URI:
       # taz.de -- Hamburger Werbeflächen werden digital: Mehr Medienkonsum als gewünscht
       
       > In Hamburg werden Werbeflächen zu digital bespielten Monitoren
       > umgerüstet. Das Ergebnis ist eine zwanghafte Berieselung mit
       > Info-Schnipseln.
       
   IMG Bild: Dauerberieselung mit fragwürdigem Energieverbrauch: digitale Werbetafel in Hamburg
       
       Es war im Mai auf dem Weg mit dem Rad zum Einkaufen, als ich in Rahlstedt
       an der breiten Ausfallstraße B75 wartete, dass es endlich grün wird. Ein
       bärtiges Gesicht erschien auf der Werbetafel gegenüber, ein Name vor rotem
       Hintergrund, da wurde jemand polizeilich gesucht. Dann kam der nächste
       Beitrag. Auf dem Rückweg blieb ich extra stehen, schaute bewusst zur Tafel.
       Aber die Meldung kam nicht wieder.
       
       Ein paar tausend solcher Tafeln stehen in Hamburg. Wie die
       [1][Volksinitaitive „Hamburg Werbefrei“] publik machte, hat die Stadt
       Hamburg kürzlich die Verträge mit den Beitreiberfirmen Ströer und Wall bis
       2026 verlängert und ihnen zudem die Digitalisierung aller Anlagen erlaubt.
       Das heißt: Die alten Plakatwechselanlagen werden durch Monitore ersetzt.
       
       [2][Die Volksinitiative] kritisiert, dass die Tafeln viel Strom
       verbrauchen, und macht auf den Widerspruch aufmerksam, dass die Regierung
       ausgerechnet [3][auf diesen Geräten die Bürger zum Erergiesparen ermahnt].
       Weshalb die Ini „Hamburg Werbefrei“, die bis 22. Oktober 10.000
       Unterschriften braucht, nun auch die Unterstützung von Umweltverbänden
       erhält. Begründung: So würde man Klima schützen, die Lichtverschmutzung
       eindämmen und Unfallrisiken reduzieren.
       
       Zu Hause fiel mir der Name wieder ein. Autsch. Nach ein bisschen
       Internet-Suche stellte ich fest, dass ich den Gesuchten sogar mal kannte.
       Gruselig. Mir gefällt deshalb von allen Gründen für „Hamburg werbefrei“ der
       einer [4][passiven Informationsfreiheit] am besten. Will ich fernsehgucken,
       Zeitung lesen oder im Netz surfen, bestimme ich Ort, Zeit und Bedingung.
       Hier aber bin ich am Straßenrand den Informationsschnipseln unvorbereitet
       ausgesetzt.
       
       ## Lauter sinnlose Fragen
       
       Solche Monitore gibt es in U-Bahnen schon lange. Nun stehen sie an jeder
       Ecke. Statt drei Werbeplakaten im Wechsel kann dort ständig das Programm
       geändert werden, etwa mit so sinnlosen Fragen wie: „Wie viel Brücken hat
       Hamburg?“
       
       Die Polizeipressestelle sagt, von ihr direkt kämen solche Suchmeldungen
       nicht. Es müssten Presseberichte sein, die auf den Stadtmonitoren gezeigt
       werden. Auf den Bildschirmen der Firma Ströer läuft zum Beispiel das
       Informationssystem „Kiss“, das ein „redaktionelles Programm“ wie
       Nachrichten ihres Partners T-Online und Infotainment in Form von
       Wetteranzeigen und Wissensfragen bietet. Auch Kulturtipps, Ad-hoc-Warnungen
       und Suchmeldungen können hier „in Echtzeit“ platziert und die Bürger im
       öffentlichen Raum jederzeit erreicht werden.
       
       Nur scheint die Kommunikation etwas einseitig. Als [5][die Links-Fraktion
       vom Senat wissen wollte], wie viele Werbeanlagen inzwischen digital sind,
       antwortete der, es sei den beiden Firmen nicht möglich, dies in der für die
       Beantwortung für Anfragen verfügbaren Zeit zu beantworten. Auch die taz
       hatte kein Glück. Eine Firma antwortete nicht, die andere schickte nur die
       Antwort des rot-grünen Hamburger Senats.
       
       Der hat sich gegen die Öko-Argumente übrigens gefeit. Der Stromverbrauch
       moderner LEDs sei geringer als der von alten Neonröhren, man spare Papier,
       die Tafeln würden nachts gedimmt. Nur auf die Frage der Links-Fraktion, ob
       es Untersuchungen über den Einfluss von Außenwerbung auf psychische
       Gesundheit und Lebenszufriedenheit gibt, heißt es: Damit habe man sich
       „nicht befasst“.
       
       11 Aug 2022
       
       ## LINKS
       
taz.de:70 /!5870537:72: line too long