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       # taz.de -- Rechtsextreme Verschwörungserzählung: Der Mythos vom „großen Austausch“
       
       > Die rassistische Verschwörungserzählung vom „Great Replacement“ ist unter
       > Rechten weit verbreitet. Doch auch außerhalb der Szene verfängt die Mär.
       
   IMG Bild: Trauer und Wut nach dem rasstischen Attentat in Buffalo im Bundesstaat New York vor einer Woche
       
       Ein [1][Rassist erschießt in Buffalo zehn Menschen]. In Essen wird der
       rechtsterroristische [2][Anschlag eines Jugendlichen] vereitelt. In der
       Berichterstattung über die beiden Geschehnisse fällt eine Gemeinsamkeit
       sofort ins Auge: Die beiden Männer sollen die (geplante) Ermordung von
       Menschen mit dem [3][„Aussterben der Weißen“] gerechtfertigt haben.
       
       Die Mär vom sogenannten „großen Austausch“ hat sich in den vergangenen
       Jahren zum wohl wichtigsten Narrativ der extremen Rechten entwickelt. Und
       schon vor Buffalo und Essen bezogen sich Terroristen darauf – der Täter von
       Christchurch etwa, der im Jahr 2019 insgesamt 51 Menschen muslimischen
       Glaubens ermordete, gab seinem Hasspamphlet gar den Titel „The Great
       Replacement“.
       
       Ursprünglich aus Frankreich stammend, geht die Erzählung davon aus, die
       weißen Bevölkerungen verschiedener Länder würden durch nichtweiße Menschen
       ausgetauscht – und das gezielt. Als Verursacher:innen des
       vermeintlichen Austauschs werden geheim agierende Eliten beschrieben und
       dabei insbesondere immer wieder antisemitische Codes bedient.
       
       ## „Großer Austausch“ als ideologischer Überbau
       
       Im Wesentlichen wird ein Szenario gezeichnet, in dem Migration und Geburten
       eng zusammenhängen. Einerseits würde eine als illegal dargestellte
       Migration weiße Menschen, etwa in Deutschland, in eine Minderheitenposition
       bringen. Das geschehe sowohl durch den Zuzug der Migrant:innen selbst
       als auch durch ihre Geburtenzahlen, die nach altbekanntem rassistischem
       Topos als besonders ausufernd beschrieben werden. Andererseits wird auch
       das Fortpflanzungsverhalten all jener problematisiert, die qua ihrer
       genealogischen Abstammung und ihres Weißseins als genuin deutsch betrachtet
       werden: Sie würden schlichtweg zu wenige Kinder bekommen.
       
       Die Verfechter:innen dieses Verschwörungsmythos zeichnen ein Bild
       Deutschlands, in dem ganze Stadtteile von feindlichen Mächten übernommen
       würden und sich weiße Deutsche nicht mehr sicher im eigenen Zuhause fühlen
       könnten. Menschen werden in der Erzählung in fixe Kategorien eingeteilt und
       damit zu Zugehörigen beziehungsweise Nichtzugehörigen. Wer als Gefahr für
       „das deutsche Volk“ gilt, entscheidet sich anhand rassistischer Marker –
       weiße Schwed:innen oder Amerikaner:innen kommen als Schuldige in den
       Horrorszenarien nicht vor. Stattdessen sind es People of Color, die
       unabhängig von ihrer Herkunft oder Staatsangehörigkeit als „Umvolker“ zur
       Gefahr stilisiert werden.
       
       Es gibt mehrere Gründe, warum das Narrativ derart starken Anklang findet.
       Martin Sellner, Gesicht der sogenannten Identitären Bewegung in Österreich,
       erklärte schon 2016, der „große Austausch“ sei genau der übergreifende
       Begriff, der alle wichtigen Themen des Milieus auf so praktische Weise
       vereine. Ob gegen Migrant:innen gehetzt, vor „Mischehen“ gewarnt oder
       eine „Islamisierung“ beschworen werden soll – all dem verleiht der „große
       Austausch“ einen vermeintlich systematischen Überbau.
       
       ## Rassismus und Antifeminismus
       
       Diese Sammelfunktion des Konzepts generiert gleichzeitig eine größere
       Anschlussfähigkeit. Denn die einzelnen Themen, die sich darunter
       versammeln, werden nicht nur in der rechten Szene heiß diskutiert, sondern
       weit darüber hinaus. Wettert die extreme Rechte beispielsweise gegen einen
       zerstörerischen Feminismus, der deutsche Kinderlosigkeit zur Folge habe,
       lassen sich damit auch viele Menschen in die Welt des „großen Austauschs“
       führen, die für allzu hasserfüllte Migrant:innenhetze möglicherweise
       nicht empfänglich wären – schließlich ist die Ablehnung feministischer
       Errungenschaften bei weitem kein Alleinstellungsmerkmal der Rechten. Auch
       der wissenschaftliche Begriff der Demografie wird als Einfallstor genutzt.
       Doch anstatt tatsächlich relevante soziale Folgen des Bevölkerungswandels
       wie die medizinische Versorgung alter Menschen zu diskutieren, verbindet
       das rechtsextreme Milieu damit Hetze gegen Migrant:innen und Misogynie.
       
       Das Thema Geschlecht durchzieht die Erzählung wie ein roter Faden. Frauen
       und Männer nehmen im völkischen Denken fixe Rollen ein –
       Geschlechtervielfalt gibt es nicht. Die Frau sei demnach nicht nur
       Gebärerin der Volksnachkommen, sondern auch Sinnbild einer erdachten
       Volkskultur. Der Austauscherzählung zufolge habe der westliche Feminismus
       jedoch dazu geführt, dass „deutsche Frauen“ ihren Platz in der Familie
       vernachlässigen würden und sich darüber hinaus allzu häufig auf Beziehungen
       mit „Nichtdeutschen“ einließen. Derartige Beziehungen werden als gezielte
       Zerstörung des weißen Deutschlands verstanden, gefördert von
       gleichgeschalteten Medien und Regierungen. So werden auch die von der Szene
       als deutsch betrachteten Frauen zur potenziellen Gefahr für das Volksbild
       der extremen Rechten.
       
       Auf der anderen Seite gilt die emotionsgesteuerte, unberechenbare Frau
       dieses Zerrbilds als völkisches Gut, das vor dem als migrantisch
       gezeichneten Mann beschützt werden muss. Die sexualisierte Darstellung
       dieses „Anderen“ ist seit dem Kolonialismus fest verankert und auch die
       Nationalsozialist:innen stellten ihre Opfer als unkontrollierbare
       Gefahr für die (sexuelle) Ordnung dar. So nutzt die extreme Rechte die
       Sexualisierung rassifizierter Männer zum einen, um ihren Rassismus zu
       rechtfertigen, zum anderen, um den eigenen Sexismus zu verschleiern –
       dieser sei lediglich ein Problem der „Anderen“.
       
       ## Erzählung suggeriert eine akute Bedrohung
       
       Dass es sich beim „großen Austausch“ weder um Wissenschaft noch um
       berechtigte Sorge handelt, wird durch die rassistische und sexistische
       Hetze des Narrativs schnell deutlich. Tatsächlich geht es um Gewalt und
       Ausgrenzung zur Wahrung von Privilegien. Doch wer der Erzählung Glauben
       schenkt, kann zu der Überzeugung gelangen, schnellstmöglich handeln zu
       müssen. Genau das macht den „großen Austausch“ so brandgefährlich: Er
       suggeriert eine Situation der akuten Bedrohung, in der eine Zurwehrsetzung
       mit allen Mitteln gerechtfertigt sei. Denn wo man angegriffen wird, darf
       man nicht nur, man muss sich gar wehren, um weiteren Schaden abzuwenden, so
       der Gedanke der extremen Rechten. In den Köpfen der Anhänger:innen wird
       so eine absurde Täter-Opfer-Umkehr vollzogen, mit der die Tötung
       rassifizierter Menschen als Notwehr erscheinen soll.
       
       Doch wozu das Ganze? Die Szene rechtfertigt ihre gewaltvollen Forderungen
       implizit stets mit einer völkischen Überlegenheit – das „gute Volk“ muss
       gerettet, erhalten werden. Unverblümt ein offensives Vorgehen gegen die
       Verachteten zu fordern, würde nicht in dieses Bild passen: Der Gute, so die
       Argumention der Rechtsextremen, wehrt sich bloß gegen den illegitimen
       Angriff des Feindes. Solche vermeintlichen Notwehrerzählungen sind nicht
       neu, sondern werden seit jeher in den unterschiedlichsten Situationen
       gezielt eingesetzt. Schon aus der Zeit vor dem deutschen Völkermord an den
       Herero und Nama finden sich öffentliche Behauptungen über bestialische
       Morde an deutschen Frauen und Missionaren. Wer nicht so weit in die
       Vergangenheit blicken möchte, findet erstaunliche Anleihen der
       Notwehrerzählung in Putins Kriegsrechtfertigung, mit der er ein angebliches
       Nazi-Regime in Kiew zeichnet, vor dem die Welt bewahrt werden müsse.
       
       Die thematischen Verknüpfungen des „großen Austauschs“ haben der extremen
       Rechten Räume erschlossen, die weit über die eigenen Hinterzimmer
       hinausgehen. Es überrascht kaum, dass die AfD das Narrativ bedient. Doch
       laut einer [4][Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung] stimmt ein Fünftel
       aller Befragten der Aussage zumindest teilweise zu, Deutschland werde
       „durch den Islam unterwandert“. In [5][den USA glaubt mittlerweile jeder
       dritte Erwachsene] an den Verschwörungsmythos. Das macht deutlich, wie
       wichtig die Finanzierung professioneller Aufklärungs- und
       Präventionsangebote ist, wenn wir nicht nur kaum fassbaren Massakern,
       sondern auch der fortwährenden Ausgrenzung von rassifizierten Menschen die
       Grundlage entziehen wollen.
       
       23 May 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Gewalttat-im-US-amerikanischen-Buffalo/!5854583
   DIR [2] /Geplanter-rechter-Anschlag-in-Essen/!5854351
   DIR [3] /Rassistischer-Anschlag-in-Buffalo/!5855705
   DIR [4] https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=65478&token=d51fbf0ad16a903133c9dcb54e4e5d58382d096f
   DIR [5] https://www.npr.org/2022/05/17/1099233034/the-great-replacement-conspiracy-theory-isnt-fringe-anymore-its-mainstream?t=1653210808834
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Nadja Kutscher
       
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