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       # taz.de -- Vorwürfe gegen Thomas Strobl: Untersuchungsausschuss eingesetzt
       
       > Ein mutmaßlicher Übergriff eines Polizisten und ein CDU-Innenminister,
       > der wohl Dokumente durchstach: Jetzt will Baden-Württembergs Landtag
       > aufklären.
       
   IMG Bild: Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (l, CDU) und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am 1. Juni im Landtag
       
       Karlsruhe taz | Der Landtag von Baden-Württemberg hat in überraschender
       Einigkeit einen Untersuchungsausschuss eingesetzt, der die Hintergründe
       eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs durch den Inspekteur der Polizei
       und [1][das Verhalten des Innenministers Thomas Strobl (CDU)] in der Affäre
       beleuchten soll.
       
       Auf Antrag von SPD und FDP soll das Gremium mit Zustimmung der
       Regierungsfraktionen und auch der AfD nun Licht in eine verworrene Affäre
       bringen, die immer größeren Druck auf Kretschmanns grün-schwarze Koalition
       ausübt. Grüne und CDU stimmten zu, weil der Schwerpunkt des
       Untersuchungsauftrags auf den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen liegt. CDU
       und Grüne verhinderten mit ihrer Mehrheit allerdings, dass der Ausschuss
       den zugespitzten Titel „Machtmissbrauch“ trägt. Zudem soll das Gremium
       schon bis Herbst 2023 seinen Bericht vorlegen.
       
       Dass die Regierungsfraktionen einem Ausschuss zustimmen, den sie ohnehin
       nicht verhindern können, bringt Strobl und den unsouverän agierenden
       Kretschmann zumindest kurzfristig aus dem Dauerfeuer von Medien und
       Opposition. Doch die Affäre selbst birgt weiter Sprengstoff.
       
       Der Innenminister hat zugegeben, ein Schreiben des Anwalts des
       beschuldigten Polizeiinspekteurs an einen Journalisten der Stuttgarter
       Nachrichten weitergegeben zu haben. Den Grund dafür konnte er bisher nicht
       plausibel erklären. Der Datenschutzbeauftragte hatte das vergangene Woche
       als klaren Rechtsbruch gewertet. Seit zwei Wochen ermittelt zudem die
       Staatsanwaltschaft wegen Geheimnisverrats und Anstiftung dazu gegen Strobl
       und den Journalisten.
       
       ## Untersuchungsausschuss klärt Umstände
       
       Aber auch in der eigentlichen Affäre könnte der Untersuchungsausschuss den
       Minister weiter in die Enge treiben. Dem suspendierten Polizeiinspekteur
       Andreas R. wirft die Staatsanwaltschaft vor, in einer Videobesprechung eine
       Kriminalkommissarin, die in den höheren Dienst wechseln wollte, die
       Beförderung gegen Sex angeboten zu haben.
       
       Der Untersuchungsausschuss soll nun ermitteln, ob R., der als
       Wunschkandidat Strobls galt, rechtmäßig auf den hohen Posten gekommen ist
       und ob bereits früher Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen ihn
       bekannt waren, die bei der Beförderung nicht beachtet wurden. Auch das
       könnte für den Innenminister heikel sein.
       
       ## Ermittlungen gegen Strobl dauern an
       
       Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Strobl wegen dessen
       Durchstecherei laufen weiter. Nachdem ihm in der vergangenen Woche der
       Landesbeauftragte für Datenschutz Stefan Brink einen klaren Rechtsbruch
       attestiert hatte, veröffentlichte das Innenministerium gestern ein
       Rechtsgutachten des bekannten Berliner Medienanwalts Christian Schertz.
       
       Der hält Strobls Verhalten nicht nur für zulässig, sondern möglicherweise
       sogar für geboten. Aufgrund der Informationspflicht von Behörden liege es
       auf alle Fälle im Ermessen des Ministers, Dokumente, die nicht der
       Geheimhaltungspflicht unterliegen, zu Informationszwecken an die Presse
       weiterzugeben, schreibt Schertz. Anwaltsschreiben zählten nach allgemeiner
       Rechtssprechung nicht zu diesen geheimen Dokumenten.
       
       ## Rückendeckung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann
       
       Auch von Seiten der Landesregierung kann Strobl weiterhin mit Rückendeckung
       rechnen. Zumindest, solange die Staatsanwaltschaft ermittelt und der
       Ausschuss keine weiteren Verfehlungen zu Tage fördert. Ministerpräsident
       Kretschmann, der sich [2][zwei Wochen geweigert hatte], zu der Sache
       Stellung zu nehmen, sagte gestern am Rande einer Kabinettssitzung zwar, die
       Affäre sei „eine politische Belastung“. Aber Kretschmann ist offenbar
       bereit, die auszuhalten und an seinem Vize festzuhalten. Denn Strobl ist
       für ihn ein Garant für eine stabile Koalition.
       
       Auch die CDU, die nicht immer zufrieden war mit ihrem Vorsitzenden und
       Innenminister, hat Interesse an einem langsamen Ende der insgesamt
       glücklosen Ära Strobl. Im Oktober wählt die Südwestpartei turnusgemäß ihren
       Vorsitzenden. Es wird erwartet, dass dort der Fraktionschef Manuel Hagel zu
       Strobls Nachfolger an der Parteispitze gewählt wird. Danach hätte Strobl
       bis zum Ende des Untersuchungssauschusses noch mindestens ein Jahr Zeit,
       über einen Rücktritt als Innenminister nachzudenken.
       
       1 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
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   DIR Benno Stieber
       
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