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       # taz.de -- Neues Album von den Viagra Boys: Lieber mal ein Affe werden?
       
       > Auf „Cave World“ arbeitet sich die schwedische Band Viagra Boys an der
       > Querdenkerszene ab. Endlich kann man mal befreit lachen über all den
       > Irrsinn!
       
   IMG Bild: Musikalisch besonders sind die Viagra Boys, weil die Mitglieder aus unterschiedlichen Szenen kommen
       
       Ein gewisser Sinn für schwarzen Humor, ein Talent zur Überzeichnung und ein
       Hang zum Trash scheinen bei dieser Band bereits im Namen zu stecken: Viagra
       Boys nennt sich eine schwedische Gruppe, die mit ihrer Mischung aus Jazz,
       Punk, Blues und großartigen Texten schon auf ihren ersten beiden
       Studioalben („Street Worms“, „Welfare Jazz“) zu überzeugen wusste. Nun
       veröffentlicht die Band um Sänger und Rampensau Sebastian Murphy ihr neues
       Album „Cave World“ – und was soll man sagen?
       
       Unterhaltsamer und selbstironischer als die Viagra Boys kann man den rotten
       Zustand der Welt im Allgemeinen und der Menschheit im Besonderen kaum in
       Bild, Text und Ton übersetzen. Stellvertretend sei hier der
       Spoken-Word-Track „Creepy Crawlers“ genannt, in dem Murphy sich über
       Verschwörungstheoretiker lustig macht und mit zitterndem Stimmtimbre
       spricht: „They’re putting microchips in the vaccines / Little creepy
       crawlies / With tiny little legs that creep around your body / Collecting
       information“. Endlich kann man mal befreit lachen über all den Irrsinn!
       
       Gegründet haben sich die Viagra Boys 2015 in Stockholm. Musikalisch
       besonders sind sie auch deshalb, weil die Mitglieder aus unterschiedlichen
       Szenen kommen. Schlagzeuger Tor Sjödén und Saxophonist Oskar Carls sind im
       Jazz zu Hause, Keyboarder Elias Jungqvist spielt zudem noch in der
       Experimental-Rockband Side Effects, Bassist Henrik Höckert entstammt der
       schwedischen Hardcoreszene.
       
       Neben all den Einflüssen bringt Murphy viele unterschiedliche Gesangsstile
       mit in die Band; mal erinnert seine brüchige, tiefe Stimme an Mark Lanegan
       oder Tom Waits, mal singt er im Falsett. Eigentlich zu sechst, starb
       Gitarrist Benjamin Vallé vergangenen Oktober überraschend mit 47 Jahren –
       „Cave World“ ist das erste Album ohne ihn.
       
       ## Pandemie, Bill-Gates-Geseier und Wissenschaftsfeindlichkeit
       
       Zweieinhalb Jahren Pandemie, Bill-Gates-Geseier und
       Wissenschaftsfeindlichkeit haben darauf ihre Spuren hinterlassen. Man kann
       dieses Album fast als Konzeptalbum über Querdenker & Co verstehen. Den
       Viagra Boys gelingt es, den meist über soziale Medien verbreiteten Unsinn
       kühn zu kommentieren. So singt Murphy in „Troglodyte“: „He says he don’t
       believe in science / He thinks that all the news is fake / And late at
       night he sits on his computer / And writes about the things he hates“.
       
       Ein Troglodyt ist ein Höhlenmensch, wobei Murphy, da darf man sicher sein,
       mit dem Stück nicht die Absicht verfolgt, Höhlenmenschen zu beleidigen.
       Ähnlich gelagert sind Songs mit sprechenden Titeln wie „The Cognitive
       Trade-Off Hypothesis“ oder „Return to Monke“ (sic). Murphys Rat in
       letzterem Song: „Leave society / Be a monkey“. Bereits auf „Welfare Jazz“
       hat die Band gezeigt, dass sie musikalisch nicht auf der Stelle treten –
       etwa mit dem melancholischen, bluesigen „Into The Sun“ oder einem
       John-Prine-Coverstück (mit Amy Taylor von Amyl and the Sniffers).
       
       Diese Tendenz setzt sich auf „Cave World“ fort: Das schon genannte „The
       Cognitive Trade-Off Hypothesis“ hat Anleihen an Pop-/Dancefloor-Sounds, es
       gibt experimentell-versponnene Interludes, der erste Track „Baby Criminal“
       orientiert sich an [1][tanzbarem Indie wie bei Franz Ferdinand], und
       insgesamt ist der Synthesizer-Anteil höher als zuletzt.
       
       ## Ordentliches Maß an Selbstironie
       
       Die Viagra Boys sind allerdings viel mehr als nur ihre Musik, Style und
       Ästhetik spielen eine ebenso große Rolle. Der voll tätowierte Murphy – von
       Beruf, wie praktisch, selbst Tätowierer – zeigt in den Videos auch als
       Schauspieler Talent und verfügt über ein ordentliches Maß an
       (Selbst-)Ironie, das so manchen Punks abgeht.
       
       Die Videoclips zu „Ain’t nice“ (2020) und dem aktuellen Song „Punk Rock
       Loser“ mit seiner Western-Ästhetik sind beste Beispiele dafür, ihre Clips
       sind ohnehin oft aufwendig arrangiert und gleichen kleinen Filmkunstwerken.
       Auf der Stirn hat Murphy übrigens das schwedische Wort „lös“ tätowiert,
       übersetzt: „locker, lose“. Eine hübsche Volte, dass ein Punk, der sich
       selbst eine lockere Schraube attestiert, nun für die Speerspitze der
       Vernunft steht.
       
       Die Viagra Boys darf man spätestens mit diesem Album in eine Reihe mit
       inspirierenden Punkbands jüngerer Zeit wie [2][Sleaford Mods] oder Idles
       stellen – mit Ersteren verbindet sie auf jeden Fall der morbide Humor. Und
       jetzt hopp, zurück auf die Bäume!
       
       13 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Jens Uthoff
       
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