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       # taz.de -- Einheitsdenkmal am Berliner Schloss: Stillgestellte Bewegung
       
       > In Berlin baut man zur Erinnerung an die Wende eine Wippe. Doch die
       > Einweihung des Einheitsdenkmals verzögert sich – wieder einmal.
       
   IMG Bild: Noch muss man mit dem Wippen warten
       
       Berlin taz | Was macht eigentlich der Bau des Freiheits- und
       Einheitsdenkmals in Berlin? Antwort: Er verzögert sich. Der zuletzt [1][für
       die Eröffnung vorgesehene 3. Oktober] diesen Jahres ist nicht zu halten. So
       weit alles normal in der Hauptstadt. Schließlich liegt die Initiative zu
       dem Denkmal zur Erinnerung an die friedliche Revolution von 1989 schon 24
       Jahre zurück. Da kommt es jetzt nicht mehr so genau darauf an.
       
       Am 9. November 2007 beschloss der Deutsche Bundestag den Bau eines solchen
       Denkmals. Ein erster Wettbewerb zur Gestaltung fand 2009 kein Ergebnis, ein
       zweiter Anlauf 2010 kürte als Sieger den Entwurf des Stuttgarter Büros
       Milla & Partner in Arbeitsgemeinschaft mit der Choreografin Sasha Waltz:
       die sogenannte Einheitswippe. Diese Idee wird nun seit 2020 umgesetzt,
       nachdem es wegen gestiegener Kosten in der Vergangenheit zu zeitweiligen
       [2][Bedenken und Pausen] für das Projekt kam. Rund 17,1 Millionen Euro sind
       veranschlagt. Wahrscheinlich werden es mehr.
       
       Genaueres ist derzeit nur schwer zu erfahren. Beim Bauherrn, der
       Bundeskulturbeauftragten Claudia Roth, zeigt sich deren Pressesprecher
       wenig informiert und interessiert an dem Projekt. Man habe es von den
       Vorgängern geerbt.
       
       Bei der Projektleitung, dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR),
       will man nicht zitiert werden und bei Milla & Partner als
       „Generalübernehmer aller Planungs- und Bauleistungen für das Denkmal“ sind
       offenbar alle ausgeflogen: Es ist Urlaubszeit in Berlin. Die Stadt gehört
       den Touristen.
       
       ## Baustelle vor dem Schloss
       
       Auf der Baustelle zwischen Berliner Schloss und der Spree ist von der Wippe
       bisher nur die Verschalung ihres Unterbaus zu sehen. Das zukünftige Denkmal
       wird auf dem verbliebenen Sockel des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals seinen
       Platz finden, dessen Reiterstandbild von der DDR 1949 abgerissen wurde. Das
       auf das alte aufgesattelte neue Denkmal soll nach dem „Prinzip der
       Schichtung“ die „bewegte Geschichte des Ortes“ lesbar halten, wie es im
       Konzept von Milla & Partner heißt.
       
       Das neue Denkmal, die begehbare, 50 mal 18 Meter große Schale, ist als
       „kinetisches Objekt“ gedacht, das durch „Partizipation und Interaktion“ in
       Bewegung gebracht werden kann: Wenn mehr als 20 Menschen sich auf einer
       Seite der Schale versammeln, neigt sich das Denkmal zur anderen Seite. Doch
       die immerhin maximal 1.400 Menschen fassende Schale, die derzeit bei einer
       Metallbaufirma in Nordrhein-Westfalen gebaut wird, scheint mit Material‑
       und Lieferschwierigkeiten zu kämpfen. Einen neuen Eröffnungstermin für die
       Einheitswippe gibt es derzeit nicht.
       
       Wie gesagt: Es ist Ferienzeit und irgendwie scheint sich auch das gerade
       abwesende deutsche Volk nicht richtig für das Denkmal zu interessieren.
       
       Dabei sind noch wichtige Fragen offen: Etwa was die direkt neben dem
       Denkmal geplante Freitreppe hinab zur Spree angeht, die hier als Flussbad
       benutzt werden soll. Diese Idee, die zufällig genauso alt wie das
       Einheitsdenkmal ist und also ins Jahr 1998 zurückreicht, [3][steht derzeit
       wieder auf der Kippe].
       
       Berlins Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) scheint kein Freund
       des Projekts zu sein. An der Stelle der Freitreppe hat sich derzeit noch
       ein kleines Biotop aus buntem Gestrüpp erhalten, das selbst den Bau der
       erst im vergangenen Jahr fertiggestellten U-Bahn genau darunter überdauert
       hat.
       
       Es mag sein, dass man die Würde des Denkmals durch hier im Fluss Badende
       gestört sehen kann. Allerdings scheint die Wippe selbst das Zeug für eine
       Jahrmarktsattraktion zu haben. Die heute noch bierbikenden Berlintouristen
       werden sich die Gaudi wohl kaum entgehen lassen, das Denkmal zu rocken,
       gemäß dem im Boden der Denkmalschale eingelassenen Motto: „Wir sind das
       Volk“.
       
       17 Jul 2022
       
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       ## AUTOREN
       
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