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       # taz.de -- Regierungssturz in Sri Lanka: Der Palast bleibt vorerst besetzt
       
       > Die Lage ist für die Bevölkerung nicht mehr erträglich. Viele befürchten,
       > dass der Präsident trotz allem seine Macht erhalten will.
       
   IMG Bild: Sri Lankas Regierung geht baden – die Demonstrant:innen auch. Aufnahme vom 9. Juli
       
       Mumbai/Colombo taz | Teilweise mit Schwimmreifen und in T-Shirts plantschen
       Menschen im Luxuspool. Aber es ist nicht irgendeine Villa in einem der
       besten Viertel von Sri Lankas Hauptstadt Colombo, die sie sich ausgesucht
       haben und die als Videokulisse im Netz viral geht. Hunderte Menschen haben
       über das Wochenende den Präsidentenpalast, also den offiziellen Wohnsitz
       des sri-lankischen Staatsoberhaupts Gotabaya Rajapaksa eingenommen.
       
       Während auf den TV-Bildschirmen in den Wohnräumen des Palasts die
       [1][Nachrichten über die Besetzung] laufen, bereiten die
       Demonstrant:innen im Freien eine „Küche für alle“ vor, andere testen
       die Fitnessgeräte. Selten war die Stimmung auf diesem Anwesen in den
       vergangenen Wochen wohl so ausgelassen – als wäre die tiefe Krise, in der
       sich der Inselstaat Sri Lanka befindet, vergessen. Ein Regierungssprecher
       kündigte noch am Wochenende inmitten dieser Unruhen an, Rajapaksa wolle am
       kommenden Mittwoch zurücktreten, um „einen friedlichen Machtwechsel zu
       gewährleisten“.
       
       Den Unmut über die Regierung unter der Führung der Familie Rajapaksa hatten
       weite Teile der Bevölkerung seit Wochen öffentlich geäußert und ein
       Protestcamp in der Hauptstadt errichtet, das Menschen über Religionen
       hinweg vereinte. Die Rücktrittsforderung an Gotabaya Rajapaksa – „Hau ab,
       Gota!“ – war immer wieder zu hören. Eine zunächst angesetzte Ausgangssperre
       konnte die Demonstrant:innen am Samstag nicht zurückhalten. Sie haben
       angekündigt, den Präsidentenpalast erst zu verlassen, wenn Rajapaksa
       wirklich geht.
       
       In der Bevölkerung wuchs in letzter Zeit der Unmut über „korrupte und
       manipulative“ Führer immer weiter. Sri Lanka hat außerdem über 50
       Milliarden US-Dollar (49 Milliarden Euro) Schulden angesammelt.
       
       ## Kein Treibstoff, keine Medikamente
       
       Der [2][breit gefächerte Bürgerprotest erreichte im Mai 2022] bereits einen
       Höhepunkt, woraufhin Premierminister Mahinda Rajapaksa (SLPP) sein Amt
       aufgab. Nachfolger und neu ernannter vormaliger Premierminister, Ranil
       Wickremesinghe, zeigte sich da zuversichtlich, dass er die Wirtschaft
       wieder in Schwung bringen könnte. Nun hat er in Aussicht gestellt,
       zurückzutreten, um den Weg für eine parteiübergreifende Regierung
       freizumachen. Am Wochenende wurde im Zuge von Randalen sein privater
       Wohnsitz in Brand gesteckt. Es wird ermittelt, um die Täter:innen zu
       finden.
       
       Polizeibeamte wirkten in Schilderungen teils unschlüssig, auf wessen Seite
       sie stehen sollen: der Demonstrant:innen oder des alten Regimes.
       Dennoch setzte die Polizei Wasserwerfer und Tränengas ein. Bei den jüngsten
       Protesten am Wochenende wurden auch Journalist:innen von
       Sicherheitskräften angegriffen und über 90 Personen, darunter
       Polizeibeamt:innen, sollen verletzt worden sein. Andere beklagten das
       brutale Vorgehen von Sicherheitskräften gegen unbewaffnete Zivilisten,
       darunter der maledivische Anwalt Shumba Gong.
       
       Die Familie Rajapaksa hatte sich bei Wahlen 2019 mit ihrer singhalesischen
       Volksfront SLPP durchgesetzt. Seitdem hatte sich eine Devisenkrise
       verschärft, aus dem Ausland kam wieder weniger Geld auf die Insel. Die
       Coronapandemie verschärfte dies: Nun fehlten zunehmend auch Devisen, die
       Staatsbürger, die im Ausland arbeiteten, nach Hause schickten. Mit einem
       Einfuhrverbot von Kunstdünger im April vergangenen Jahres, um Devisen
       einzusparen, geriet nun auch die Landwirtschaft ins Wanken, die nicht
       darauf vorbereitet war.
       
       Doch dabei blieb es nicht, Sri Lanka fehlte es außerdem an Treibstoff und
       Medikamenten. Mehrere Menschen sollen bereits wartend an der Tankstelle
       umgekommen sein. Besonders die medizinische Versorgung von Kindern, älteren
       Menschen und chronischen Patient:innen war zuletzt katastrophal. Im
       April erklärte die Regierung sich als unfähig, Auslandsschulden
       abzubezahlen. Sri Lankas größter bilateraler Gläubiger ist dabei China.
       
       ## Zweifel am Rücktritt
       
       Vor der Protestwelle teilten sich die Brüder Gotabaya und Mahinda Rajapaksa
       das Amt des Präsidenten und des Premiers. Mit einer Verfassungsänderung
       schwächten sie das Parlament, zudem befanden sich weitere Verwandte in
       hohen Regierungspositionen. Diese traten im Zuge der „Gota Go
       Home“-Proteste zurück.
       
       Nach der Erstürmung des Präsidentenpalastes durch Demonstrant:innen
       berief der sri-lankische Parlamentspräsident eine Sitzung mit den Führern
       der politischen Parteien ein. Premierminister Ranil Wickremesinghe (UNP),
       der virtuell an der Sitzung teilnahm, erklärte, er werde von seinem Amt
       zurücktreten, nannte aber kein konkretes Datum. Später am Abend teilte der
       Parlamentspräsident mit, Rajapaksa werde am Mittwoch, den 9. Juli, sein Amt
       niederlegen. Seitdem haben laut Medienberichten mehrere Minister der
       Übergangsregierung ihre Ämter niedergelegt.
       
       Unter Demonstrant:innen bleiben allerdings Zweifel am Rücktritt von
       Präsident Rajapaksa und Premierminister Wickremesinghe. „Wir können dem
       Präsidenten nicht trauen, der unermessliches Leid über sein eigenes Volk
       gebracht hat und nicht von der Macht lassen wollte“, sagt Shanaka
       Jayewardene, ein Lehrer aus der Hauptstadt Colombo. „Warum braucht er so
       lange, um zurückzutreten?“ Das ist die Frage, die Sri Lanka umtreibt. Unter
       den Geistlichen, die sich unermüdlich an den Protesten beteiligt haben,
       wächst die Sorge, dass der Präsident und der Premierminister eine Strategie
       planen, um an der Macht zu bleiben.
       
       „Die Menschen sind skeptisch. Wir erinnern uns noch an die kurzsichtige
       Entscheidung des Präsidenten, chemische Düngemittel zu verbieten, was zu
       einer Verknappung von Reis und anderen Gemüsesorten führte und die
       Ernährungssicherheit des Landes gefährdete, und wie er die gesamte
       Wirtschaft in eine beispiellose Krise stürzte“, so Jayewardene.
       
       ## Der IWF äußert sich
       
       Mit der Entmachtung der Rajapaksas könnte eine Vereinbarung mit dem
       Internationalen Währungsfonds (IWF) näher rücken. In einer heutigen
       Erklärung gab der IWF bekannt, dass er auf eine Lösung der politischen
       Unruhen in Sri Lanka hofft, die eine Wiederaufnahme der Gespräche über ein
       Rettungspaket ermöglichen wird. Obwohl sich die Bevölkerung wirtschaftliche
       Stabilität wünscht und auf finanzielle Hilfe durch den IWF und andere
       Geldgeber hofft, haben sich Ängste und Zweifel verstärkt.
       
       In der Bevölkerung sei aber auch Hoffnung zu spüren, sagt Thyagi
       Ruwanpathirana von Amnesty International Sri Lanka gegenüber der taz. Doch
       „es ist noch zu früh, um von einem Sieg der Demokratie zu sprechen. Wir
       werden in den nächsten Tagen sehen, ob die versprochenen Rücktritte
       tatsächlich erfolgen“.
       
       Inzwischen haben die Oppositionsparteien Gespräche über die Bildung einer
       Allparteien-Übergangsregierung aufgenommen.
       
       10 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
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