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       # taz.de -- Kanzler Olaf Scholz: Der Blick auf Merkel
       
       > Scholz setzt Merkels wortkargen Führungsstil als Kanzler fort. Doch zur
       > Demokratie gehören Erklärungen. Ein paar hingeworfene Brocken reichen
       > nicht.
       
   IMG Bild: Angela Merkel als Kanzlerin beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung 2017
       
       Als ich [1][Angela Merkel] das letzte Mal sah, schaute sie mir direkt in
       die Augen. Ihr Blick war starr und leer, und doch war da ein leichtes
       Leuchten, als verberge sich etwas hinter dieser Maskerade, als habe diese
       Leere eine Bedeutung. Ihr Kopf war leicht nach vorne geneigt, die Haare
       hingen ihr auf der einen Seite etwas unordentlich in die Stirn, das Pony
       war fransig geschnitten. Es wirkte, als sei sie gerade in einen
       Regenschauer gekommen, so eng waren die Haare um den Kopf gepackt.
       
       Eine Art Lächeln spielte um ihre Lippen. Sie war sehr bei sich. Sie war ja
       auch auf dem Weg dorthin, wo sie hinwollte: am Beginn ihrer Macht. Das
       Foto, von dem ich spreche, ist von 1998, als Angela Merkel Ministerin wurde
       im Kabinett von Helmut Kohl. Ihr Aufstieg begann kurz danach, als sie Ende
       1999 Kohl mit einem Text in der FAZ aus dem Weg schob und dann 2005 zur
       Kanzlerin gewählt wurde.
       
       Seither rätselt dieses Land – und die Welt mit ihm –, wer diese Frau war,
       und die Leere, die ihre Person umgab, spielte dabei immer eine wesentliche
       Rolle: Wie konnte es sein, dass diese Frau so hoch stieg und so wenig
       preisgab?
       
       Es bleibt ein Rätsel, auch wenn man sich die Ausstellung der [2][Porträts
       von Herlinde Koelbl] ansieht, die sie in den Jahren 1991 bis 2021 von
       Merkel gemacht hat und die gerade im Deutschen Historischen Museum in
       Berlin zu sehen sind – Merkel wird passenderweise gerade zu dem Zeitpunkt
       musealisiert, da ihre Politik historisiert wird: Der Krieg in der Ukraine
       öffnet den Blick zurück auf Hoffnungen, Fehler, falsche Annahmen der
       vergangenen Jahrzehnte, und weil Angela Merkel sie sehr wesentlich
       mitgeprägt hat, sollten die Fragen auch an sie gehen.
       
       ## Geheimniskrämerisch bis arrogant
       
       Doch wieder einmal schafft sie es, sich aus der Diskussion herauszuziehen.
       Kanzler Olaf Scholz, der zugegebenermaßen auch sehr geheimniskrämerisch bis
       arrogant regiert und kommuniziert, muss die deutsche Politik gegenüber
       Russland und vor allem für fossile Energie und North Stream 2 erklären und
       verantworten – eine Politik, die doch wesentlich unter Merkels Augen
       gestaltet wurde. Wie schafft es also Angela Merkel immer wieder, dass sich
       der Blick auf sie verliert oder oft sogar verklärt?
       
       Darauf immerhin gibt die Ausstellung ihrer Porträts eine Antwort. Der Fokus
       auf die Person, so wie er hier zelebriert wird, ohne den Kontext der Macht
       und konkrete politische Fragen, eröffnet so gut wie nichts. Wenn man Angela
       Merkel ins Gesicht schaut, bleibt man blind für die Konflikte, Kompromisse,
       politischen Fehler ihrer Zeit – und das waren, 2005 bis 2021, eben genau
       die Jahre, in denen sich etwa der Klimawandel nochmal drastisch
       beschleunigte, in denen die Krisen des Kapitalismus massiv deutlich wurden
       und die Ungleichheit in der Welt und auch in Deutschland individuell wie
       strukturell prekär wurde.
       
       Der Blick auf Merkel, mit anderen Worten, der sie in ihrer Kanzlerschaft
       entpolitisiert, so wie es diese Ausstellung tut, hilft dem Projekt Merkel,
       das immer auch das Projekt einer bestimmten Art von Politik war: eher
       technokratisch als demokratisch, eher durch Beschlüsse befeuert denn durch
       Debatten, eine Schrumpfform der Kommunikation, die dadurch dem Streit über
       wesentliche Grundfragen unserer Zeit und Ordnung den Raum nahm.
       
       Es ist nicht die Leere der Augen von Angela Merkel, die das Problem ist –
       das Problem ist der Versuch, in ihren Augen, in ihrem Gesicht, in ihrer
       Person eine Erklärung zu suchen für das, was sie tat. Es ist eine Sache, in
       den Porträts der Mächtigen ein Zeichen für ihre Herrschaft zu finden, eine
       feudal geprägte Ikonografie der Macht, die einen speziellen Zweck erfüllte
       – die Mächtigen einzureihen in eine Geschichte, in ein Vorher und Nachher.
       
       ## Habeck macht´s ganz anders
       
       In der Demokratie haben Bilder eine andere Funktion, sie dienen eher der
       Beglaubigung dessen, was man tut oder wer man ist, sie sollen Transparenz
       erzeugen und nachvollziehbar machen, was, warum geschah. Damit bleibt das
       Porträt der Macht notwendigerweise leer, weil sich das Eigentliche der
       Macht dem Auge entzieht.
       
       Für die gegenwärtige politische Debatte bleibt das relevant, weil Olaf
       Scholz auch in diesem Punkt die Politik von Angela Merkel fortsetzt. [3][Er
       kommuniziert, anders als Robert Habeck] oder Annalena Baerbock, eben nicht
       so, wie es in der digitalen Demokratie möglich und vor allem nötig ist –
       schnell, direkt, offen, reflektiert, persönlich, indem man für die eigene
       Politik einsteht und sich nicht hinter dem Amt versteckt.
       
       Habeck formuliert Widersprüche, findet eigene Kanäle für seine Botschaften,
       die nicht vorformuliert und floskelhaft sind, sondern sich der Komplexität
       stellen und oft auch der Unauflöslichkeit von Gegensätzen. Die [4][kurzen
       Videos, in denen Habeck seine politischen Entscheidungen erklärt],
       erklärt!, sind genau das Gegenteil der opaken Vollzugslogik, die Olaf
       Scholz weiterbetreibt, als Merkels ewiger Vize.
       
       Wie sehr sich diese, um das Wort nochmal zu wiederholen, Arroganz der Macht
       hier verselbstständigt, hat [5][Scholz gerade noch mal auf dem
       Katholikentag bewiesen], als er Klimaaktivist*innen als Nazis
       beschimpfte – alles war hier falsch, auch die Sätze danach, mit denen er
       dieses doch eigentlich gesellschaftlich klar formulierte zentrale Ziel, den
       Klimawandel so weit wie möglich aufzuhalten, verhöhnte.
       
       Geboren aber ist diese Arroganz auch aus einer sehr tief sitzenden
       Verweigerung, in den Kontakt zu gehen mit denen, die einem die Macht
       verliehen oder geliehen haben. Zur Demokratie gehören Bilder, die
       beglaubigen, zur Demokratie gehören Sätze, die erklären, eine Sprache, die
       Räume öffnet. Es reicht nicht, schnarrend und unwillig ein paar Brocken
       hinzuwerfen, ohne Mühe, ohne Verständnis für das Gegenüber, ohne Empathie.
       
       Demokratie ist komplizierter geworden und wird es immer mehr. Eine
       regressive Ikonografie ist da genauso wenig hilfreich wie
       Sprachverweigerung und Erklärungsarmut, wie sie Olaf Scholz gerade in
       Sachen Ukraine und Klimawandel praktiziert.
       
       1 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Schwerpunkt-Angela-Merkel/!t5007702
   DIR [2] /Bildband-ueber-die-scheidende-Kanzlerin/!5811118
   DIR [3] /Kommunikation-von-Habeck-und-Scholz/!5849318
   DIR [4] https://twitter.com/BMWK/status/1519198468383850496
   DIR [5] /Katholikentag-in-Stuttgart/!5857410
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Georg Diez
       
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