URI:
       # taz.de -- Schachszenen aus Berlin: Doppelbelastung am Brett
       
       > Der US-amerikanische Großmeister Hikaru Nakamura gewinnt
       > Schach-Grandprix-Serie. Zudem kommentiert er Duelle seiner Konkurrenten.
       
   IMG Bild: Schachgroßmeister Hiakro Nakamura, hier in einer Aufnahme vom Dezember 2021 in Warschau
       
       Nach zwei Wochen ging am Montag der dritte Teil des Fide-Chess-Grandprix in
       Berlin zu Ende. Der Grandprix ist ein dreiteiliges Turnier, an dem
       insgesamt 24 Schachgroßmeister um Preisgelder (zwischen 24.000 Euro und
       5.000 Euro) und vor allem um die zwei noch zu vergebenden Plätze für das
       Kandidatenturnier im Sommer konkurrieren, bei dem acht Schachgroßmeister
       den Herausforderer für die WM unter sich ausmachen.
       
       Den ersten Berliner Teil des Turniers hatte überraschend der
       [1][amerikanische Großmeister Hikaru Nakamura] gewonnen, der oft damit
       kokettiert, dass er ja in erster Linie [2][Twitch-Streamer] (mit 1,2
       Millionen Followern) sei. Fünf russische Schachathleten mussten unter der
       Fide-Fahne spielen. 44 der besten Schachspieler des Landes hatten schon
       früh in einem offenen Brief an Putin appelliert, den Krieg sofort zu
       beenden.
       
       Schachstreamer wie vor allem Nakamura hatten mir durch die Pandemie
       geholfen, so schaute ich mir das Turnier leicht parteiisch jeden Tag ab 15
       Uhr in den Streams von Nakamura und der Veranstaltungsfirma Worldchess an,
       wo ModeratorInnenpärchen aus unterschiedlichen Weltgegenden die einzelnen
       Partien kommentierten und die Spieler interviewten.
       
       Wesley So, der aus den Philippinen stammende amtierende US-Champion,
       spielte in der Vorrunde mit blauem Jackett und gelbem T-Shirt. Nakamura
       hatte zweimal gewonnen, als er gewinnen musste. Anders als noch vor einem
       Jahr, war er in Bedrängnis nicht mehr in Panik geraten, hatte Partien, die
       in der Eröffnungsphase schon verloren schienen, noch gerettet. Sein größter
       Rivale um die zwei freien Plätze beim Kandidatenturnier, der seit einem
       halben Jahr für den US-Schachverband spielende Levon Aronian, hatte sich
       vielleicht schon zu sicher gefühlt.
       
       ## Sechs Wochen im Hotel
       
       Nakamura war schlecht gestartet, fing sich wieder, während Aronian die
       Nerven verlor. Mit dem Gruppensieg hat Nakamura genug Punkte für die
       Qualifikation zum Kandidatenturnier gesammelt; das große Ziel ist also
       erreicht.
       
       Am Tag nach seinem Triumph streamt er aus seinem Berliner Hotelzimmer und
       kommentiert den Tiebreak [3][zwischen Vincent Keymer] – der einzige
       deutsche Teilnehmer war mit 17 der jüngste im Teilnehmerfeld – und
       Shakhriyar Marmedyarovd, dem Weltranglisten-Siebten. Keymer hat bis dahin
       ein gutes Turnier gespielt, verliert aber schließlich gegen den Großmeister
       aus Aserbaidschan.
       
       Nakamura erklärt die Züge, beantwortet Fragen aus dem Chat und begrüßt neue
       Subscriber mit Namen. Der Vorhang ist zugezogen. Er sagt, Berlin sei schon
       jetzt seine Lieblingsstadt und Deutschland one of my favorite places und
       dass er am Morgen drei Filme in seinem Hotelzimmer geguckt habe. Im
       Hintergrund singt David Bowie „All the Young Dudes“. Zusammengerechnet war
       er sechs Wochen in der Stadt, ohne etwas gesehen zu haben. Vermutlich geht
       es den meisten Spitzensportlern so. Um fokussiert zu sein, muss man sich in
       den Tunnel begeben; zu viel Information von draußen behindert die
       Konzentration.
       
       Das Finale dauert drei Tage und ist ein bisschen enttäuschend. Wesley So
       gewinnt schließlich verdient in der ersten Verlängerung. Die beiden
       Schachgroßmeister entschuldigen sich mit Erschöpfung bei den Zuschauenden.
       Wesley hatte keinen, Nakamura, der Gesamtsieger des Grandprix, nur einen
       Ruhetag in den letzten zwei Wochen.
       
       5 Apr 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Dortmunder-Schachtage/!5115174
   DIR [2] https://www.twitch.tv/gmhikaru?lang=de
   DIR [3] /Junges-Talent-gewinnt-bei-Schachturnier/!5493293
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Detlef Kuhlbrodt
       
       ## TAGS
       
   DIR Schach
   DIR Berlin
   DIR USA
   DIR Mutter
   DIR Kolumne Alles, nur kein Fußball
   DIR Schach-WM
   DIR Werder Bremen
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schach
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Altes und Neues von den Berliner Szenen: Ein Wiederlesen zum Abschied
       
       Ein Urgestein unserer Seiten, die Berliner Szene, erhält einen neuen Namen.
       Einige der Szenen Detlef Kuhlbrodts folgen hier erstmals „richtig“ online.
       
   DIR Alternative zum WM-Gucken: Schach und ich
       
       Für diejenigen, die die WM boykottieren, probiert die taz-Alternativen aus.
       Heute versucht sich unsere Autorin im königlichen Spiel.
       
   DIR Kandidaten für die Schach-WM: Eine Wunschweltmeisterschaft
       
       Schach-Weltmeister Magnus Carlsen möchte seinen Titel nur gegen Alireza
       Firouzja verteidigen. Er entwertet damit das Kandidatenturnier in Madrid.
       
   DIR Gennadij Fish über Schach und Ukraine: „Es gibt so viele Verbindungen“
       
       Gennadij Fish, Schachgroßmeister, macht sich Sorgen um drei
       Mannschaftskollegen aus der Ukraine, die in Werder Bremens Schachteam
       spielen.
       
   DIR Russische Schachspieler gegen Krieg: Schwärzester Donnerstag
       
       Einige russische Schachgroßmeister wenden sich gegen den Krieg in der
       Ukraine. Die Olympiade in Moskau sagt der Weltverband ab.
       
   DIR Nationalismus im Schachsport: Gelassener Verräter
       
       Der Russe Daniil Dubow hat den Norweger Magnus Carlsen auf die Schach-WM
       vorbereitet. Nach dessen Sieg steht er in seiner Heimat in der Kritik.