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       # taz.de -- Disney+-Serie „Beth und das Leben“: Schumers Neuerfindung
       
       > Comedienne Amy Schumer zeigt sich in „Beth und das Leben“ von einer
       > anderen Seite als bisher. Dabei stellt sie die ganz großen Fragen.
       
   IMG Bild: Beth (Amy Schumer) trifft auf John (Michael Cera)
       
       Gute sieben Jahre ist es her, dass Amy Schumer zum neuen Superstar der
       US-amerikanischen Comedy-Welt wurde. Im Kabelfernsehen lief ihre
       Sketch-Show „Inside Amy Schumer“, im Kino der von ihr als Hauptdarstellerin
       und Drehbuchautorin verantwortete Film „Dating Queen“ und bei HBO das Emmy-
       und Gramm-nominierte Stand-up-Programm „Amy Schumer: Live at the Apollo“.
       2016 wurde sie dank des humorvoll-autobiografischen Buchs „The Girl With
       the Lower Back Tattoo“ auch noch zur Bestsellerautorin.
       
       Sieben Jahre allerdings sind eine lange Zeit, zumal wenn es um Humor geht.
       Und so dürfte es kaum jemanden verwundert haben, dass Schumer in den
       vergangenen Jahren eher mit Privatangelegenheiten (Hochzeit mit einem Koch,
       Geburt des ersten Kindes) sowie deren medialer Auswertung (eine
       Quarantäne-Kochsendung in den Corona-Anfangstagen [1][sowie einer Dokuserie
       über ihre Problemschwangerschaft]) beschäftigt war als mit neuen Gags.
       Nicht zuletzt, weil die Schumer’sche Comedy, die zu weiten Teilen von
       Vulgarität und einem nicht selten problematischen Feminismus für weiße cis
       Frauen lebte, vom Zeitgeist schnell abgehängt wurde.
       
       Wenn sich Schumer nun mit „Beth & das Leben“, ihrer ersten eigenen Serie,
       zurückmeldet, ist das also Comeback- und Neuerfindungsversuch gleichermaßen
       – und funktioniert erstaunlich gut. Schumers Titelheldin arbeitet im
       Vertrieb und dreht Restaurants mittelmäßigen Wein an, außerdem hat sie ein
       schickes Apartment in Manhattan und einen zum Lebensgefährten gewordenen
       Kollegen, der eigentlich nicht der Richtige ist. Das dieses Leben bei Licht
       betrachtet kein bisschen so perfekt ist, wie es an der Oberfläche
       erscheint, ahnt Beth selbst. Doch wirklich bewusst wird es ihr erst, als
       ein Familiennotfall sie zurück nach Long Island bringt, wo ihre Schwester
       (Susannah Flood) und viele mühsam unterdrückte Traumata auf sie warten,
       aber schließlich auch ein womöglich autistischer Bio-Bauer (Michael Cera)
       ihr Interesse weckt.
       
       ## Voller autobiografischer Elemente
       
       Frauen, die vermeintlich – und im konventionell-patriarchalen Sinne – ihr
       Leben noch nicht oder angesichts einer Krise nicht mehr im Griff haben und
       deswegen auf Außenstehende verpeilt, kompliziert oder einfach nur schräg
       wirken, sind im Comedy-Bereich in letzter Zeit keine Seltenheit. [2][Der
       Erfolg von „Fleabag“] machte aus dem Phänomen einen echten Trend, seither
       folgten, um nur einige zu nennen, „Feel Good“, „Work in Progress“,
       „Starstruck“ oder „Somebody Somewhere“. Ähnlich wie die Schöpferinnen
       dieser Serien verarbeitet auch Schumer autobiografische Elemente: sie
       stammt selbst aus Long Island und hatte einen Alkoholiker-Vater, während
       Ceras Figur an ihrem Ehemann angelehnt ist.
       
       Gut möglich, dass der Hype solcher sogenannten Sadcoms sich schon wieder
       dem Ende zuneigt (bei Netflix jedenfalls will man keine mehr, wie gerade
       aus einem internen Strategiepapier hervorging), doch Schumer tut der
       Richtungswechsel hin zur Melancholie und Bitterkeit ohne Frage gut. Der
       Humor, mit dem sie zum Star wurde, ist zwar nicht komplett verschwunden,
       und in „Beth und das Leben“ sitzt definitiv nicht jeder Gag. Doch die
       Introspektion und Ernsthaftigkeit, die sowohl Beth als auch Schauspielerin
       Amy Schumer für sich zu entdecken beginnen, geben der nicht unbedingt
       aufregenden oder neuen Geschichte von der Rückkehr nach Hause vor allem in
       der zweiten, überzeugenderen Serienhälfte angenehme Bodenhaftung und einige
       Momente der Tiefe. Und nicht zuletzt die Rückblenden, mit Schauspielerin
       Violet Young als junger Beth, sind richtig gelungen.
       
       [3][Ob der Komikerin], die bei einigen der zehn Folgen übrigens auch selbst
       Regie geführt hat, nun tatsächlich die Rückkehr in alte Erfolgshöhen
       gelingt, bleibt abzuwarten. Die Reaktionen jüngst auf ihren selten lustigen
       Auftritt als eine von drei Moderatorinnen bei der Oscar-Verleihung lassen
       vermuten, dass der Weg noch ein weiter für sie sein könnte. Aber eine
       zweite Staffel von „Beth und das Leben“ ist zumindest schon bestellt – und
       das ist auf jeden Fall eine für alle erfreuliche Nachricht.
       
       19 May 2022
       
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   DIR Patrick Heidmann
       
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