# taz.de -- Außenpolitik der Türkei: Erdoğans Schaukelkurs
> Der türkische Präsident liefert der Ukraine Waffen, sanktioniert
> Russlands Präsident Putin aber nicht. Jetzt könnte er den Bogen
> überspannen.
IMG Bild: Maximal flexibel: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan – hier beim Nato-Gipfel in Madrid
Eins muss man dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan lassen: Er
ist maximal flexibel. Als Nato-Mitglied verurteilt die Türkei unter seiner
Führung den Krieg Russlands gegen die Ukraine und liefert der Ukraine
Waffen, gleichzeitig unterhält [1][Erdoğan] aber auch enge Kontakte zu
Putin und nimmt an den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht teil.
Während Putin ukrainische Städte zusammenschießen lässt, erholen sich
russische BürgerInnen an türkischen Stränden vom Kriegsstress. Der Westen
und der Kreml lassen ihn gewähren, weil Erdoğan verspricht, seine
Quasineutralität dazu zu nutzen, einen Rahmen für eine Verhandlungslösung
zwischen Russland und der Ukraine zu bieten, Verhandlungen, die ja
irgendwann kommen müssen. Einen Vorgeschmack bieten die derzeitigen
Gespräche über die Lösung der Getreidekrise, die im Moment in Istanbul
stattfinden und vom türkischen Militär moderiert werden. Kommt es zu einer
Lösung, könnten die Gespräche zur Blaupause für künftige Verhandlungen
werden.
Bislang ist Erdoğan mit seiner Schaukelpolitik durchgekommen. Man mag ihn
nicht, aber er sorgt dafür, dass man ihn braucht. In Brüssel konnte er
sogar die Bedingungen für einen [2][Nato-Beitritt] von Finnland und
Schweden diktieren. Jetzt überschreitet er aber möglicherweise eine rote
Linie: Während Jo Biden, Vormann des Westens, seit Mittwoch durch den Nahen
Osten tourt, um eine israelisch-arabische Allianz gegen den Iran auf die
Beine zu stellen, will sich Erdoğan am kommenden Dienstag zu einem Treffen
mit Putin und dem iranischen Präsidenten Raisi nach [3][Teheran] aufmachen.
Das könnte für die Amerikaner dann doch etwas zu viel Flexibilität sein.
Dass es Erdoğan dabei vor allem um Syrien geht, kann aus Sicht von Biden
auch keine Entschuldigung sein. Denn die kurdischen YPG-Milizen, die der
türkische Präsident dort mit russischer Billigung bekämpfen will, sind
US-Verbündete im Kampf gegen den IS. Erdoğans Obsession,eine kurdische
Autonomie in Syrien verhindern zu wollen, könnte ihn außenpolitisch den
Kopf kosten.
14 Jul 2022
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## AUTOREN
DIR Jürgen Gottschlich
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