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       # taz.de -- Ukraine-Krieg und Kaukasus: Der Krieg entzweit die Nordosseten
       
       > In Russland leben nicht nur Russen. Aber auch bei den anderen
       > Nationalitäten im Land gibt es unterschiedliche Meinungen zu den
       > aktuellen Ereignissen.
       
   IMG Bild: Frauen gedenken am 15. Jahrestag der tödlichen Belagerung der Schule in Beslan, 2019
       
       Russland – das sind nicht nur Russen. Hier leben auch Menschen Hunderter
       anderer Nationalitäten. Und obgleich für die ganze Welt alle Bewohner
       Russlands Russen sind, ist das bei Weitem nicht so. Ich bin Ossete und lebe
       in der Hauptstadt von Nordossetien, in Wladikawkas. Das ist Russland. Und
       alle meine Verwandten, nahe und weiter entfernte, alle meine Vorfahren,
       sind Bürger Russlands. Und bleiben das auch. (Auf Russisch unterscheidet
       man „russkije“, ethnische Russen, und „rossyjane“, Staatsangehörige
       Russlands; d. Red.).
       
       Es ist unser Land, mein Land. So wie das von vielen, vielen anderen:
       Kabardinern, Balkaren, Tschetschenen, Inguschen, Tscherkessen, Tataren,
       Baschkiren, Lesginen, Laken … So könnte ich noch lange aufzählen und würde
       trotzdem noch jemanden zu erwähnen vergessen.
       
       Die Einstellungen hier in Ossetien zu dem, was in der Ukraine passiert,
       sind unterschiedlich. Die einen unterstützen den Krieg, die anderen nicht.
       Die, die ihn unterstützen sind mehr, auf jeden Fall sind sie sichtbarer.
       
       Sich jetzt öffentlich gegen den Krieg zu positionieren, ist schwierig. In
       den sozialen Netzwerken hat mittlerweile ein echtes Mobbing begonnen.
       Kürzlich wurde zum Beispiel bekannt, dass ein 20-jähriges Mädchen in
       Wladikawkas für [1][Flugblätter gegen den Krieg] eine Geldstrafe von
       umgerechnet etwa 100 Euro zahlen musste. In den Kommentaren wurde sie von
       offenbar ganz gewöhnlichen Menschen angegriffen, und es ist nicht bekannt,
       wie es ausgegangen wäre, wenn die Polizei ihren Namen öffentlich gemacht
       hätte.
       
       Ich kenne keinen einzigen Menschen, [2][der den Beschuss und die
       Bombardierung der Zivilbevölkerung in der Ukraine] gutheißen würde. Hier in
       Ossetien ist dies schon deshalb nicht möglich, weil 2004 die ganze Welt
       [3][Zeuge des entsetzlichen Terroranschlags in Beslan wurde]
       (nordkaukasische Terroristen hielten in einer Schule drei Tage lang über
       tausend Geiseln, darunter viele Kinder, fest. Bei der Erstürmung durch
       russische Einsatzkräfte starben über 300 Menschen; d. Redaktion)
       
       Damals haben alle verstanden, was getötete Kinder in Friedenszeiten
       bedeuten. Darum versuchen jetzt sogar die, die für die „Spezialoperation Z“
       (so die offizielle russische Bezeichnung des Angriffskriegs auf die
       Ukraine; d. Redaktion) sind, die Informationen über die Opfer in der
       Zivilbevölkerung zu verdrängen. Man versucht uns davon zu überzeugen, dass
       das alles Fake News seien. Und die Menschen glauben das, weil es einfacher
       ist.
       
       Überall hängen Plakate mit dem Buchstaben Z, Politiker und andere
       Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens versuchen, ihre Unterstützung zu
       demonstrieren. Aber ein Level darunter ist die Stimmung deutlich
       gedämpfter. Gleichzeitig ärgern sich viele auch über ukrainische Videos von
       toten russischen Soldaten. Sie sind so wütend, dass selbst diejenigen, die
       gegen den Krieg sind, sagen, dass sie bereit wären, in die Ukraine zu
       gehen, um sich zu rächen. Aber wie dem auch sei, niemand wünscht unseren
       Soldaten, unter denen Russen, Osseten, Inguschen und Dagestaner sind, den
       Tod.
       
       Das Schwungrad des Hasses dreht sich jedoch immer schneller. Es anzuhalten
       wird schwer.
       
       Aus dem Russischen von [4][Gaby Coldewey]
       
       Finanziert wird das Projekt durch die [5][taz Panter Stiftung]
       
       19 Mar 2022
       
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   DIR Boris Epchiev
       
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