URI:
       # taz.de -- Waldorfpädagogik und Maskenpflicht: Das Ringen um den Einzelnen
       
       > Freie Waldorfschulen hatten beim Umgang mit Corona oft Probleme mit ihrer
       > Klientel und Lehrerschaft. Zwei Ulmer Schulen gehen unterschiedliche
       > Wege.
       
   IMG Bild: Ein Findling als Namensschild auf dem Gelände einer Freien Waldorfschule in Lübeck
       
       Es war im Frühjahr 2020, die Welt wusste noch nicht viel über das
       Coronavirus. Wilfried K. glaubte genug zu wissen. Am 27. Mai tritt der
       Lehrer aus Ulm im baden-württembergischen Biberach an ein Rednerpult. Mit
       dem „Kunstgriff eines Virus“ sei ein „die Menschen bestimmender,
       bedrohlicher Raum geschaffen“ worden, ruft er den versammelten Gegnern der
       Pandemiepolitk zu. Mittels einer „gewaltigen Zensur, Hetz- und
       Diffamierungskampagne der Regierung und der Hofmedien (…)“ solle „jegliches
       eigenständige Denken“ ausgemerzt werden. Die Bundesregierung müsse deshalb
       vor Gericht gestellt werden – „national und international“.
       
       K. ist Lehrer in Ulm. Wohl nirgendwo in Deutschland ist die
       Waldorfschulen-Dichte höher als im Süden der schwäbischen Stadt: Die Freie
       Waldorfschule an der Römerstraße und die Waldorfschule am Illerblick liegen
       keine 300 Meter voneinander entfernt. K. unterrichtete damals an beiden das
       Fach Theater in der Oberstufe.
       
       An keiner Schule in Deutschland ging die Debatte um Sinnhaftigkeit der
       Coronamaßnahmen vorbei. [1][In manchen der bundesweit 254 Waldorfschulen
       mit ihren rund 90.000 Schüler:innen aber fiel sie schärfer aus.] Es gab
       Berichte über ungewöhnlich viele Covid-Ausbrüche, wie etwa in Müllheim,
       über falsche Maskenatteste wie in Freiburg, über Drohungen gegen die
       Schulleitung wegen der Maskenpflicht wie in Göppingen, eskalierte
       Coronaproteste wie in Rottweil, über Testverweigerung wie in Prien. Und
       über Querdenker-Lehrer – wie Wilfried K. aus Ulm.
       
       Der Bund der Freien Waldorfschulen versuchte schon im Oktober 2020, all dem
       entgegenzutreten: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von simplifizierenden,
       mystifizierenden, diskriminierenden sowie demokratie- und staatsfeindlichen
       Aussagen“, schrieb der Verband. Er verurteile, wenn diese unter Berufung
       auf die Waldorfpädagogik oder die Anthroposophie verbreitet werden.
       
       Doch wie kommt es, dass sich die Coronakonflikte an Waldorfschulen oft
       stärker zugespitzt haben als anderswo? Der Illerblick-Schulleiter Roland
       Zeller aus Ulm drückt es so aus: An Waldorfschulen sei „im Gegensatz zu
       staatlichen Schulen eine wesentlich freiere und breitere Grundhaltung zu
       vielen Themen gegeben.“ Und manche Eltern, die eben das anziehe, „möchten
       auch ein anderes Gesundheitssystem für sich auswählen“.
       
       Doch das sind nicht alle. Andere Waldorf-Eltern ziehen Biontech Bachblüten
       vor und können auch sonst nicht viel mit Esoterik anfangen. Vor Corona fiel
       das oft nicht weiter ins Gewicht. Doch die Pandemie ließ die teils weit
       auseinander fallenden Weltsichten kollidieren. Der Fall des Lehrers K. ist
       dabei exemplarisch für die Konfliktlage. Er zeigt aber auch, wie
       unterschiedliche Wege die Schulen in diesem Konflikt gehen können.
       
       ## Klar positioniert
       
       Die Waldorfschule Römerstraße macht einen Schnitt: Sie führt einen
       Rechtsstreit, trennt sich von K., was den Abgang weiterer Lehrer nach sich
       zieht. Einige enttäuschte Eltern melden ihre Kinder ab. „Wir haben uns in
       der Coronafrage glasklar positioniert“, sagt Vorständin Gerlinde Koch
       heute. „Viele Diskussionen, die andere Schulen heute haben, haben wir nicht
       mehr.“
       
       Bei der Waldorfschule am Illerblick ist K. hingegen bis heute weiter
       beschäftigt. „Die Gemeinschaft ringt um jeden Einzelnen und das ist etwas
       Schönes“, sagt der Schulleiter Zeller heute. K. habe zu Corona „seine
       Position und steht dazu. Und das darf auch so sein.“
       
       Die „eigene Position“ tut K. nicht nur auf Demos wie in Biberach und auf
       anderen Querdenker-Veranstaltungen kund. Er hatte auch über den
       Schulverteiler der Römerstraße „Aufklärungsvideos“ des Querdenker-Arztes
       Wolfgang Wodarg geschickt – und kassiert dafür eine Abmahnung. Wenige
       Wochen später taucht ein von K. verfasstes Flugblatt auf. Darin rückt er
       die am 24. März 2020 verhängten Coronamaßnahmen in die Nähe von Hitlers
       Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Maskentragen nennt er darin
       „Freiheitsberaubung“, Menschen würden „sklavisch geknechtet“. K. schließt
       mit einem Zitat der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“: „Nichts ist eines
       Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer
       verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique regieren
       zu lassen.“ Konsequenterweise weigert K. sich, eine Maske zu tragen – auch
       in der Schule.
       
       „Für mich absolut indiskutabel“, sagt Gerlinde Koch, damals im Elternrat,
       heute im Vorstand der Waldorfschule.
       
       Doch was tun?
       
       Das ockergelbe Schulgebäude der Römerstraße liegt am Fuß des Unteren
       Kuhbergs, am Rand eines alten Forts des Deutschen Bundes. Geleitet wird sie
       von Hartmut Semar. An den Tag, an dem K.s Flugblatt auftauchte, kann er
       sich noch gut erinnern. „Ich hab die Nachricht an der Kasse gelesen und bin
       fast umgefallen“, sagt er. Er sei sofort an die Schule gegangen und habe
       nachgeschaut, ob das Flugblatt auch dort verteilt wurde. K. hatte das
       Pamphlet zwar nur außerhalb verteilt, unter anderem aber an
       Geschwisterkinder der Schule. „Da fing die Ebene an, wo wir sehr stark im
       Gespräch waren“, sagt Semar. Er habe vorher geahnt, wie K. Corona sehe.
       „Aber wir hätten nie gedacht, dass es so auf die Spitze läuft.“
       
       Von K. selbst ist nicht zu erfahren, wie er heute über die Pandemie denkt.
       Seine Frau wehrt Fragen am Telefon ab. Man wolle nichts dazu sagen, sagt
       sie. Auch sie war, wie ihr Mann, an der Waldorfschule Römerstraße
       beschäftigt und zog ihren Ruhestand im vergangenen Sommer vor.
       
       K. legt Semar ein Attest vor, laut dem er keine Maske tragen könne. Die
       Schule verlangt in solchen Fällen das Tragen eines Gesichts-Visiers. K.
       lehnt auch das ab. „Es macht einen Unterschied, ob er sagt, ‚ich kann das
       aus medizinischen Gründen nicht tragen, trage aber ansonsten die Maßnahmen
       mit‘,“ sagt die Eltern-Vorständin Gerlinde Koch. „Das ist etwas anderes,
       als wenn er als Lehrer auf Demos solche Flugblätter verteilt.“
       
       Das Schulamt hatte zu jener Zeit längst beschlossen, dass jene, die ein
       Maskenattest vorlegen, stattdessen ein Gesichtsvisier tragen müssen. Doch
       K. kommt ohne Visier in die Schule. „Im Dezember haben wir gekündigt,“ sagt
       Semar. K.s öffentliche Auftritte seien dabei nicht entscheidend gewesen.
       „Wichtig ist, was im Inneren passiert. Letztendlich mussten wir den Schnitt
       machen, weil er die Hygienemaßnahmen nicht mitgemacht hat. Das geht nicht.“
       
       K. spricht indes von „Mobbing“ – und klagt gegen die Kündigung. Vertreten
       wird er von Markus Haintz, einem Ulmer Rechtsanwalt und führenden Kopf der
       baden-württembergischen Querdenker-Szene, der gern berichtet, dass er
       „politische“ Mandate von Corona-Gegnern gratis übernimmt.
       
       Im März 2021 steht ein Gütetermin am Arbeitsgericht an. K. lehnt eine
       Abfindung von 27.500 Euro plus unangetasteter Betriebsrente zunächst ab.
       „Wir hätten den Prozess durchziehen können, vielleicht hätten wir die
       Abfindung am Ende nicht zahlen müssen“, sagt der Schulleiter Semar. Aber
       das sei nicht im Sinne der Schule gewesen. „Wir sind ein Organismus von 600
       Elternhäusern, mit den Kindern sind es 2.000 Menschen. Man braucht Ruhe.
       Wir wollten so schnell wie möglich aus der Nummer raus.“ Ein sich womöglich
       über zwei Jahre hinziehender Prozess wäre das Gegenteil davon. Und: „Der
       Kollege war 30 Jahre hier, der hat echt gute Sachen gemacht. Wir sehen auch
       die Verdienste von ihm.“ Im April 2021 stimmt K. schließlich dem Vergleich
       zu.
       
       ## Jede:r Fünfte ging
       
       Ruhe eingekehrt war damit nicht. Denn es gab drei weitere Lehrer:innen,
       die versuchten, sich der Maskenpflicht zu entziehen, wenn auch nicht so
       konsequent wie K. Und einige kündigten. „Sie sind dann mal weg: Zehn Lehrer
       verlassen die Waldorfschule“, schrieb die Südwestpresse im Juli 2021.
       
       Freilich: Nicht alle gingen wegen der Corona-Maßnahmen. „Das war teils
       normale Fluktuation“, sagt der Schulleiter Semar. Eine Kollegin sei
       „dezidiert wegen des Umgangs mit Maßnahmen und mit Herrn K. gegangen, sie
       wollte das nicht mittragen.“ Andere hingegen hatten eine Stelle an einer
       staatlichen Schule angenommen, waren umgezogen oder früher in Rente
       gegangen. „Das gibt es jedes Jahr,“ sagt Semar. „Das hatte vielleicht damit
       zu tun, dass die unsere Coronalinie nicht gut fanden, es wurde aber nicht
       so formuliert.“ So oder so: Jede:r fünfte Lehrer:in verließ die Schule.
       „Wir legen keinen Wert darauf, das jedes Jahr machen zu müssen“, sagt
       Semar, der alle Mühe hatte, an Ausbildungsinstituten Ersatz zu beschaffen.
       
       Doch es sind nicht nur Lehrer wie K., sondern auch manche Eltern, deren
       Ansichten zur Coronapandemie die Schule vor Probleme stellten. Drei
       Elternpaare der Römerstraße weigern sich, ihre Kinder in den Unterricht zu
       schicken, wenn diese dort eine Maske tragen sollen. Sie wollen weder ein
       ärztliches Attest bringen noch dass ihre Kinder Gesichtsvisier tragen, sagt
       Semar damals der Lokalzeitung Südwestpresse. Er habe versucht, mit ihnen zu
       reden. „Aber nur ein Elternpaar war bereit dazu.“
       
       Im Oktober 2020 meldet sich das Ordnungsamt bei Semar: Eltern haben eine
       „Mahnwache gegen die Maskenpflicht“ angekündigt – vor der Schule. Die zieht
       daraufhin den Beginn der Herbstferien um einige Stunden vor – die Schüler
       sollen mit der Aktion möglichst nicht konfrontiert werden.
       
       Einer der Protestierenden ist Martin F.. Er betreibt eine Lackiererei im
       Ulmer Umland. Für die Aktion hat er sich ein weißes T-Shirt mit der
       Aufschrift „Maskenmahnwache“ angezogen. Er protestiere bereits „seit
       mehreren Wochen“, sagt der Vater von vier Söhnen damals einer Reporterin
       der Südwestpresse. Meist allein. Seine Kinder nähmen derzeit nicht am
       Unterricht teil, weil sie die Masken nicht tragen. Auch Plastikschilder als
       Alternative lehnt Färber ab: „Das ist diskriminierend für die Kinder, denn
       es zeichnet sie als Maskengegner aus.“ Er und die anderen Eltern hätten
       „Angst um die Gesundheit ihrer Kinder“, fürchten „neurologische und
       kardiologische Schäden bis zum Tod“ durch das Maskentragen.
       
       Heute will K. mit der Sache nicht mehr in Verbindung gebracht werden. „Das
       war eine spontane Aktion, wir wollten unsere Kinder schützen“, sagt seine
       Frau der taz am Telefon. Mit der Schule habe die Familie nichts mehr zu
       tun. „Auf keinen Fall wollen wir unseren Namen in der Zeitung lesen.“
       
       Groß war die Gruppe der protestierenden Eltern nicht. „Vier oder fünf
       Familien“, sagt Schulleiter Semar. Am Ende sei klar gewesen, dass „nicht
       alle Eltern unsern Weg mitgehen“, sagt Semar. Es habe drei oder vier
       Abmeldungen gegeben, die mit der Coronapolitik der Schule begründet worden
       seien. Er habe mit mehr gerechnet. Tatsächlich seien aber 30 neue
       Anmeldungen hinzugekommen. „Etliche haben gesagt, wir kommen zu Euch, weil
       ihr da so klar wart.“
       
       Angelika Ott ist seit Jahrzehnten Förderlehrerin an der Römerstraße. Dass
       sich die Coronadebatte derartig zuspitzen würde, hat sie so nicht kommen
       sehen. „Im ersten Jahr war das ja auch alles neu.“ Das manche ein Attest
       vorlegen würden, „ist ja auch klar.“ Letztlich habe aber die Mehrheit an
       der Schule die Maßnahmen mitgetragen.
       
       Entschieden hatte sich dies kurz vor den Sommerferien 2021, bei einer
       Mitgliederversammlung der Schule, am 13. Juli. Es war auch eine Abstimmung
       über den Kurs der Schulleitung pro Corona-Maßnahmen. Die Elternvertreterin
       Koch wurde als neuer Vorstand gewählt. „Es gab auch andere Kandidaten, aber
       man hat gemerkt, dass der Rückhalt für den Kurs die breite Mehrheit ist“,
       sagt die Lehrerin Ott. Bis dahin sei sie sich nicht so sicher gewesen.
       „Doch sonst wäre die Kollegin nicht wiedergewählt worden.“
       
       Die Waldorfschule am Illerblick liegt nur wenige Meter den Berg hinauf, auf
       einem ummauerten Gelände voller Backsteingebäude. Bis 1990 waren darin
       Kasernen der Bundeswehr. Damals war die Nachfrage nach Waldorfplätzen unter
       Ulmer Eltern groß, auf dem Gelände an der Römerstraße aber kein Platz mehr.
       Eine Gruppe von Lehrer:innen gründete die neue Schule in einem Teil der
       verlassenen Kasernen. An der Römerstraße sah man das kritisch. „Es war
       immer die Frage: Ist Ulm groß genug für zwei Waldorfschulen?“ sagt Dietmar
       Schlecht-Nimrich, der seit der Schulgründung 1989 am Illerblick als Lehrer
       arbeitet und heute im Vorstand der Schule ist. „Eine zeitlang ging es ganz
       gut, dann mal wieder schwierig.“
       
       ## Gut arrangiert
       
       Heute sei in Ulm sogar noch Platz für zwei weitere Freie Schulen, sagt
       Schlecht-Nimrich. Auch in Zukunft wird es wohl genug Schüler:innen für
       beide geben: Das Bahnprojekt Stuttgart 21 verkürzt die Fahrzeit in die
       Landeshauptstadt auf 20 Minuten, schon jetzt sind Grundstückspreise und
       Mieten in Ulm deutlich gestiegen. Die Stadt erwartet die Ansiedlung vieler
       neuer Familien. „Man spürt, dass da was kommt“, sagt Roland Zeller, der
       Illerblick-Schulleiter, ein Verwaltungswirt. „Das wird auch ein Wandel. Die
       neuen Eltern, die wollen ja auch was.“ Mehr Digitalisierung zum Beispiel.
       Die Frage sei allerdings, inwieweit eine Waldorfschule „das einbringen
       will, muss und kann.“
       
       Die beiden Schulen haben eine etwas unterschiedliche Zielgruppe: Am
       Illerblick ist man konservativer, was die Steinersche Lehre angeht. So oder
       so: „Mittlerweile sind wir ganz gut arrangiert“, sagt Schlecht-Nimrich über
       das Verhältnis der Nachbarn. „Es gibt punktuell ganz gute Zusammenarbeit.
       Wir benutzen deren Schmiede und die kommen zu uns zum Kupfertreiben.“
       
       Sein Chef Zeller kam erst während der Pandemie an die Schule, ist aber
       schon seit seiner Kindheit begeisterter Antroposoph. „Mein Vetter hat vor
       über 40 Jahren den elterlichen Bauernhof in einen Demeter-Hof umgewandelt“,
       sagt er. „Die Leute im Ort haben gesagt, 'der bringt den Hof ‚runter‘, aber
       es ist einer der besten Höfe im Hohenlohischen geworden.“ Schon als
       Jugendlicher sei er, Zeller, „fasziniert von der Waldorfbewegung“ gewesen.
       „Was ist da mit dem Steiner, das wollte ich wissen, ich habe Bücher
       gekauft.“
       
       Für Zeller ist es vor allem die Gemeinschaft, die die Waldorfschulen
       ausmacht. Früher hätten sich die Gründer dieser Schule „jedes Wochenende
       getroffen“, sagt er. Dieses „Ringen um den Einzelnen“, das sei noch
       spürbar, es ziehe sich durch „bis zu den Schülern“. Und daran will er
       festhalten.
       
       Am 16. September 2021 verschärfte die Landesregierung von Baden-Württemberg
       die Coronaverordnung. Seitdem galt „2G“ – ein Test reichte nicht mehr,
       Veranstaltungen wie etwa Theateraufführungen durfte nur noch besuchen, wer
       geimpft oder genesen war. Am Illerblick entschied man sich dafür, sie
       lieber ausfallen als ohne die Ungeimpften stattfinden zu lassen. Man muss
       dazu wissen, dass die Theateraufführungen zu den wichtigsten Dingen an den
       Waldorfschulen überhaupt gehören. „Das ist ein ganz schöner Verlust. Da
       haben einige ganz schön geschluckt“, sagt der Lehrer Schlecht-Nimrich.
       
       Solange Ungeimpfte nicht zuschauen dürfen, sollte es am Illerblick kein
       Theater mehr geben. „Die Gemeinschaft versucht immer, alle mitzunehmen“, so
       sieht Zeller das. „Das erfordert eine gewisse Anstrengung, das kostet
       Energie.“
       
       Dabei seien es nur „einige wenige“, die etwa mit dem Impfen Schwierigkeiten
       hätten, sagt Zeller, wie in anderen Schulen und Behörden auch.
       [2][„Impfskeptiker“ seien dies, keine Verweigerer.] Es gebe „einen
       Prozentsatz, der andere Gesundheitsgrundsätze zur Immunisierung und eine
       andere Beziehung zum eigenen Körper definiert,“ das sei rechtens, das wolle
       er betonen. Freiheitsrechte dürften schließlich nicht einfach so
       eingeschränkt werden. Alles andere führe nicht dazu, dass die Gesellschaft
       „gesundet“, sondern dazu, dass sie radikaler wird.
       
       Etwa die Randale in der Stuttgarter Innenstadt im Juli 2020, als Hunderte
       Jugendliche unter Missachtung der Corona-Auflagen feiern und die Polizei
       einschreitet. Solche „Anzeichen von Radikalität“ sehe er mit Sorge, sagt
       Zeller. An seiner Schule wolle er so etwas vermeiden. „Der Friedenswille
       ist einfach da. Jede Aggression würde einfach nur stören.“ Entsprechend
       unruhig sei man angesichts einer möglichen Impfpflicht gewesen. Ungeimpfte
       hätten sich gefragt, ob sie dann noch an der Schule arbeiten dürften. „Ich
       bin gottfroh, dass dieser Kelch der Impfpflicht an uns vorüber gegangen
       ist,“ sagt Zeller.
       
       Man habe den Willen des Einzelnen zu respektieren, Impfskepsis inklusive,
       solange es rechtlich erlaubt ist, so sieht er das. Gewiss, auch am
       Illerblick hätten viele Mitarbeiter*innen hoch betagte Eltern, auch in
       Pflegeheimen, und entsprechend Angst, dass diese an Corona sterben, ohne
       begleitet werden zu dürfen. Es gebe Kinder „die mit dem Asthmaspray in der
       Tasche zur Schule kommen“, wie Zeller sagt. Oder Familien mit älteren
       Angehörigen in häuslicher Gemeinschaft – schließlich werde
       „Familientradition in Waldorfgemeinschaften gut gepflegt“.
       
       All diese hätten natürlich Sorgen, dass die Ansteckung über „Außenkontakte
       in den Haushalt kommen kann“, sagt Zeller. Deshalb gehe die Schule, was das
       Testen angehe, heute über die staatlichen Vorgaben hinaus. Und gleichzeitig
       besteht er darauf, dass Mitarbeiter*innen und Eltern, die „zum Thema
       Impfen eine kritische Meinung haben“, respektiert werden müssen. „Eine
       Gesellschaft muss das tolerieren und Massnahmen ergreifen, damit es bei den
       Betroffenen keine Gefährdung für sich selbst und keine für andere gibt.“
       
       Und für Zellers Schule hieß das eben: Keine Theateraufführungen mehr, „weil
       wir nicht wollten, dass eine Minderheit ausgegrenzt ist“.
       
       Nun ist es so, dass einer der Hauptverantwortlichen für die
       Theateraufführungen der Lehrer Wilfried K. ist, den die Nachbarschule an
       der Römerstraße entlassen hatte. Am Illerblick durfte er bleiben. „Er ist
       eine wichtige Persönlichkeit in der Schule und ordnet sich bei uns dem
       unter, was wir an Spielregeln haben,“ sagt Zeller. Soll heißen: Hier trägt
       er Maske oder Visier. Zeller lobt ihn: „Er lebt für die Bühne, er brennt
       für die Kultur und macht mit den Schüler*innen eine tolle Arbeit“, sagt
       Zeller. Das sei bei seiner Darstellung in der Öffentlichkeit zu kurz
       gekommen.
       
       Zeller verweist auf Länder wie China, in denen „keine Meinungsfreiheit“
       herrsche. An seiner Schule sei das anders. Und deshalb darf K. auch nach
       seiner Flugblattaktion weiter in der Abiturklasse Theater unterrichten. Die
       habe er so weit gebracht, dass es die Aufführung hätte geben können. „Die
       Pandemiebestimmungen haben das verhindert.“
       
       So fällt der Konsens in Sachen Corona am Illerblick sehr anders aus als
       nebenan in der Römerstraße. „Wir haben hier auch eine Bandbreite von denen,
       die sich Sorgen machen und denen, die das nicht so tun“, sagt der Lehrer
       Schlecht-Nimrich. Doch er findet gut, dass an seiner Schule auch jene
       integriert werden, die denken wie K. „Bei der Römerstraße hat man in der
       Zeitung gesehen, was dort passiert ist. Da war das Tischtuch dann
       zerschnitten.“
       
       K.s Klasse, die ihre Abitur-Theateraufführung nicht machen konnte, schrieb
       im Mai 2021 ihre Klausuren. Eigentlich hätten alle vorher einen Coronatest
       machen sollen. Wer dabei positiv war, hätte in Isolation gemusst und
       entsprechend nicht mitschreiben können. „Es gab die Sorge, dass dann einige
       mit dem Nachholtermin schwierigere Aufgaben bekommen“, sagt
       Schlecht-Nimrich. „Also hat die Klasse beschlossen, dass sich niemand
       testet.“
       
       Alle wollten gemeinsam zur Prüfung gehen, auch wenn sie sich gegenseitig
       dabei anstecken. Zeller wertet das als Beleg für den Erfolg der
       Erziehungsarbeit. „Es ist interessant, was in den Köpfen von Abiturienten
       passiert, die in der Pandemie Gewissensentscheidungen treffen müssen. Der
       Zusammenhalt in der Klasse, den sie hier 13 Jahre mitbekommen haben, zeigt
       sich dann in der gezeigten, gelebten Solidarität,“ sagt Zeller. „Umgedrehte
       Demokratie“ – die Mehrheit habe sich „der Minderheit gebeugt, um sie
       mitzunehmen.“
       
       8 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Waldorfschulen-und-Corona/!5731231
   DIR [2] /Streit-ums-Impfen/!5739226
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Christian Jakob
       
       ## TAGS
       
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Waldorfschule
   DIR Schwerpunkt Coronavirus
   DIR Maskenpflicht
   DIR Coronaleugner
   DIR GNS
   DIR Impfung
   DIR Kolumne Exit Waldorf
   DIR Waldorfschule
   DIR Kolumne Exit Waldorf
   DIR Waldorfschule
   DIR Verschwörungsmythen und Corona
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Romantik
   DIR Verschwörungsmythen und Corona
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Gefühl der Ungerechtigkeit: Waldorfs Demokratieverständnis
       
       Eine Pianistin spielte im Unterricht, es gab Bioessen. Doch unsere Autorin
       fühlte sich als Waldorfschülerin benachteiligt. Heute weiß sie es besser.
       
   DIR Verdacht auf Queerfeindlichkeit: Tod dem rosa Drachen
       
       Die Waldorfschule Itzehoe erlebt einen Shitstorm. Bei einem Fest wurde ein
       großer Pappmaché-Drache verbrannt, der queere Symbole trug.
       
   DIR Waldorfschulen und das Böse: Drachen töten – gegen Neugier
       
       Als Kind feierte unsere Kolumnistin begeistert Michaeli. Heute sieht sie
       darin: Gut-böse-Dualismus und keine Einordnung des Schutzpatrons der
       Deutschen.
       
   DIR Waldorfschule als Gemeinschaft: Zum Leben erweckt, doch uniform
       
       Jahrelang fühlte unsere Kolumnistin sich in der Waldorfschule als Teil
       einer Gemeinschaft. Dann merkte sie, wie beengt und gleichförmig die war.
       
   DIR Lamberty und Nocun über Esoterik: „Antisemitismus wird ignoriert“
       
       Esoterik verspricht oft einfache Lösungen. Pia Lamberty und Katharina Nocun
       sehen in ihr eine Gefahr nicht nur bei Krankheiten, sondern auch für unsere
       Demokratie.
       
   DIR Anthroposophisches Krankenhaus Havelhöhe: Alternativer Umgang mit Corona
       
       Ein schwurbelnder Chef und Tricksereien bei der Impfpflicht: eine
       taz-Recherche in der Klinik Havelhöhe in Berlin.
       
   DIR Ursprünge der Impfskepsis: Eine deutsche Besonderheit
       
       In deutschsprachigen Ländern herrscht Misstrauen gegenüber der Impfung. Das
       ist auf die Romantik zurückzuführen – aber auch auf Politikversagen.
       
   DIR Verschwörungsmythen an der Schule: Die Entschwörung
       
       Lehrkräfte, Eltern, Schüler*innen – alle sind konfrontiert mit
       Verschwörungsmythen. Längst sind sie im Klassenraum angekommen. Was tun?