# taz.de -- Passkontrolle am Flughafen Istanbul: Das große Zittern
> Bei der Passkontrolle am Istanbuler Flughafen schwitze ich jedes Mal Blut
> und Wasser. Denn ich weiß: Mit türkischen Bullen ist nicht zu spaßen.
IMG Bild: Allzeit präsente Machthaber: der Flughafen Istanbul bei seiner Eröffnung im Jahr 2018
Nach der Landung auf dem Istanbuler Flughafen gebe ich bei der
Polizeikontrolle meinen Pass ab und schon geht das große Zittern los. Wenn
man kein großer Sympathisant der [1][dortigen Regierung] ist, kann es
leicht passieren, dass man plötzlich als Vaterlandsverräter, als Terrorist,
als Gülenist, als Putschist und noch ungefähr ein Dutzend weiterer
Extremisten beschuldigt werden kann.
Die beiden Polizisten in dem kleinen Holzhäuschen vor mir wissen natürlich,
dass die armen Kreaturen, die an ihnen vorbeigeschleust werden, alle eine
Höllenangst haben, und lassen sie bei der Passkontrolle möglichst lange
Blut und Wasser schwitzen.
Mit aufgerissenen Augen starrt der Bulle unendlich lange auf seinen
Computer, blättert dann wieder in meinem Pass herum, schüttelt bedenklich
den Kopf, schlürft einmal an seinem winzigen Teeglas, glotzt mich dann
erneut prüfend an, ändert seine Sitzposition und kratzt sich dabei intensiv
unterhalb des Tresens. Dann kneift er die Augen zu und schaut den Kollegen
neben sich vielsagend an.
Warum sitzt denn dort, in dem ohnehin viel zu kleinen Häuschen, eigentlich
noch ein weiterer Polizist, obwohl er offensichtlich nichts zu tun hat? Ist
er Praktikant? Ist er der Aufpasser? Oder ist heute [2][Girl’s Day]? Für
meinen Geschmack hat der Kerl für ein Girl etwas zu dicke, schwarze
Schnurrbarthaare, die inzwischen sehr verräterisch vibrieren.
„Hey, wann bekomme ich endlich meinen Pass wieder zurück, du Idiot?“, sage
ich selbstverständlich nicht. Das denke ich nicht mal, aus Angst, dass
diese selbstmörderischen Wörter meinen Mund unkontrolliert verlassen
könnten.
## Plötzlich kommt ein Lächeln
Das war doch nur ein Test, um mal kurz die Türkei-Kenntnisse der Leser zu
prüfen. Mit türkischen Bullen redet man nicht so. Mit türkischen Bullen
redet man am besten überhaupt nicht. Mit türkischen Bullen schweigt man und
schwitzt man und hofft inständig, dass dieser Albtraum bald vorüber ist.
Während mich der böse Bulle weiterhin streng und vorwurfsvoll anstarrt,
setzt der Girl’s-Day-Bulle unter seinem dicken schwarzen Schnurrbart
plötzlich zu einem Lächeln an.
Na, super. Jetzt spielen sie auch noch den lieben und den bösen Bullen mit
mir. Sie wollen mit diesem alten Polizeitrick meinen Widerstand brechen. Da
ist nichts mehr zum Brechen da, da ich gar keinen Widerstand mehr habe!
Auf einmal, so ganz ohne Vorwarnung, sozusagen quasi aus dem Nichts,
schlürft der böse Bulle erneut an seinem Tee. Das heißt ganz bestimmt
nichts Gutes! Außerdem ist das ein Novum. In der ganzen langen Geschichte
der Gastarbeiter hat noch nie ein Bulle während der Passkontrolle zweimal
an seinem Tee geschlürft.
Das war’s! Ich ertrage diese Qualen nicht mehr! Ich gebe alles zu. Ich
werde alle Mitglieder unserer kommunistischen Zelle der
„Roten-Ford-Transit-Fraktion“ verraten.
In dem Moment schiebt der böse Bulle meinen Pass rüber: „Schönen
[3][Urlaub], der Herr.“
8 Aug 2022
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## AUTOREN
DIR Osman Engin
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