       
       [2][Scholz' langes, viel zu langes Schweigen] war falsch, und das hat er
       vermutlich inzwischen selbst eingesehen. Doch es geht hier nicht um einen
       Fauxpas des Kanzlers. Wenn es eine gemeinsame grundsätzliche Überzeugung
       der politisch Verantwortlichen in diesem Land gibt, dann ist es die
       Einsicht, dass der Massenmord an Millionen Jüdinnen und Juden durch die
       Nationalsozialisten eben kein Ereignis war, das sich mit anderen
       vergleichen ließe oder gar in eine Reihe gestellt werden könnte.
       
       Diese Auffassung ist wohlbegründet: Deutsche haben vor 80 Jahren mit
       industriellen Methoden versucht, ein ganzes Volk ohne Ausnahme auszurotten.
       Sie sind dabei sehr weit gekommen. Jeder Vergleich mit anderen Taten
       relativiert diese Tatsache, aus der sich historische Verpflichtungen
       ergeben.
       
       Der Kanzler steht mit seinem Fehlverhalten nicht allein, und es ist billig,
       daraus kurzfristig politisches Kapital schlagen zu wollen, so wie es
       Oppositionsführer Friedrich Merz von der CDU tut. Denn in Deutschland hat
       sich ein seltsamer Zwiespalt entwickelt. Da sind einerseits die
       wohlgewählten Worte bei Gedenkfeiern, wo immer wieder versichert wird, dass
       man die damaligen Geschehnisse nicht vergessen dürfe, der Judenhass
       bekämpft werden müsse und die Existenz jüdischen Lebens in Deutschland ein
       Bereicherung darstellt. Und da ist andererseits die Unfähigkeit, die
       richtigen Worte zu finden, wenn genau diese Grundsätze in Frage gestellt
       werden.
       
       Als [3][der Attentäter von Halle versucht hatte], die Besucherinnen und
       Besucher einer Synagoge zu ermorden, hieß es unisono, dass man sich nicht
       habe vorstellen können, dass solch ein Verbrechen im Jahr 2019 möglich sein
       kann. Einzig die hier lebenden Jüdinnen und Juden waren nicht überrascht,
       denn sie wussten um die Gefahr durch Neonazis, Antisemiten und Rassisten.
       
       ## Eine Reihe des Fehlverhaltens
       
       Wenn anlässlich des 50. Jahrestags des Massakers bei den Münchner
       Olympischen Spielen im nächsten Monat eine Gedenkfeier geplant wird, dann
       lädt man gerne die Hinterbliebenen der damals ermordeten israelischen
       Sportler und Trainer ein. Aber die Bereitschaft zur Offenlegung von
       Dokumenten, zum Eingeständnis politischen und polizeilichen Versagens und
       zur finanziellen Entschädigung hält sich in gewissen Grenzen.
       
       Gerne versichert die Bundesrepublik ihre Solidarität mit Israel. Aber wenn
       in palästinensischen Schulbüchern stereotype und menschenverachtende Bilder
       von Jüdinnen und Juden erscheinen, dann ist das kein Anlass darüber
       nachzudenken, ob die finanzielle Förderung der Autonomiebehörde einer
       Überprüfung bedarf.
       
       Olaf Scholz hat sich mit seinem Schweigen in diese Reihe politischen
       Fehlverhaltens eingereiht. Er wird darauf hoffen können, dass die Empörung
       darüber eine vorübergehende Erscheinung bleiben wird. Die hehren Worte zum
       Gedenken und die Versprechungen werden bleiben – so wie die
       Sprachlosigkeit, wenn es darum geht, heute und aktuell dem Unsagbaren zu
       widersprechen.
       
       17 Aug 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Palaestinenserpraesident-in-Deutschland/!5875369
   DIR [2] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/scholz-abbas-107.html
   DIR [3] /Prozess-gegen-den-Attentaeter-von-Halle/!5730637
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Klaus Hillenbrand
       
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