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       # taz.de -- Belagerte Stadt in der Ukraine: Der letzte Bericht aus Mariupol
       
       > Zwei Journalisten der Agentur AP haben aus Mariupol berichtet. Über
       > Menschen in Kliniken und in Kellern. Dann wurden sie in Sicherheit
       > gebracht.
       
   IMG Bild: Eine Frau mit einem Kind in einem improvisierten Luftschutzkeller in Mariupol, 7. 3. 22
       
       Die Russen sind uns auf den Fersen. Sie haben eine Liste mit Namen – auch
       unseren – und sie kommen näher. Wir haben [1][die Belagerung von Mariupol]
       durch russische Truppen mehr als zwei Wochen lang dokumentiert. Wir sind
       die einzigen internationalen Journalisten, die noch in der Stadt arbeiten.
       Wir haben aus dem Krankenhaus berichtet, als schon Bewaffnete in den
       Korridoren suchten. Chirurgen gaben uns weiße OP-Kittel, mit denen wir uns
       getarnt haben.
       
       Jetzt in der Abenddämmerung kommt plötzlich ein Dutzend Soldaten
       hereingestürmt. „Wo sind die Journalisten, verdammt noch eins?“ Ich sehe,
       dass sie blaue Armbänder wie ukrainische Truppen tragen und kalkuliere die
       Möglichkeit, dass es Russen sein könnten, die uns täuschen wollen. Dann
       trete ich vor und sage, wer ich bin. „Wir sind hier, um Euch
       rauszubringen“, sagen sie.
       
       Die Wände der chirurgischen Abteilung erzittern unter dem Feuer von
       Artillerie und Maschinengewehren. Drinnen scheint es uns sicherer zu sein.
       Doch die Soldaten erklären, sie hätten den Befehl, uns mitzunehmen.
       
       Wir rennen auf die Straße, verlassen die Ärzte, die uns Unterschlupf
       gewährt haben, die Schwangeren, die Beschuss überlebt haben, die Menschen,
       die in Fluren schlafen, weil sie nicht wissen, wohin sonst. Ich fühle mich
       schrecklich, sie alle zurückzulassen.
       
       Wir laufen durch Straßen und ausgebombte Wohnhäuser – neun, vielleicht zehn
       Minuten lang, aber gefühlt eine Ewigkeit. Granaten schlagen in der Nähe
       ein, wir werfen uns zu Boden und halten den Atem an. Die Zeit zwischen den
       Einschlägen ist knapp. Druckwelle auf Druckwelle rüttelt mich durch. Meine
       Hände werden kalt.
       
       Wir erreichen einen Eingang. Gepanzerte Fahrzeuge bringen uns zu einem
       dunklen Keller. Erst dort erfahren wir von einem Polizisten, den ich kenne,
       weshalb die Ukrainer das Leben ihrer Soldaten riskiert haben, um uns aus
       dem Krankenhaus zu holen. „Wenn sie euch schnappen, werden sie euch vor
       eine Kamera setzen und sie werden euch dazu bringen, zu sagen, dass alles,
       was ihr gefilmt habt, eine Lüge ist“, sagt der Polizist. „Dann wären alle
       eure Anstrengungen und alles umsonst, was ihr in Mariupol getan habt.“
       
       Der Polizist hat uns mal angefleht, der Welt zu zeigen, wie die Stadt
       zugrunde gerichtet wird. Jetzt rät er uns, zu gehen. Er weist uns zu den
       Tausenden Fahrzeugen, die sich darauf vorbereiten, Mariupol zu verlassen.
       Es ist der 15. März, und wir haben keine Ahnung, ob wir hier lebend
       rauskommen.
       
       ## Die Ukraine, argumentierte ich, sei doch von Freunden umzingelt
       
       Als Teenager bin ich in Charkiw aufgewachsen, gut 30 Kilometer von der
       russischen Grenze entfernt. Auf dem Lehrplan stand der Umgang mit
       Schusswaffen. Ich hielt das für Blödsinn. Die Ukraine, argumentierte ich,
       sei doch von Freunden umzingelt. Ich habe über die Kriege im Irak,
       Afghanistan und Bergkarabach berichtet. Als die Amerikaner und Europäer im
       vergangenen Winter ihre Botschaften in Kiew räumten, saß ich vor
       Landkarten, auf denen der russische Truppenaufmarsch verzeichnet war und
       dachte: „Mein armes Land.“
       
       Ich wusste, dass die russischen Truppen Mariupol als Angriffsziel auswählen
       würden, weil die Stadt am Asowschen Meer strategisch wichtig ist. Am Abend
       des 23. Februar bin ich mit meinem langjährigen Kollegen Evgeniy Maloletka
       dorthin gefahren. Angekommen sind wir eine Stunde vor Kriegsbeginn.
       
       Etwa ein Viertel der rund 430.000 Einwohnerinnen und Einwohner hat in den
       ersten Kriegstagen die Stadt noch verlassen. Aber nur wenigen war klar,
       dass der Krieg wirklich kommt. Als die anderen ihren Fehler begriffen, war
       es zu spät.
       
       Mit einer Bombe nach der anderen kappten die Russen den Strom, das Wasser,
       die Nahrungsmittellieferungen und schließlich, was besonders wichtig war,
       die Mobilfunk-, Radio- und Fernsehtürme in Mariupol. Die wenigen
       Journalisten, die sich noch in der Stadt befanden, konnten die Stadt
       verlassen, bevor die letzten Verbindungen gekappt waren und eine
       vollständige Blockade einsetzte.
       
       ## Chaos und Panik und Straffreiheit
       
       Während einer Blockade dient das Abschneiden von Informationen zwei Zielen:
       Erstens dem Chaos – Leute, die nicht wissen, was passiert, verfallen in
       Panik. Ich habe erst nicht verstanden, wieso Mariupol so schnell
       auseinanderfiel. Heute weiß ich, es lag an der fehlenden Kommunikation der
       Leute untereinander.
       
       Das zweite Ziel ist Straffreiheit für die Angreifer. Wenn keine
       Informationen aus der Stadt herauskommen, keine Bilder von zerstörten
       Häusern und sterbenden Kindern, dann können die russischen Invasoren tun,
       was sie wollen.
       
       Ohne uns Berichterstatter gäbe es keine Informationen. Das ist der Grund,
       warum wir solche Risiken eingegangen sind, um der Welt zu zeigen, was wir
       mit angesehen haben. Und das ist der Grund, weshalb Russland uns wütend
       verfolgt. Nie zuvor hatte ich das Gefühl, dass es so wichtig ist, das
       Schweigen zu brechen.
       
       ## Die Krankenwagen holten die Verletzten nicht mehr
       
       Bald gab es die ersten Toten in Mariupol. Am 27. Februar waren wir dabei,
       wie ein Arzt versuchte, ein kleines Mädchen zu retten, das von einem
       Splitter getroffen worden war. Es starb. Dann starb ein zweites Kind,
       danach ein drittes. Die Krankenwagen holten die Verletzten nicht mehr ab,
       weil Menschen ohne Telefonsignal keinen Notruf senden konnten. Außerdem
       kamen die Fahrer auf den zerbombten Straßen nicht mehr durch.
       
       Die Ärzte baten uns, Familien zu fotografieren, die ihre Verletzten und
       Toten selbst ins Spital fuhren. Sie ließen uns unsere Kameras an ihren
       schwächelnden Notstromgeneratoren aufladen. Sonst erfahre ja niemand,
       [2][was in Mariupol passiere], sagten sie.
       
       Granaten trafen das Krankenhaus und Nachbargebäude. Das Fenster unseres
       Transporters zersplitterte. In einer Seite klaffte ein Loch. Ein Reifen
       ging platt. Manchmal rannten wir los, um ein brennendes Haus zu filmen und
       rannten zwischen Explosionen zurück.
       
       Einen Platz gab es noch in der Stadt, von dem wir senden konnten – vor
       einem geplünderten Geschäft in der Budiwel'nykiw-Allee. Einmal pro Tag sind
       wir dorthin gefahren, haben uns unter die Treppe gekauert und Bilder und
       Videos für die Außenwelt hochgeladen. Besonders geschützt hätten uns die
       Treppen vermutlich nicht, aber es fühlte sich sicherer an.
       
       Am 3. März verschwand das Signal. Wir versuchten es von einem Fenster im
       siebten Stockwerk des Krankenhauses. Von dort sahen wir die letzten Reste
       der einstigen Bürgerstadt Mariupol.
       
       Tagelang war das Satellitentelefon unsere einzige Verbindung zur Außenwelt.
       Es funktionierte aber nur im Freien direkt neben einem Granattrichter. Alle
       fragten mich, wann der Krieg zu Ende sein werde, aber ich hatte keine
       Antwort. Jeden Tag gab es Gerüchte, die ukrainische Armee werde den
       Belagerungsring durchbrechen, aber es kam niemand.
       
       Am 9. März zerfetzten zwei Luftangriffe das Plastikband über unseren
       Fahrzeugfenstern. Schmerz bohrte sich in meinen Gehörgang, meine Haut, mein
       Gesicht. Wir sahen Rauch über der Entbindungsklinik aufsteigen. Als wir
       dort ankamen, waren Retter immer noch dabei, blutende Schwangere aus den
       Ruinen zu holen. Unsere Batterien waren fast leer, wir hatten auch keine
       Verbindung, um die Bilder zu senden. Bis zur Ausgangssperre waren es nur
       noch ein paar Minuten.
       
       Ein Polizist hörte zufällig, wie wir über den Angriff auf das Krankenhaus
       sprachen. Er nahm uns mit an einen Ort mit Strom und Internetverbindung.
       „Das wird den Kriegsverlauf ändern“, sagte er. Ich begriff nicht. Wir
       hatten doch schon so viele Tote fotografiert, Erwachsene, Kinder – eine
       endlose Reihe. Was sollte das jetzt noch ändern?
       
       Ich lag falsch.
       
       ## Die Polizisten warteten geduldig
       
       In der Dunkelheit übermittelten wir die Bilder. Wir teilten die Videodatei
       in drei Teile und legten drei Mobiltelefone nebeneinander, um das Prozedere
       zu beschleunigen. Trotzdem dauerte es Stunden, weit über die Ausgangssperre
       hinaus. Der Beschuss ging weiter, aber die Polizisten, die uns durch die
       Stadt eskortieren sollten, warteten geduldig.
       
       Dann brach das Signal zur Außenwelt wieder ab. Wir kehrten zurück in einen
       leeren Hotelkeller mit einem Aquarium voller toter Goldfische und bekamen
       nicht mit, wie Russland eine ganze Desinformationskampagne lostrat, um
       unseren Bericht unglaubwürdig zu machen.
       
       Die russische Botschaft in London veröffentlichte Tweets, in denen sie die
       AP-Fotos als Fälschung bezeichnete und behauptete, eine der Schwangeren sei
       eine Schauspielerin. Der russische Botschafter hielt bei einer Sitzung des
       UN-Sicherheitsrats Kopien der Fotos hoch und wiederholte Lügen über den
       Angriff auf die Entbindungsklinik.
       
       Die Menschen in Mariupol bettelten uns nach den neuesten Nachrichten an.
       Ukrainische Sender waren nicht mehr zu empfangen, nur noch russische Lügen
       – die Ukrainer hätten Mariupol als Geisel genommen, sie hätten die Gebäude
       selbst beschossen und entwickelten chemische Waffen. Die einzige, ständig
       wiederholte Botschaft im Sowjetstil lautete: Mariupol ist umzingelt, ergebt
       euch. Manche Leute, mit denen wir sprachen, glaubten der Propaganda mehr
       als dem, was sie mit eigenen Augen sahen.
       
       Am 11. März rief uns unser Redakteur an. Wir sollten die Frauen finden, die
       [3][den Angriff auf die Entbindungsklinik] überlebt hatten, und beweisen,
       dass sie existieren. Ich begriff, dass wir die russische Regierung mit
       unseren Bildern zu einer Reaktion gezwungen hatten.
       
       ## Andere lagen noch in den Wehen
       
       Wir fanden die Frauen in einem Krankenhaus an der Frontlinie, einige hatten
       bereits entbunden, andere lagen noch in den Wehen. Wir hörten auch, dass
       eine von ihnen ihr Baby verloren hatte und dann selbst gestorben war. Dann
       stiegen wir wieder in den siebten Stock, um eine Internetverbindung zu
       bekommen. Von dort sah ich, wie ein Panzer nach dem anderen die Straße zum
       Krankenhaus herunterrasselte, jeder mit einem Z bemalt, dem russischen
       Kriegssymbol – wir waren umzingelt. Dutzende Ärzte, Hunderte Patienten und
       wir Journalisten.
       
       Die ukrainischen Soldaten, die das Krankenhaus geschützt hatten, waren
       verschwunden. Der Weg zu unserem Transporter, unserer Nahrung, unserem
       Wasser, unserer Ausrüstung lag im Schussfeld eines russischen
       Scharfschützen. Er hatte bereits einen Sanitäter erwischt, der sich nach
       draußen gewagt hatte. Stundenlang kauerten wir im Dunklen und hörten die
       Detonationen.
       
       Und dann kamen plötzlich diese Soldaten und riefen auf Ukrainisch nach uns.
       Aber ich fühlte mich nicht gerettet. Ich kam mir vor, als würde ich von
       einer Gefahr in die andere geschickt. In Mariupol war gerade überhaupt
       nichts mehr sicher. Man konnte jeden Augenblick erschossen werden.
       
       Ich war den Soldaten unglaublich dankbar, aber ich fühlte mich wie betäubt
       und habe mich geschämt, als ich mit ihnen ging.
       
       ## Im Stau auf der Flucht
       
       Und jetzt sitzen wir zusammengepfercht mit einer dreiköpfigen Familie in
       einem Personenwagen, der sich durch einen fünf Kilometer langen
       Verkehrsstau aus der Stadt quält. Etwa 30.000 Menschen werden es heute aus
       Mariupol heraus schaffen. – Bei dieser Zahl haben die russischen Soldaten
       keine Zeit, alle Fahrzeuge genauer zu kontrollieren, zumal viele Fenster
       mit Plastik verklebt sind.
       
       Die Menschen sind nervös, sie streiten, brüllen sich an. Ständig sind
       Flugzeuge und Luftangriffe zu hören. Der Boden zittert. Wir passieren mehr
       als ein Dutzend russische Kontrollpunkte. An jedem fängt die Mutter mit
       ihrem Kind auf dem Vordersitz wie rasend an zu beten.
       
       An jedem Kontrollpunkt stehen russische Soldaten mit schweren Waffen und
       bei jeder Kontrolle schwindet meine Hoffnung, Mariupol könne überleben. Ich
       begreife, wie weit es für die ukrainische Armee wäre, die Stadt auch nur zu
       erreichen. Und nicht einmal das wird sie schaffen.
       
       Bei Sonnenuntergang erreichen wir eine Brücke, die die Ukrainer zerstört
       haben, um den russischen Vormarsch zu stoppen. Ein Konvoi des Roten Kreuzes
       mit etwa 20 Fahrzeugen sitzt hier bereits fest. Wir alle biegen von der
       Straße ab und fahren über Felder und Nebenstraßen.
       
       Die Wachen am 15. Kontrollpunkt sprechen Russisch mit rauem kaukasischen
       Akzent. Sie befehlen dem gesamten Konvoi, die Scheinwerfer auszuschalten,
       um die am Straßenrand geparkten Waffen und Ausrüstungen zu verbergen. Ich
       kann das weiße Z kaum erkennen, das sie auf die Fahrzeuge gemalt haben.
       
       Am nächsten Kontrollpunkt hören wir Stimmen, die Ukrainisch sprechen. Mich
       überwältigt die Erleichterung. Die Mutter vorn im Auto bricht in Tränen
       aus. Wir sind raus aus der Stadt.
       
       ## Wir waren die letzten Journalisten
       
       Wir waren die letzten Journalisten in Mariupol. Jetzt sind da keine mehr.
       Wir werden mit Fragen von Leuten überschwemmt, die wissen wollen, was aus
       ihren Angehörigen geworden ist, die wir fotografiert und gefilmt haben. Sie
       schreiben uns verzweifelt und vertraut, als wären wir keine Fremden, als ob
       wir ihnen helfen könnten.
       
       Als vergangene Woche [4][ein russischer Luftangriff ein Theater in
       Mariupol] traf, unter dem Hunderte Menschen Schutz gesucht hatten, wusste
       ich genau, wo wir hin müssten, um etwas von Überlebenden zu hören und wie
       es war, endlose Stunden unter den Trümmern eingeschlossen zu sein. Ich
       kenne das Gebäude und die zerstörten Häuser ringsum. Ich kenne Menschen,
       die darunter eingeschlossen waren.
       
       Aber wir können nicht mehr dorthin und berichten. Auch nicht, als die
       ukrainischen Behörden am Sonntag bekanntgeben, Russland habe [5][in
       Mariupol eine Kunstschule mit etwa 400 Menschen bombardiert].
       
       22 Mar 2022
       
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