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       # taz.de -- 40 Jahre Gothic-Bewegung: Als Dunkelheit zum Trend wurde
       
       > In den Hinterhöfen des guten Geschmacks entstand Anfang der 80er aus
       > einem Clubtrend die Gothic-Bewegung. Sie hat sich als sehr langlebig
       > erwiesen.
       
   IMG Bild: Leute in Lederjacke und mit kühnem Irokesenschnitt beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig 2013
       
       Sie zogen durch die Sommernacht, die Haare auftoupiert, die Gesichter weiß
       geschminkt, Mund und Augen schwarz kontrastiert. Schwarz auch die dominante
       Farbe ihrer Kleidung, ob langes Gewand oder Fetisch-Look. Zerschnittene
       Netzstrumpfhosen fanden vielfältig kreativen Einsatz, dazu Amulette,
       afrikanischer Schmuck oder metallene Ketten. Sie hatten keinen Namen, und
       niemand von ihnen ahnte, dass sie gekommen waren, um zu bleiben. Denn
       eigentlich wollten sie nur zur Eröffnung eines neuen Clubs in London, sein
       Name „Batcave“.
       
       Das heutige Klischeebild der Phase nach Punk lässt fragen, was denn bitte
       das Neue sein sollte an jenem Londoner Club für düstere Nachtgestalten, der
       vor 40 Jahren, am Mittwoch, den 21. Juli 1982, seine Pforten öffnete. War
       das nicht ein alter Hut? Tatsächlich klackerte und knarzte das neunminütige
       gespenstische „Bela Lugosi’s Dead“ der britischen Band Bauhaus bereits seit
       1979 aus den Rillen einer Maxisingle.
       
       Im Jahr 1980 erklang erstmals die federnde Edward-Munchiade „A Forest“ von
       The Cure, definitiv der Titelsong, gäbe es je die Seifenoper „Gothic“. 1981
       veröffentlichten Siouxsie and the Banshees mit „Juju“ das beeindruckendste
       aller Gothic-Alben und präsentierten bereits den kompletten Szenelook avant
       la lettre.
       
       Der ließ sich auch schon im Video von Visages Hit „Fade to Grey“ sehen.
       Just mit dem Abebben des durch Visage maßgeblich geprägten, unterkühlt
       artifiziellen New-Romantic-Trends entstand ein Freiraum.
       
       ## Entertainment derer ohne Job
       
       Wo sind die neuen Sensationen? Die einen bewegten sich in Richtung
       Slapbass-Funk und Soul-Pop, und die anderen?
       
       Sie sehnte es nach wilderem Spaß, lederschwarze Glam-Rock-Fantasien,
       Tabubruch und der Liebe zum Schauder einer Generation, aufgewachsen mit
       Fernsehausstrahlungen der (von [1][Kate Bush] besungenen) britischen
       Hammer-Horrorfilme, den im Vereinigten Königreich irre populären
       Gruselcomics sowie seltsamen Popgestalten wie Screaming Lord Sutch (der
       angetan mit einem Messer und seinem Gassenhauer „Jack the Ripper“ in den
       1970ern auch in Ilja Richters TV-Show „Disco“ das Publikum verschreckte)
       und, ja, nicht zuletzt jenem britischen Hang zum kultischen Paganismus, der
       gut jeder dritten Episode von Inspector Barnaby den Stoff liefert.
       
       All das war Quell für ein Entertainment derer, die eh keinen Job hatten
       oder als Erste in der Familie studieren konnten (vorzugsweise an der
       Artschool). Eine burleske Party eher fern des Ernstes von Joy Division,
       kein Wunder, dass die Musik als Erstes den Begriff „Positive Punk“ verpasst
       bekam.
       
       ## Dramatische Selbstinszenierung
       
       Die Bands trugen verheißungsvolle Namen wie Sex Gang Children, Southern
       Death Cult, Alien Sex Fiend, Sad Lovers and Giants und Sisters of Mercy,
       sie spielten lange Stücke mit kreischenden Nebelgitarren, wabernden Bässen
       und tribalistischen Drums oder elektrischen High-Energy-Rhythmen. Ihre
       Sänger liebten die dramatische Selbstinszenierung.
       
       Doch neben jenen aus lieben Elternhäusern, wo man sich höchstens fragte,
       was wohl die Nachbarn denken werden, tanzten da auch die Verdroschenen,
       Gehänselten, Misshandelten, Vernachlässigten, Ungeliebten und jene, die zu
       jung mit der Last des Schicksals konfrontiert worden waren. „Ich trage
       meinen schwarzen, wadenlangen Ölzeugmantel, gepenstisch wirken meine
       geschminkten Augenlider, die unteren Ränder habe ich mit Kajal
       nachgedunkelt“, berichtet Rupert Thomson 2010 in seinem Roman „This Party’s
       Got to Stop“ über seine Zeit im Batcave nach dem Tod seiner Eltern.
       
       Dass der Rezensent im Guardian ihn dafür lobte, seine Peinlichkeiten
       einzugestehen, zeigt, wie wenig vom Anlass jeglicher Popkultur heute noch
       verstanden wird. Gelästert wurde allerdings seit den ersten Tagen. Als der
       Wuppertaler Post-Punk-Gemischtwarenclub Up binnen Monaten von den
       „Schwarzen“ übernommen wird, beherrscht eine ungelenke Menge die achteckige
       Tanzfläche, sie tänzeln vor und zurück, bücken sich am Ende ihres Weges.
       „Die suchen ihre Kontaktlinsen“, so der übliche Gag.
       
       ## Dauerhafte Szenen
       
       Im Dortmunder Memphis ist der Tanz auf der hydraulisch ihre Abmessungen
       ändernden Tanzbühne energetischer, wer Pech hat, landet zum Vergnügen
       anderer mit den Händen auf dem scherbenbedeckten Boden – die beiden Orte
       werden Vorbild für das Zwischenfall in Bochum, ab 1984 der legendärste
       deutsche Gothic-Club, bald mit internationalem Ruf.
       
       Denn Deutschland wird zum Zentrum des Nachhalls, auch wenn dieser ebenfalls
       in Spanien, Griechenland und Israel dauerhafte Szenen hervorbringt. Überall
       eröffnen nun Läden; Dunkelheit, fern der Burleske der Anfangstage, wird
       Trend und bekommt etwas Provinzielles.
       
       Andere bleiben lieber daheim und hören [2][Nick Cave]. Goth gilt bald als
       Problembewältigungsmusik, derweil das Aktuelle andere Wege wählt – immer
       weniger Gestylte füllen die Clubs, Sportswear dominiert den Techno. Der
       Studenten fremde Habitus, allein für die Nacht zu leben, weil der Tag nur
       Maloche oder Arbeitslosigkeit bedeutet, schien verklungen.
       
       ## Neue Strömungen
       
       Der grausige Mittelalter-Rock der 90er bot komplette Weltflucht nur für
       Rollenspieltypen, doch wo er die ersten Auflagen des Wave- und
       Gothic-Treffens in Leipzig beherrschte, zeigten sich auch neue Strömungen.
       Die belgische, hüftsteif grimmige Electronic Body Music transformierte sich
       zum mitunter schlagerhaften Future-Pop und in diverse Adaptionen der
       Rave-Musik.
       
       Die kreischenden Verzerrungen des pumpend stampfenden Power-Noise und
       Aggrotech verknüpften Industrial-Dissonanzen mit Gabber-Hardstyle-Techno.
       Projekte wie Combichrist, Agonoize, Industriegebiet oder Reaper
       beherrschten die Tanzflächen, beschrien zornig Beziehungsprobleme oder
       dröhnten sinister humorig durch die Hinterhöfe des guten Geschmacks.
       
       Seit dem Jahr 2000 tanzten darauf Kids mit neonglimmenden Haarapplikationen
       und Leuchtstäben in einem vom frühen Techno-Combat-Look und dem japanischen
       Visual-Kei beeinflussten Stil. Eine neue Generation gibt der Szene ein
       komplett neues Antlitz. Nicht alle sind erfreut über die Cyber-Goths, doch
       da sind nun wieder junge Menschen, die sich stundenlang stylen und ihre
       energischen Tänze als mühsam einstudierte Choreografie anlegen. Die Nacht
       lebt!
       
       ## Sich vampirisch am Gestern nähren
       
       Zur selben Zeit setzte ebenfalls das 80er-Revival ein, französischer
       Minimalelektro und vergessene NDW-Stücke addierten sich zu den altbekannten
       Sounds. Im Ruhr- sowie im Rhein-Main-Gebiet füllen die Freaks aller Art
       mehrstöckige Clubs mit bis zu fünf unterschiedlich beschallten Tanzflächen.
       Was das Berliner Berghain erträumte, da lebte es und ebbte doch um 2014
       langsam ab.
       
       Wieder fehlte es an neuen Sensationen. Wenige Stücke vermochten in den
       Subszenen den Brückenschlag, und schon sie nährten sich vampirisch am
       Gestern: das auf dem New-Wave-Hit „I Ran“ basierende „Darkest Allies“ des
       Duos Light Asylum oder „Occupations“ der San Franciscoer Inhalt, welches
       DAFs „Kebab Träume“ mit einem Text im Käptn-Peng-Schlaumeierstil versetzte,
       sowie Boy Harshers „Pain“, das den Auftakt von „Kids in America“ in einen
       David-Lynch-Soundtrack morphte.
       
       All das wurde über Jahre totgespielt, derweil vielen der sich weltweit
       gründenden stylischen Retro-Post-Punk-Duos einfach die musikalischen Ideen
       fehlten.
       
       Im Jahr 2018 wendet sich das Schweizer-britische Projekt Lebanon Hannover
       mit „Du scrollst“ an die Smartphone-Clubtristesse: „Wo bist du jetzt? Wo
       bist du gerade? Hier im Cave oder im Space da draußen? Spürst du eigentlich
       die Stimmung, die wir haben?“ – „Und du wippst und du tippst und du
       glaubst, dass du tanzt.“
       
       Heute scheint die Verheißung der Nacht wieder erwacht, jene Clubs, welche
       die Coronazeiten überstanden, sind wohlgefüllt. Kürzlich ließ sich das
       Retro-Disco-Projekt [3][Hercules and Love Affair] von der
       Gothic-Drummerlegende Budgie rhythmisch antreiben – das Echo der Tanzfläche
       auf sorgenvolle Zeiten? Meldet sich gar der Außenseiter wieder, der seinen
       Freiraum der Akzeptanz vorzieht?
       
       Noch fehlt der Funke, wie überall in der Musik. Dafür tanzen Leute in
       Lederjacke und mit kühnem Irokesenschnitt zu frühem Italo-Disco-Sound, ob
       catchy oder dunkel-bizarr wie Charlies „Spacer Woman“, Permutationen der
       Vergangenheit bar der zwanghaften Pop-Ironie derer, die zu schlau sind für
       Leidenschaft.
       
       Man könnte denken, seine Identifikationskraft habe Gothic als Clubkultur
       zugunsten einer Lebenseinstellung zerstört, doch vielleicht stimmt genau
       das Gegenteil: 40 Jahre Lebenswelt voller Stilwandel und immer noch
       verlästert von den Hütern des feinen Geschmacks, dieser Triumph war keiner
       anderen Bewegung des Popzeitalters beschert.
       
       23 Jul 2022
       
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