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       # taz.de -- Leipzig gewinnt den DFB-Pokal: Zwischenziel abgehakt
       
       > Erst im Elfmeterschießen holt sich RB Leipzig gegen den SC Freiburg den
       > DFB-Pokal. Beim Konzernklub bewirkt das Anspannung ob der künftigen
       > Ziele.
       
   IMG Bild: Leipziger Ausgelassenheit: RB-Trainer Domenico Tedesco und Sportdirektor Oliver Mitzlaff
       
       Berlin taz | Gerade als die Leipziger dabei waren, das lang ersehnte Gefühl
       der Leichtigkeit auszukosten, kam die jähe Ernüchterung. Willi Orban hatte
       nach dem gewonnen Elftmeterschießen im Freudentaumel seinen
       fliegengewichtigen Trainer [1][Domenico Tedesco] noch in die Höhe gehoben,
       als wolle er schon mal für die Pokalübergabe üben. Und während die knapp
       geschlagenen Freiburger sich noch von ihren Fans feiern ließen, schienen
       die neuen Pokalsieger die Siegerehrung gar nicht mehr abwarten zu können
       und versammelten sich in der Nähe des dafür vorgesehenen Podests.
       
       Doch plötzlich wurde es still im Stadion. Man hörte nur einen Hubschrauber
       am Himmel. Ein Fotograf am Seitenrand war kollabiert und musste notärztlich
       behandelt werden. Die Ehrung wurde verschoben, bis der Notleidende
       stabilisiert werden konnte, und zahlreiche Handylichter signalisierten,
       dass es Wichtigeres gibt als einen DFB-Pokalsieg.
       
       Wie wichtig ein [2][Fußballspiel] im Profigeschäft werden kann und was die
       dort entstehenden Druckverhältnisse so mit den Beteiligten machen, das
       konnte man an diesem Samstag im Berliner Olympiastadion wie unter einem
       Vergrößerungsglas studieren. [3][Christian Streich], der Trainer des so
       knapp vor der Überraschung stehenden Außenseiters, hatte einen
       federleichten Umgang mit der Niederlage. „Ich schaffe es nicht mal mehr,
       mich zu ärgern“, erklärte er und versicherte dann: „Morgen schon und
       übermorgen, weil wir ja verloren haben.“ Bei jedem Bundesligaspiel sei er
       doppelt so angespannt. Er müsse dann daran denken, sich wegen des enormen
       Drucks „immer wieder runterzuholen“. Nur der Blick auf die nächste Saison
       schien seine Stimmung an diesem Abend zu trüben. „Dann kommen wieder die
       wahnsinnsanstrengenden Bundesligaspiele. Am liebsten würde ich die ganze
       Zeit nur Pokalendspiele spielen.“
       
       Sein Gegenüber Domenico Tedesco, der RB Leipzig nach zwei gescheiterten
       Finalversuchen in Berlin zum ersten Vereinstitel in der noch jungen
       Geschichte des Konzernvereins coachte, wirkte dagegen selbst im bekundeten
       Höhenflug seiner Gefühle („Ich bin überglücklich“) noch bleiern schwer.
       Während Streich die drei Aluminiumtreffer der Freiburger in der
       Verlängerung von der Metaebene aus betrachtete („Deshalb rennt die ganze
       Welt in die Stadien. Fußball ist unberechenbarer als andere Sportarten“),
       machten Tedesco die Details der Partie noch mächtig zu schaffen, die ihn
       „auf 180 gebracht hätten“. Schiedsrichter Sascha Stegemann, beklagte er,
       habe viele Fifty-Fifty-Entscheidungen gegen Leipzig entschieden.
       
       ## Geschäftspläne des Brausekonzerns
       
       Der Druck schien von Tedesco nur langsam abfallen zu wollen. Die
       Konzernerwartungen von RB, die nur einen Sieger an diesem Abend vorsahen,
       lasteten sichtbar schwer auf dem ganzen Team. Vom sonst so typischen frühen
       Pressing der Leipziger war in der ersten Hälfte wenig zu sehen. Chancen
       ergaben sich vornehmlich aus Freiburger Patzern. Erst als die Favoriten
       durch Rückstand (19. Minute) und Unterzahl (57.) in die Außenseiterrolle
       schlüpften, löste sich die Verkrampfung, während die Freiburger wiederum
       mit der Situation nicht klarkamen, plötzlich Vorteile ausspielen zu können.
       Diese Kombination bescherte den Zuschauern ein hochdramatisches
       Fußballspiel.
       
       Die Lamettafäden, die am Ende auf den erwarteten Sieger herunterflatterten,
       verbreiteten dagegen nur begrenzten Glanz. Der Traum der Fußballromantiker,
       dass ein weiteres Mal in dieser Saison nach den Erfolgen etwa von Eintracht
       Frankfurt die Minderbemittelten triumphierten, war ausgeträumt. Es war ja
       auch ein wenig ein Kampf der Fußballkulturen, der in Berlin ausgetragen
       wurde. Das machte sich wenige Kilometer vor dem Olympiastadion schon
       bemerkbar, als ein Großteil der 30.000 Freiburger Anhänger bei ihrem selbst
       organisierten Fanmarsch, am von RB Leipzig organisierten Fanfest vorbeizog.
       Dort wurde das Publikum mit einer Motocross-Stunt-Show unterhalten.
       Formidable Fußball-Shows mit Trophäenübergaben wird RB, so steht es
       zumindest in den Geschäftsplänen des Brausekonzerns, künftig vermehrt
       veranstalten.
       
       Die Glückserwartungen werden immer höher veranschlagt. Nachdem auf der
       Meisterfeier des FC Bayern die Unzufriedenheit kaum kaschiert wurde,
       Borussia Dortmund sein Unbehagen mit dem zweiten Platz durch eine
       Trainerentlassung dokumentierte, ist die Genussspanne über den ersten Titel
       bei RB Leipzig auch recht begrenzt. Der erschöpfte Domenico Tedesco sah am
       Samstag nicht so aus, als ob ihn die Vorstellung, die ganze Zeit nur
       Pokalendspiele zu spielen, beglücken könnte. Schließlich müsste er sie
       möglichst alle gewinnen.
       
       22 May 2022
       
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