URI:
       # taz.de -- Nach Suizid von bedrohter Ärztin: Pandemie der Gewalt
       
       > Der Suizid einer Impfärztin in Österreich zeigt: Die Hetze im Netz nimmt
       > immer schlimmere Ausmaße an. Dagegen muss endlich was getan werden.
       
   IMG Bild: Kerzen zum Gedenken an die verstorbene Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in Wien am 29. Juli
       
       Die Welle von rechtem Hass und Gewalt hat einen neuen Höhepunkt erreicht.
       Noch sind die genauen Umstände und Ursachen des Suizids der
       österreichischen [1][Ärztin Lisa-Maria Kellermayr] nicht bekannt. Fakt ist:
       Sie wurde seit Monaten bedroht. [2][Erst im Netz] und dann ganz real. Von
       Menschen, die tiefsten Hass entwickelten, weil Kellermayr sich öffentlich
       zu Impfungen und Coronamaßnahmen bekannte.
       
       Das Entsetzen ist groß. Wieder einmal. Denn so tragisch der Fall der Ärztin
       auch sein mag – es ist nicht das erste Mal, dass Beschimpfungen,
       Beleidigungen, Gewaltandrohungen aus der virtuellen Welt in die analoge
       Welt schwappen. Die Opfer der Hater werden gezwungen, sich zurückzuziehen,
       Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, sich zu verstecken. Viele müssen ihre
       Jobs aufgeben, ruinieren sich finanziell, tauchen ab in die soziale
       Isolation.
       
       Nur weil ein rechter Mob, eine Horde von Anhänger:innen
       [3][verschwörungsmythischer Ideen], nicht in die Schranken gewiesen wird.
       Es ist die Ignoranz und das Nicht-wahrhaben-Wollen, dass Tweets, Posts eben
       nicht nur schnell dahingerotzt sind, um das eigene krude Gedankengut in die
       virtuelle Welt zu ballern. Jeder einzelne Hasspost schmerzt die
       Adressat:innen.
       
       Weil Masse und Tempo im Netz kein Problem sind, kommen irgendwann
       diejenigen, die ihre Meinung äußern und für Aufklärung sorgen wollen, an
       ihre Grenzen. So geschieht es auch jetzt. Etliche Nutzer:innen der
       sozialen Medien schalten ihre Profile ab, manche gehen nur in eine Pause.
       Ob sie wiederkommen, ist ungewiss. Klar ist aber, dass Austausch, Debatte
       und auch Streit auf den Plattformen mehr und mehr ausdünnen.
       
       Und es geht um das Gefühl, der gewaltvollen Kritik allein ausgesetzt zu
       sein. Aufseiten des Gesetzgebers wurden Instrumente geschaffen, um den Hass
       einzudämmen. Allein durch den Begriff der digitalen Gewalt wurde dem
       Phänomen mehr Bedeutung zugemessen. Es ist tatsächlich Gewalt, die von dem
       virtuellen Raum ausgeht. Wie so häufig sind es jedoch die
       Plattformanbieter, die sich erst nach sehr vielen Hinweisen die Mühe
       machen, Inhalte zu entfernen.
       
       Und es sind die Strafverfolgungsbehörden, die zwar Hasskriminalität
       wahrnehmen, aber weder Personal noch Ausrüstung aufstocken. Also wiegen
       sich die Absender:innen in Sicherheit. Die Sozialpsychologin Pia
       Lamberty spricht im Kontext von Corona von einer Pandemie der Gewalt, die
       in ihrer Bedrohlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Im virtuellen wie analogen
       Raum. Angesichts der Weltlage, die für die kommenden Monate nichts Gutes
       verheißt, muss sie endlich ernst genommen werden. Sonst wird die Liste der
       Opfer immer länger.
       
       Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber mit jemandem. Sie
       können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (08 00/111 0 111
       oder 08 00/111 0 222) oder [4][www.telefonseelsorge.de] besuchen.
       
       31 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Tod-der-Aerztin-Lisa-Maria-Kellermayr/!5867662
   DIR [2] /Diskriminierung-im-Netz/!5804507
   DIR [3] /Von-Impfgegnern-bedroht/!5871225
   DIR [4] http://www.telefonseelsorge.de
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Tanja Tricarico
       
       ## TAGS
       
   DIR Soziale Netzwerke
   DIR Hetze
   DIR Suizid
   DIR Schwerpunkt Coronavirus
   DIR Verschwörungsmythen und Corona
   DIR Hass
   DIR GNS
   DIR Hasskriminalität
   DIR Desinformation
   DIR Netzkultur
   DIR Netzsicherheit
   DIR Hasskriminalität
   DIR Polizei
   DIR Soziale Netzwerke
   DIR Vorratsdatenspeicherung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Hasskriminalität im Internet: Razzien gegen Hass-Postings
       
       In 14 Bundesländern fanden Wohnungsdurchsuchungen statt.
       Sicherheitsbehörden appellieren an die Bevölkerung, Hass-Posts zur Anzeige
       zu bringen.
       
   DIR Desinformation im Netz: Trolle nehmen sich Newsseiten vor
       
       Das Bundesinnenministerium ist besorgt über die Zunahme von
       Desinformationskampagnen. Plattformanbieter sollen gegen falsche
       Nachrichten vorgehen.
       
   DIR „Hass im Netz“: Tödliche Wirkung des Internets
       
       Seit dem Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wird über „Hass im Netz“
       diskutiert. Dabei ist Hass nicht nur digital. Er hat immer auch analoge
       Folgen.
       
   DIR Hasskriminalität im Netz: Offensive gegen digitale Gewalt
       
       Nehmen die Behörden Hasskriminalität im Netz ernst genug? Nach dem Tod der
       Ärztin Kellermayr stehen Polizei, Justiz und die Plattformen in der
       Pflicht.
       
   DIR Netzexpertin über digitale Gewalt: „Hatern nicht das Feld überlassen“
       
       Hass im Internet bleibt nicht rein digital, sondern schränkt das Leben
       Betroffener stark ein, sagt Katharina Nocun. Sie sieht dringenden
       Handlungsbedarf, um Menschen besser zu schützen.
       
   DIR Nach Mord an Polizist:innen: Hunderte hetzen im Netz
       
       Nach den tödlichen Schüssen auf zwei Polizist:innen gab es zahlreiche
       Hasskommentare im Internet. Mindestens 102 sollen bisher strafrechtlich
       relevant sein.
       
   DIR BGH-Urteil zu Facebook: Auch Hetzer:innen haben Rechte
       
       Facebook muss Betroffene vor der Sperrung ihres Kontos anhören. Das ist
       richtig. Soviel Fairness muss sein.
       
   DIR Alternative zur Vorratsdatenspeicherung: Login-Fallen gegen Hetze
       
       Auf der Innenministerkonferenz wird eine Alternative zur
       Vorratsdatenspeicherung diskutiert, um besser gegen Hass im Internet
       vorgehen zu können.