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       # taz.de -- Kinotipp der Woche: Virtuelle Bildspiralen
       
       > Im Fokus einer Filmreihe im Kino Arsenal stehen Naturphänomene und die
       > Spuren, die Menschen in der Natur hinterlassen.
       
   IMG Bild: „Nuclear Family“, Erin Wilkerson, Travis Wilkerson USA, Singapur 2021
       
       Gebäude, Bäume, Röhren. Blau, das Himmel zu sein scheint. Die
       fotografischen Bilder in Lydia Nsiahs „vs“ drehen sich anfangs gemächlich.
       Zwei bis drei Umdrehungen, dann wechselt das Bild. Das „vs“ des Titels
       steht für virtuelle Spirale.
       
       Die Bewegung der Bilder entstammt mit einer eigens geschaffenen
       Kameraapparatur, die Bilder selbst zeigen Serverfarmen. Durch die
       spiralförmige Bewegung wandert das Zentrum des Bildstrudels. Als die Bilder
       schneller werden, entstehen abstrakte Strukturen, Farbflächen wandern
       strahlenförmig durchs Bild. Helle und dunkle Teile verdichten sich auf dem
       Bildschirm.
       
       „vs“ war Teil des diesjährigen Programms von Forum Expanded und ist nun
       Teil des „Sommerfest“ von [1][Forum] und [2][Forum Expanded] im
       Streamingangebot des Arsenals. Fünf Filme aus dem Programm des Forums und
       ein Programm zum Forum Expanded [3][präsentiert das Kino Arsenal]. Im Fokus
       stehen Naturphänomene und die Spuren, die Menschen in der Natur
       hinterlassen.
       
       Auch „Sonne unter Tage“ von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet lief im
       Forum Expanded. Giftgrün und blau reflektiert oxidierendes Uraninit das
       Licht einer Lampe mit ultraviolettem Licht. Nach der Entdeckung der
       Pechblende entsteht um die Jahrhundertwende in Sachsen eine Bäderindustrie,
       die auf therapeutische Anwendungen des radioaktiven Radon setzen.
       
       Nach 1945 macht sich die Sowjetunion den Uranbergbau für das
       Atombombenprogramm nutzbar. In gerade mal einer guten halben Stunde schlägt
       „Sonne unter Tage“ einen Bogen vom Uranbergbau über Tschernobyl und den
       Anfang der Umweltpolitik in der DDR bis zur Repression gegen die
       Umweltbewegung.
       
       Bernien und Gerbaulet kombinieren in ihrem Film Gespräche,
       Archivmaterialien und performative Elementen zu einer vielschichtigen
       Erzählung. Im Mai wurde „Sonne unter Tage“ bei den Kurzfilmtagen in
       Oberhausen mit dem Hauptpreis des deutschen online Wettbewerbs
       ausgezeichnet.
       
       US-Dokumentarfilmer Travis Wilkerson folgt in „Nuclear Family“ ([4][20. 7.,
       20 Uhr im Arsenal 1]) einer Familientradition und macht eine Rundreise zu
       Raketensilos. Doch statt sich wie seine Eltern an der Vernichtungskraft der
       Raketen zu berauschen, geht es Wilkerson um die Verbindung zwischen dem
       Landraub durch weiße Siedler in den USA und dem Atomprogramm des Kalten
       Kriegs, für das die Raketensilos auf dem geraubten Land errichtet wurden.
       
       „Nimm das Land mit der Waffe in der Hand, mach das Land zur Waffe, halte
       die Waffe allen an den Kopf.“ „Nuclear Family“ realisierte Wilkerson
       gemeinsam mit seiner Frau Erin, einer Biologin. Erin Wilkerson fügt dem
       Film die Ebene der Naturbeobachtung hinzu.
       
       In der Nähe eines Raketensilos in Montana entdeckt sie eine Sonnenblume mit
       drei Köpfen. Eine durch Radioaktivität ausgelöste Mutation als weiterer Akt
       in einer endlosen Linie von Verwüstungen, die für Wilkerson im Landraub
       ihren Ausgangspunkt hat.
       
       Mit dem „Sommerfest“ gibt das Arsenal per Streaming unkompliziert
       Gelegenheit, versäumte Filme aus dem Forum nachzuholen oder aufzufrischen.
       Oder sich von virtuellen Bildspiralen das Hirn ins Wochenende zu strudeln.
       
       15 Jul 2022
       
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   DIR [3] https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/sommerfest-wiedersehen-mit-berlinale-forum-und-forum-expanded/
   DIR [4] https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmvorfuehrung/nuclear-family-766/
       
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