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       # taz.de -- Neuer Radsportstar bei Vuelta in Spanien: Offline auf der Straße
       
       > Mit zwei Etappensiegen überrascht Jay Vine bei der Spanienrundfahrt. Bis
       > vor kurzem radelte der Australier nur auf Rollen im eigenen Wohnzimmer.
       
   IMG Bild: Jay Vine jubelt dank seiner enormen Wattwerte über den Etappensieg am Samstag
       
       Die Vuelta hat einen neuen Star. Er heißt nicht Remco Evenepoel, selbst
       wenn der Belgier sich bei der ersten Bergankunft der Rundfahrt das rote
       Trikot des Gesamtführenden sicherte und gegenwärtig wie der stärkste der
       Klassementfahrer wirkt. Star der Rundfahrt [1][ist auch nicht der dreifache
       Vuelta-Sieger Primož Roglič], der im Baskenland mal kurz in Rot schlüpfte,
       das Leibchen dann aber an Ausreißer abgab und jetzt dem Ex-Fußballer
       Evenepoel hinterherfahren muss.
       
       Nein, der neue Star heißt Jay Vine. Zwei Bergetappen gewann der Australier
       binnen drei Tagen. Einmal setzte er sich kurz entschlossen aus dem
       Favoritenfeld zehn Kilometer vor dem Ziel ab. Das zweite Mal schlug er aus
       einer Fluchtgruppe heraus zu. Der Beste der Besten, der Beste der Mutigen –
       welch eine Performance.
       
       Sie ist umso erstaunlicher, weil der 26-jährige Vine noch nicht lange beim
       Straßenradsport dabei ist. Vor zwei Jahren fuhr der Australier noch in
       seinem wohltemperierten Wohnzimmer, einen Monitor vor der Nase und einen
       schwarzen Teppich unter sich, auf dem er seinen Rollentrainer installiert
       hatte. So setzte er sich im fernen Pandemiejahr 2020 gegen 130.000
       ebenfalls im Wohnzimmer oder der Garage radelnde Amateure in der Zwift
       Academy durch. Das bescherte ihm einen Profivertrag beim Team Alpecin-Fenix
       um Superstar Mathieu van der Poel. Seine Wattwerte überzeugten.
       
       Anderthalb Jahre später legte er nach, wurde 2022 E-Sports-Weltmeister der
       UCI, entthronte dabei [2][auch den deutschen Online-Weltmeister von 2020,
       Jason Osborne]. Inzwischen fahren beide beim gleichen Rennstall,
       Alpecin-Deceuninck. Vine hat den Umstieg vom statischen Indoor-Radler zum
       Draußen-Athleten inmitten eines Pelotons ehrgeiziger Berufsradfahrer aber
       schneller hinbekommen als sein Weltmeister-Vorgänger. Gut, Osborne ist auch
       noch Ruderer, holte im letzten Jahr Olympiasilber im Leichtgewichtszweier.
       
       ## Gelungener Wechsel
       
       Wie gut Vine die Transformation gelang, verblüfft aber selbst Fachleute.
       „Es war spektakulär, wie er gewann. Klar, er tritt enorme Wattzahlen. Aber
       um zu gewinnen, muss er auch wissen, wie man sich im Peloton bewegt, wie
       man gut durch die Abfahrten kommt und wie man es schafft, ganz vorn schon
       unten am Berg zu sein“, erklärte Oliver Cookson, sportlicher Leiter von
       Ineos Grenadiers. Der Brite mochte mit einer Spur von Neid beobachtet
       haben, wie Vine kaum die Augen vom Wattmesser ließ und stoisch sein Tempo
       fuhr. Cooksons Rennstall [3][perfektionierte einst als Team Sky das Fahren
       nach (Watt-)Zahlen]. Jetzt aber erwies sich dieser Australier als absoluter
       Meister dieser Disziplin.
       
       Vine hatte sich seinen doppelten Coup gut zurechtgelegt. „An beiden Tagen
       war es eine Höchstbelastung über etwa 25 Minuten am letzten Berg. Darauf
       habe ich mich konzentriert“, erklärte er. Eigentlich wollte er sowohl bei
       der sechsten wie bei der achten Etappe aus der Fluchtgruppe heraus
       attackieren. Auf der sechsten Etappe verpasste er die Gruppe zwar. Weil
       genau zu jenem Zeitpunkt, bei dem er antreten wollte, etwa zehn Kilometer
       vor dem Ziel, im Hauptfeld aber ein kurzer Moment der Unentschlossenheit
       herrschte, konnte er den ursprünglichen Plan dennoch umsetzen. „Das ist
       unglaublich, dass mir das gelang. Klar, es war der Plan vom Team, dass ich
       an der Stelle antreten sollte, aber dass ich dann auch von der Gruppe der
       Favoriten davonkam, fühlt sich für mich fast unreal an“, sagte Vine später.
       
       Zwei Tage danach, am Colláu Fancuaya, wiederholte er dieses Kunststück.
       Dort war er in der Fluchtgruppe und sammelte unterwegs noch Punkte für das
       Bergtrikot. „Die anderen schienen sich nicht so sehr dafür zu
       interessieren. Es war mein Plan B, das Bergtrikot zu holen, sollte es mit
       dem Etappensieg nicht klappen“, erzählte er. Er holte sich beides,
       Etappensieg und Führung in der Bergwertung. Wehe der Konkurrenz, wenn er
       mal ausbaldowert, mit welchen Belastungen zu welchem Zeitpunkt eine Grand
       Tour zu gewinnen ist.
       
       28 Aug 2022
       
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