URI:
       # taz.de -- Umweltpolitiker Josef Göppel gestorben: Grünes Gewissen der CSU
       
       > Josef Göppel war Konservativer – und machte sich Zeit seines Lebens für
       > die Umwelt stark. Nachruf auf einen unbeirrten Weltretter.
       
   IMG Bild: Unbeirrbar in seinen Überzeugungen: CSU-Umweltpolitiker Josef Göppel ist mit 71 Jahren gestorben
       
       Oft hat Josef Göppel diese Frage gehört, auch von mir: „Was machen Sie
       eigentlich in der CSU?“. Das aber wusste der Franke ganz genau: aus einem
       konservativen Weltbild heraus die Umwelt, „Gottes Schöpfung“, wie er sagte,
       bewahren. Dafür hat Josef Göppel jahrzehntelang gekämpft, im Stadtrat,
       Bezirkstag, im bayerischen Landtag und im „Deutschen Verband für
       Landschaftspflege“, 15 Jahre im Bundestag, in und vor allem gegen seine
       eigene Partei. Diese Auseinandersetzungen gehen weiter, aber Josef Göppel
       kämpft nicht mehr. Das grüne Gewissen der CSU ist am 13. April mit 71
       Jahren gestorben. Wir verlieren einen zähen und unbeirrten Weltretter.
       
       Seine innerparteilichen Gegner nannten Göppel „einen Solitär“ – ein
       vergiftetes Kompliment. Der CSU-Abgeordnete war stolz darauf, viermal
       seinen Bundestags-Wahlkreis Ansbach direkt gewonnen zu haben, jeweils mit
       einem besseren Ergebnis als die CSU bei den Zweitstimmen. Aber in Berlin
       war er in der Unionsfraktion isoliert. 28-mal in seiner Laufbahn als
       Parlamentarier stimmte er mit Grünen und SPD und gegen seine Partei: für
       das EEG, für den Atomausstieg, für ein Tempolimit, gegen Glyphosat. Was ihm
       Parteifreunde als Verrat auslegten, fand er „ziemlich moderat“ für einen
       Abgeordneten mit eigenem Kopf und unabhängigem Gewissen.
       
       Direkt genützt hat es wenig: [1][die Unionsfraktion seiner Zeit war den
       Industrie-, Agrar- und Energielobbies ausgeliefert]. Göppel hat es nicht
       geschafft, genügend ökobewusste Unionsleute zusammenzubringen, um ein
       Gegengewicht zu bilden. „Meine große politische Niederlage“ nannte er das.
       
       Fachlich war Göppel stets auf der Höhe. Er war Förster, und das mit Leib
       und Seele. Wer die Chance hatte, ihn einmal in seinem heimatlichen
       Steinbachwald zu begleiten, der merkte, wie dort der Ärger aus Berlin und
       die Sorgen um die Zukunft von ihm abfielen. Er kannte jeden Baum mit
       Vornamen und schwärmte von der Vitalität der Natur. Aber der Wald war für
       ihn Rückzugsgebiet, nicht nur im spirituellen Sinn: „ich wusste immer, wenn
       das in der Politik schiefgeht, kann ich hier sofort wieder arbeiten. Das
       hat mich wirtschaftlich unabhängig gemacht.“
       
       Göppel, geboren 1950, trat 1970 gleichzeitig in die CSU und den Bund
       Naturschutz ein. Jahrelang zwang ihn eine schwere Nierenkrankheit
       regelmäßig ins Krankenhaus. Er nutzte die Dialyse-Sitzungen zum
       Aktenstudium – und verpasste die Chance zum Biertrinken und Netzwerken mit
       den anderen Abgeordneten. 2017 kandidierte er nicht mehr fürs Parlament. Es
       war genug, fand er – wer immer über Maßhalten und die Grenzen der
       Belastungsfähigkeit redete, sollte das auch für sich selbst anerkennen,
       sagte er mir bei einem Besuch. Das aber hieß nicht, dass er im heimischen
       Herrieden auf dem Sofa saß oder seiner Frau die Arbeit im Garten streitig
       machte.
       
       Im Gegenteil: [2][Als unbezahlter „Seniorexperte“ machte sich Göppel auf,
       um die Energiewende in Afrika voranzubringen]. Mit seiner grünen
       Amtskollegin Bärbel Höhn reiste er durch den Kontinent, ließ sich Projekte
       zeigen, organisierte Ausbildungschancen für junge Leute in den erneuerbaren
       Energien. Göppel hatte in seinem Wahlkreis gesehen, wie gut Landwirtschaft
       und Erneuerbare zusammenpassen, wie viel Geld Landwirte mit Solardächern
       verdienen können, wie gut Öko der Wirtschaft tun kann.
       
       ## „Ein umweltpolitischer Visionär“
       
       Josef Göppel war ein Konservativer, wie man sie leider kaum noch findet:
       Verankert bei den Menschen seiner Heimat, in der seine Familie seit 1582
       lebte; verwurzelt in seinem christlichen Glauben; mutig genug für
       jahrelangen offenen Widerspruch bei seinen engsten BerufskollegInnen;
       unbeirrbar in seinen Überzeugungen, dass die natürlichen Lebensgrundlagen
       wichtiger sind als das schnelle Geld; verärgert über seine Parteifreunde,
       die das andersherum sahen. Und lernfähig genug, die Ansichten seiner Frau
       und seiner vier Töchter in seine Politik einfließen zu lassen.
       
       Bayerns Ministerpräsident Söder, „der Markus“, wie Göppel sagte, nannte ihn
       in einem Nachruf einen „umweltpolitischen Visionär“, der seine Partei
       „geprägt, geprüft und oft auch vorangetrieben hat“. Alles richtig. Söder
       meinte aber auch, Göppel sei „seiner Zeit voraus gewesen“. Ganz falsch:
       [3][Josef Göppel war immer genau auf der Höhe der Zeit. Nur die anderen
       waren weit, weit zurück.]
       
       15 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Klima-Bilanz-der-Merkel-Aera/!5624314
   DIR [2] /Zu-konservativ-fuer-die-CSU/!5489575
   DIR [3] /Abstimmung-ueber-die-Frauenquote/!5069443
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Bernhard Pötter
       
       ## TAGS
       
   DIR Wir retten die Welt
   DIR Nachruf
   DIR CSU
   DIR Naturschutz
   DIR Konservatismus
   DIR Charkiw
   DIR Schwerpunkt Hambacher Forst
   DIR Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Notizen aus dem Krieg: Sie haben Angst vor ihren Schatten
       
       Misha Chernomorets bringt Hilfsgüter in die umkämpfte Stadt Charkiw und
       evakuiert Menschen. Eine Suche nach Worten zwischen Leid und Hoffnung.
       
   DIR Fotoband zum Hambacher Forst: Zehn Jahre Baumhäuser
       
       Es ist ein trauriges Jubiläum, aber auch ein wichtiges: Am 14. April 2012
       wurde das erste Baumhaus im Hambacher Forst gebaut.
       
   DIR Umstrittene Gazprom-Stiftung: Manuela Schwesig unter Druck
       
       Rücktrittsforderungen gegenüber Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin
       werden lauter. Hat sich ihr Kabinett instrumentalisieren lassen?