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       # taz.de -- Klimaschutz: Ein wenig grüne Hoffnung
       
       > In den USA, Australien und Brasilien ist der Klimaschutz plötzlich wieder
       > wichtig. Was aber fehlt, sind schnelle, radikale Maßnahmen.
       
   IMG Bild: Besser schnell handeln: Ein Flugzeug verteilt rot gefärbtes Löschmittel in Kalifornien im Juni 2022
       
       Brauchen Sie mal eine gute Nachricht vom Klima? Bitte sehr: Das
       „Inflations-Bekämpfungs-Gesetz“, das der [1][US-Kongress] am Freitag nach
       Redaktionsschluss endgültig beschließen wollte, pumpt nicht nur 370
       Milliarden Dollar über die nächsten Jahre in die grüne Infrastruktur der
       USA, sondern auch Hoffnung in die globalen Klimaverhandlungen. Und auch
       anderswo scheint die Vernunft zu siegen: Die EU plant ihr ehrgeiziges
       [2][Klimapaket]; Australien stellt sich unter dem neuen Labor-Premier
       Anthony Albanese endlich der Realität im Treibhaus; in Brasilien könnte
       eine Abwahl des ökofeindlichen Präsidenten Bolsonaro dem
       [3][Amazonas-Regenwald] eine Atempause verschaffen; in Kolumbien verspricht
       der neue Präsident Petro einen ökosozialen Kurs und weltweit fallen die
       Preise von Sonnen- und Windkraft weiter.
       
       Gute Zeichen für den Klimaschutz also. Aber werden sie ausreichen, um das
       festgefügte fossile System ernsthaft zu erschüttern? Zumindest für die
       Klimaverhandlungen in drei Monaten in Ägypten haben sich die Aussichten
       verbessert. Doch in Scharm al-Scheich wird es nicht um neue Regeln gehen,
       sondern um eine konkrete Umsetzung des Pariser Abkommens: schnelle Schnitte
       bei den CO2-Emissionen, zuerst in den Industrieländern; finanzielle und
       technische Hilfen für die Schwellen- und Entwicklungsländer beim Aufbau
       einer CO2-armen Infrastruktur; Unterstützung bei der Anpassung an den
       Klimawandel und Schadensersatz für arme Länder, die nichts zur Klimakrise
       beitragen, aber von ihr am härtesten getroffen werden.
       
       Bei diesen konkreten Schritten wird das Bild schon deutlich trüber. Die ab
       2020 versprochenen 100 Milliarden Dollar jährlich haben die
       Industriestaaten immer noch nicht geliefert; beim Schadensersatz hängen die
       Gespräche fest; die Emissionsreduktion geht viel zu langsam und zu zaghaft.
       In der Krise greifen die alten Mechanismen: Hohe Energiepreise gelten als
       gefährlich, statt sie fürs Energiesparen zu nutzen; fossile Industrien wie
       Fluggesellschaften werden als systemrelevant subventioniert, statt sie
       entschlossen umzubauen; soziale Ungleichheiten werden zum Killerargument
       gegen Klimaschutz, statt sie mit ökosozialer Umverteilung zu kontern; die
       Lobbyinteressen der Fossilen und der Agrarindustrie bremsen den Umbau,
       auch und vor allem in den wichtigen Ländern China, Indien, Indonesien,
       Brasilien oder Südafrika, von den Ölstaaten ganz zu schweigen.
       
       Unter der Oberfläche von positiven grünen Nachrichten rast der globale
       Verbrennungsmotor also weiter. Ob es gelingt, ihn zu drosseln, hängt an
       vielen Faktoren gleichzeitig: Machen die G7 endlich Ernst mit dem Umbau
       ihrer Volkswirtschaften – und ziehen sie die G20 mit? Bekommen China und
       Indien ihren irren Kohleboom mit teuren Überkapazitäten und politischer
       Korruption in den Griff? Wie schnell sehen die Länder in Afrika, dass ihre
       Zukunft nicht in neuen Gasfeldern, sondern in den Erneuerbaren liegt?
       
       Die Bedingungen für eine grüne Revolution waren nie besser, die Zeiten nie
       drängender. Es gibt inzwischen die Technik, das Wissen, das Bewusstsein und
       das Kapital für eine kohlenstoffarme, gerechtere Welt. Was fehlt, ist die
       Abschaltung und Entsorgung des fossilen Systems, das unsere Zukunft
       verbrennt. Bisher heißt Klimapolitik in fast allen Ländern, vorsichtig
       kleine Schritte zu machen, die niemandem wehtun. Aber um die
       billionenschweren Industrien der fossilen Energien zu zügeln, braucht es
       mehr Mut: Ein allgemeiner CO2-Preis für die G20 wäre ein erster Schritt.
       Ein völkerrechtlicher Vertrag zum Verbot fossiler Energien wäre sinnvoll,
       ein weltweiter Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas mit Kompensationen für die
       Produzentenländer ebenso.
       
       Weder reale Klimakatastrophen noch eine Pandemie mit ihren globalen
       Konsequenzen haben solche radikalen Schritte bewirkt.
       Klima-Schockreaktionen wie das Abreißen des Golfstroms (wie im Film „The
       Day after Tomorrow“) sind bereits im Gange, aber bislang in Zeitlupe. Um
       aber die Erderhitzung in der Nähe von zwei Grad zu halten, sind drastische
       Maßnahmen auf globaler Ebene nötig. Da sind 370 Milliarden Dollar und ein
       paar Regierungswechsel Hoffnungszeichen, aber nur ein kleiner Anfang.
       
       12 Aug 2022
       
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