# taz.de -- Krankenhausbewegung in Berlin: Die Krankheit heißt Kapitalismus
> Vivantes versucht, die von den Beschäftigten erkämpften Erfolge zu
> unterlaufen. Das ist so vorgesehen im durchökonomisierten
> Gesundheitssystem.
IMG Bild: Harter Kampf: Vivantes-Mitarbeitende beim Streik im September 2021
Es ist eine Platitude geworden zu schreiben, dass diejenigen, die sich in
dieser Gesellschaft um die Kranken und Schwachen kümmern, immer nur
beklatscht, aber nicht entlastet werden. Es hört aber nicht auf wahr zu
sein. Jede noch so kleine Verbesserung müssen sich die Klinikbeschäftigten
selbst erkämpfen. Von der Politik kommt so gut wie keine Unterstützung und
von den Klinikleitungen erst Recht nicht. Im Gegenteil: Neun Monate nach
dem Berliner Krankenhausstreik bekämpft [1][die Chefetage des kommunalen
Klinikkonzerns Vivantes immer noch jeden Fortschritt].
Sieben lange Wochen Streik hatten die Beschäftigten der Charité und
Vivantes vergangenes Jahr gebraucht, um einen [2][Tarifvertrag Entlastung]
für die Pflegenden und eine Bezahlung nach dem Tarifvertrag des
öffentlichen Dienstes (TVöD) für die Beschäftigten der Tochterunternehmen
zu erstreiten. Nach diesem Kraftakt müssen sich die Arbeiter:innen
gedacht haben: „Geschafft!“. An diesem Punkt befinden sich derzeit die
[3][Pfleger:innen aus NRW], die zuletzt elf Wochen für ihre Entlastung
streikten.
Doch der Atem der Kapitalist:innen ist lang. Eine Niederlage ist für
sie nie ein grundlegender Richtungswechsel, sondern nur ein taktischer
Rückzug, um unter anderen Bedingungen – und seien es schlechtere – weiter
das Maximum aus ihren Arbeiter:innen herauszupressen. Das war schon
immer so. Doch in den zweieinhalb Jahren Pandemie wurden die
Pfleger:innen derart beklatscht und ihre Arbeitsbedingungen derart
bemängelt, dass einige in der Krankenhausbewegung dachten, ihr Streik
könnte die Arbeitgeber:innen zu einem grundlegenden Sinneswandel
bewegen.
Dem war nicht so. Wie die Gewerkschaft Verdi beklagt, versucht Vivantes den
Tarifvertrag Entlastung in vielen kleinen Trippelschritten zu unterlaufen:
Ob durch eine minutengenaue Erfassung der Unterbesetzung, sodass auch ja
nicht eine einzige Minute zu viel entlastet wird; ob durch
Stationsleitungen, die sich so eintragen, dass Mindestbesetzungen formal
hergestellt werden; ob durch geschicktes Personal-hin-und-her-Geschiebe
oder dadurch, dass jedes Wort im Vertrag umgedreht wird, um manche
Berufsgruppen doch noch aus den Verbesserungen auszuschließen – nichts wird
gegönnt. Alles was bekämpft werden kann, wird auch bekämpft, heißt es aus
der Krankenhausbewegung.
Noch schlimmer sieht die Situation [4][bei den Tochterunternehmen] aus, die
ohnehin nur gegründet wurden, um die Löhne drücken zu können. Laut Verdi
versucht Vivantes die Belegschaft zu spalten. In den Nachverhandlungen wäre
einem Teil der Beschäftigten ein besseres Angebot gemacht worden. Alle
anderen würden zwar nicht leer ausgehen, erhielten aber deutlich weniger.
Auch für neue Beschäftigte würden manche Verbesserungen nicht gelten. Statt
gleichem Lohn für gleiche Arbeit schafft Vivantes also einen
Tarifdschungel, der so viel Verwirrung und Frustration in der Belegschaft
stiftet, dass die Klinikleitung mit dem Plan sogar durchkommen könnte.
Auch die Pfleger:innen in NRW sollten sich notieren: Der Konflikt hört
mit dem Streikerfolg nicht auf. Tatsächlich wird der Kampf so lange weiter
gehen, [5][bis der Kapitalismus endgültig aus den Kliniken vertrieben]
wurde.
## Das System ist eigentlich für niemanden gut
Dass dieser dort ohnehin nichts zu suchen hat, wissen wohl auch die
Klinikleitungen – insbesondere die der kommunalen Krankenhäuser. Sie wissen
um [6][ihre eigene Unterfinanzierung], die sie dazu zwingt, für
Personalkosten gedachte Kassengelder zur Instandhaltung ihrer Gebäude
zweckzuentfremden. Sie wissen, wie sie ihre Arbeiter:innen dazu treiben
müssen, mehr Patient:in in kürzerer Zeit zu behandeln. Sie wissen, dass
dieses System weder gut ist für die Patient:innen, noch für die
Arbeiter:innen, noch für die Gesellschaft und auch nicht für ihren eigenen
Seelenfrieden. Doch sie sind in die Zwänge des Kapitals eingebunden, aus
denen sie nur die Politik befreien kann.
Es greift deshalb zu kurz, die Moralkeule in Richtung Vivantes zu
schwingen. Denn der Skandal ist nicht nur, dass sich die Klinikleitungen
verhalten wie Kapitalist:innen, sondern auch dieses Gesundheitssystem,
welches die Klinikleitungen dazu zwingt, sich wie solche zu verhalten.
Mitverantwortlich für diese Misere ist also die Politik: Die rot-grün-rote
Landespolitik, aber im besonderen Maße Gesundheitsminister [7][Karl
Lauterbach (SPD)], der sich einfach weigert, das Gesundheitssystem
endgültig und konsequent zu entökonomisieren.
29 Jul 2022
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## AUTOREN
DIR Timm Kühn
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