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       # taz.de -- Neues Archiv für Antirassismus: „Wir müssen von uns erzählen“
       
       > An antirassistischen Bewegungen waren hierzulande auch nicht-weiße
       > Gruppen beteiligt. Das ist kaum bekannt. Ein neues Archivprojekt möchte
       > das ändern.
       
   IMG Bild: Gut vernetzt: Afrikanische Studentenunion, hier bei einer Tagung in München 1963
       
       taz: Herr Bababoutilabo, Sie sind einer der Initiatoren eines
       Archivprojekts, das die Geschichte Deutschlands aus der Perspektive [1][der
       Kämpfe gegen Rassismus] erzählen will. Wie kamen Sie dazu? 
       
       Vincent Bababoutilabo: Ich bin seit Langem bei der Initiative Schwarze
       Menschen in Deutschland aktiv. Als 2020 die Black-Lives-Matter-Bewegung in
       Deutschland losging, sind bei mir zwei Gefühle aufgekommen: große Freude
       und große Skepsis.
       
       Worauf bezog sich die Skepsis? 
       
       Auf das fehlende Wissen um die [2][Bewegungsgeschichte] bei jungen
       Aktivist:innen, über Spezifika des Rassismus in Deutschland. Das ist
       sehr weit verbreitet, ich nehme mich selbst nicht aus. Ich bin 34 und es
       gibt viele Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Etwa
       Kino-Stürmungen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes gemeinsam mit
       der Afrikanischen Studentenunion in den 1960er Jahren, um die Aufführung
       [3][kolonialrassistischer] Filme zu verhindern. Solche Geschichten zu
       hören, bestärkt. Man sieht, dass man nicht alleine dasteht, sondern auf
       Dingen aufbaut, die es schon sehr lange gibt.
       
       [4][Das Archiv] soll dieses Bewegungswissen leichter verfügbar machen. Was
       ist genau geplant? 
       
       Es gibt einen noch laufenden Dialogprozess zur Aufarbeitung der
       antirassistischen Bewegungsgeschichte in der BRD und in der DDR. Damit sind
       vier Community-Koordinator:innen beschäftigt. Ich bin einer davon und unter
       anderem für Migration und Antirassismus in der DDR zuständig. Wir treten in
       Kontakt mit Aktivist:innen, Betroffenen von rassistischen Angriffen oder
       Institutionen, um nach deren Geschichten und politischen Praxen zu fragen.
       
       Wer war das zum Beispiel? 
       
       Bestehende Archive, Initiativen aus der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und
       Roma, aus der Frauenbewegung, aber auch das Berliner Antifa-Archiv
       [5][Apabiz]. Ein wichtiger Bereich sind Privatarchive, etwa von
       Aktivist:innen wie Garip Bali aus der Türkei. Er ist seit den 1970er
       Jahren berlinweit politisch aktiv. Zu unserem Treffen kam er mit einer Tüte
       voller alter Flyer und Plakate aus den 1970er bis 2010er Jahren.
       
       Was haben Sie bei diesen Gesprächen erfahren? 
       
       Dass es eine unglaubliche, komplexe Bewegungsgeschichte gibt. Und dass es
       unter deren Akteuren ein großes Bedürfnis gibt, die eigene Geschichte zu
       erzählen. Material der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland findet
       sich teils bereits in Museen. Die Gruppe Tribunal NSU-Komplex auflösen hat
       enorm wichtiges Filmmaterial gesammelt.
       
       [6][Women in Exile], in der sich geflüchtete Frauen in Brandenburg
       zusammengeschlossen haben, haben viel Wissen über Kämpfe in den Lagern
       gesammelt. Wie wird solches Wissen weitergetragen? Klar ist, dass wir
       selbst von uns erzählen müssen. Wir wollen nicht zentralisieren, sondern
       das, was es schon gibt, aufarbeiten und vernetzen. Wir wollen die
       vergangenen 70 Jahre darstellen und suchen dafür nach neuen Wegen der
       Darstellung.
       
       Was kann eine solche Meta-Perspektive sichtbar machen, was die schon
       existierenden Sammlungen nicht zeigen? 
       
       Sie kann zum Beispiel auch zeigen, wo und warum etwas auseinandergegangen
       ist. Es ist ja nicht so, als gäbe es eine große Antira-Bewegung, die sich
       immer einig war. Ich bin auf viele solidarische Momente gestoßen, aber auch
       auf persönliche Verletzungen. Es gehört zum Rassismus, dass alle
       unterschiedlich diskriminiert werden. Das macht es auch sehr schwierig,
       diese Verhältnisse zu überwinden. Dem wollen wir nicht aus dem Weg gehen.
       Wir wollen uns auch auf Brüche fokussieren, die zur Geschichte dazugehören.
       
       Was für Brüche waren das? 
       
       Zum Teil sehr persönliche. Es gibt die Geschichte einer antirassistischen
       Zeitschrift, die von einem Verein herausgegeben wurde. Irgendwann
       realisiert der, dass zwei Drittel seines gesamten Geldes in die Produktion
       der Zeitschrift fließen – und stellt sie ein. Die Zeitschrift hat aber eine
       gewisse Bekanntheit erreicht. Deshalb entschieden Aktivist:innen, sie
       privat weiterzutragen.
       
       25 Jahre später wollen nun jüngere Aktivist:innen die Zeitschrift
       wiederbeleben. Der Streit darum ist regelrecht explodiert. Es war so, dass
       die Alten die Druckpressen quasi bei sich im Wohnzimmer stehen hatten. Sie
       haben sich früher teils selbst für die Produktion der Zeitschrift
       ausgebeutet. Und wollten nicht, dass einfach heute jemand Kapital aus ihrer
       privaten Arbeit der 1990er schlägt.
       
       Gab es auch politische Bruchlinien, auf die Sie gestoßen sind? 
       
       Natürlich. Das Aufkommen der Antideutschen etwa wird da immer wieder
       benannt. Oder der linke Klassiker – Israel und Palästina.
       
       Was ist mit den Konflikten zwischen weißen und migrantischen
       antirassistischen Gruppen? 
       
       Dass Gruppen als „weiß“ oder als „PoC“ gelabelt wurden – das ist nach
       meiner Erkenntnis oft erst im Nachhinein passiert. Ich habe mich mit der
       Antifa Gençlik in Berlin ab den späten 1980er Jahren befasst, die bis heute
       als „migrantisch“ gilt. Deren Aktivist:innen sagten mir: „Wir haben
       alle in der gleichen Bar gechillt wie die weißen Antifas, haben uns in
       Hausprojekten von weißen deutschen Autonomen getroffen.“ Und bei denen
       waren sehr wohl auch Schwarze dabei. Das gilt ebenso für viele andere
       Gruppen.
       
       Das Narrativ von der weißen Linken hat so noch nie gestimmt. Wenn man genau
       hinsieht, sind die nie ganz weiß, auch nicht ideologisch, viel kam aus
       einem linken Internationalismus heraus. Devrimci Yol etwa, eine
       linksradikale Bewegung aus der Türkei, hatte starken Einfluss auf Autonome
       in Westberlin. Diese Gruppen als „weiß“ zu labeln, ist schwierig.
       
       Das klingt nun doch eher nach Eintracht als nach Brüchen. 
       
       Die gab es natürlich auch. Antirassistische Initiativen sind auch in
       Kritik, etwa an der weißen deutschen Frauenbewegung, entstanden, die sich
       teils nicht gut mit Kritik auseinandergesetzt hat. Ein Beispiel dafür ist
       die Gruppe Adefra, in der sich ab Mitte der 1980er afrodeutsche Frauen
       zusammengeschlossen haben.
       
       Was können Sie über Antirassismus in der DDR berichten? 
       
       Die SED hatte schon früh behauptet, dass Rassismus ein Phänomen
       kapitalistischer Staaten ist und mit dem Sozialismus entsprechend aufgehört
       habe zu existieren. Dann gab es ab den 1970er Jahren Fachkräftemangel. Mit
       einer Rhetorik internationaler Solidarität wurden
       Vertragsarbeiter:innen abgeworben. Sie waren einem ganz klaren
       Kontrollregime unterworfen. Vietnamesische Frauen etwa wurden nach Ankunft
       gynäkologisch untersucht, danach bekamen sie die Pille. Sie sollten nicht
       schwanger werden. Passierte es doch, drohte ihnen die Abschiebung. Gewollt
       war nur ihre Arbeitskraft.
       
       Gab es Widerstand gegen dieses Kontrollregime? 
       
       Ja. Mit der Ankunft migrantischer Arbeitskräfte gab es auch mehr Streiks.
       Die waren nicht verboten, aber auch nicht gern gesehen. Sie wurden sehr
       häufig durch Abschiebungen beendet. Unter diesen Bedingungen fand in der
       DDR eine Art Internationalismus von oben statt.
       
       Worin bestand dieser „Internationalismus von oben“? 
       
       Außenpolitisch hat die DDR viel Gutes gemacht. Vertreter:innen von
       Befreiungsbewegungen aus dem Globalen Süden waren oft zu Gast. Die DDR war
       solidarisch mit dem ANC (African National Congress; Anm. d. Redaktion),
       anders als die BRD. Das gehört zur Geschichte dazu. In diesen Kontext
       gehört die unter anderem von Margot Honecker errichtete „Schule der
       Freundschaft“ (in Staßfurt, Sachsen-Anhalt, Anm. d. Redaktion). Ab 1982
       lebten dort insgesamt 1.200 Schüler:innen aus Mosambik und Namibia, die
       als Facharbeiter:innen ausgebildet werden sollten. Die haben
       Jungpioniere getroffen, gemeinsam die Internationale gesungen.
       
       Doch vieles, was von Mensch zu Mensch, informell, lief, wurde sanktioniert.
       Trotzdem entstanden Freundschaften und Liebesbeziehungen, aber die wurden
       häufig bestraft. Die Schüler:innen sollten hinter den Gittern ihrer
       Schule bleiben. Die Schule war internationalistisch gedacht, aber sie war
       ein Kristallisationspunkt des Rassismus in der DDR.
       
       Es gibt heute die „Initiative 12. August“. Die kämpft für das Gedenken an
       Opfer rassistischer Morde in der DDR. Benannt ist sie nach dem Tag, an dem
       die beiden kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret
       1979 in Merseburg gelyncht wurden. Und ein anderer Fall ist der von Carlos
       Conceição. Der kam als Jugendlicher aus Mosambik an die Schule der
       Freundschaft und wurde am 19. September 1987 in Staßfurt umgebracht.
       
       10 Apr 2022
       
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