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       # taz.de -- Rassismus als Propagandawerkzeug: Da läuft was falsch
       
       > Seit Kriegsbeginn wird von Angriffen auf russischsprachige Menschen in
       > Deutschland berichtet. Aber darunter mischen sich Falschmeldungen.
       
   IMG Bild: Screenshot aus dem Film von Olessja P. auf Telegram
       
       Das Gespräch dauert gut 30 Sekunden, als das Wort zum ersten Mal fällt.
       „Das ist Rassismus“, sagt eine aufgebrachte Frauenstimme. „Was Sie jetzt
       machen mit Kindern, das ist Rassismus.“ Die Frau, die das ruft, filmt die
       Szene unbemerkt mit ihrem Smartphone. Sie steht in einem Jugendklub in
       einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen und stellt zwei Mitarbeiterinnen
       zur Rede. Die Kamera zeigt die meiste Zeit den Fliesenboden. Kurz schwenkt
       sie zu den Gesichtern der beiden Mitarbeiterinnen und zu dem 13-jährigen
       Jungen, um den es in dem Streit geht.
       
       Lucas, ihr Sohn, sei aus dem Jugendzentrum rausgeworfen worden, behauptet
       die Sprecherin. Weil er russischstämmig ist? „Deutschland wacht auf! Was
       haben unsere Kinder damit zu tun? Nur weil die russische Wurzeln haben,
       werden die diskriminiert“, steht als Texteinblendung über dem Video. Mit
       Schrei-Emoji.
       
       Was in dem Jugendtreff genau passiert ist, bevor die Videoaufnahme beginnt,
       darüber gibt es verschiedene Versionen. Der Jugendklub sagt: Der Junge habe
       sich positiv zum Krieg in der Ukraine geäußert. Die Mutter sagt: Ihr Sohn
       habe nur die Wahrheit über den Krieg gesagt.
       
       Fest steht: Die knapp achtminütige Sequenz hat eine enorme Kraft
       entwickelt. Sie hat sich rasend schnell in sozialen Netzwerken und
       Messengerdiensten verbreitet. Sie hat Menschen dazu gebracht,
       Google-Bewertungen, Onlinekommentare und E-Mails zu verfassen, in denen die
       Mitarbeiterinnen des Jugendklubs „Unmenschen“ genannt werden, die
       „irgendwann mal dafür böse bezahlen“ werden. Die Jugendorganisation der AfD
       hat das Video aufgegriffen und die russische Botschaft in Berlin. Harry
       Lause, der Leiter des Jugendtreffs, sagt: „Der Hass hat uns überrollt.“
       
       Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Krieg um Informationen und
       Wahrheiten. [1][Soldaten posieren in Tiktok-Videos], in Whatsapp-Gruppen
       kursieren Aufnahmen von Vandalismus in russischen Supermärkten, aus
       Telegram-Kanälen von Coronaleugner*innen sind Putin-Fanklubs
       geworden. Dabei geht es auch immer wieder um „Russophobie“. In den sozialen
       Netzwerken werden Hunderte Meldungen geteilt, kommentiert und geliked, die
       zeigen sollen, wie russische Institutionen und russischsprachige Menschen
       beleidigt oder angegriffen werden. Russische Lkw-Fahrer*innen berichten,
       dass ihre Lkws auf deutschen Raststätten beschmiert werden;
       Betreiber*innen von russischen Restaurants, dass sie von Gästen
       beschimpft wurden.
       
       Und es stimmt ja auch: Menschen, die Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion
       haben, wie Spätaussiedler*innen, jüdische Kontingentflüchtlinge,
       Russ*innen und russischsprachige Deutsche, erfahren Diskriminierung. Seit
       dem Beginn des Kriegs in der Ukraine gehen bei den Behörden mehr Meldungen
       über Angriffe ein. Allein die Berliner Polizei zählt seit dem 24. Februar
       57 Übergriffe auf russische Institutionen und Personen. Darunter sind vor
       allem Sachbeschädigung und Graffiti. Das Bundeskriminalamt gehe von rund
       500 strafrechtlich relevanten Delikten mit Bezug zum Ukrainekrieg aus,
       berichtete die „Tagesschau“, darunter seien vor allem Beleidigungen und
       Drohungen im Internet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt vor
       Hetze gegenüber russischen Menschen.
       
       ## Doch nicht alle Meldungen, die kursieren, sind tatsächlich wahr.
       
       Am vergangenen Wochenende [2][verbreitete sich das Video einer Frau], die
       behauptete, in Euskirchen sei ein 16-jähriger Junge von ukrainischen
       Geflüchteten erschlagen worden. Weil er Russisch gesprochen habe. Das
       Verbrechen gab es nicht, das stellte die Bonner Polizei schnell klar. Das
       Bundesinnenministerium [3][warnte bei Twitter auf Russisch vor dem Fake].
       Die Nachricht vom erschlagenen Russen in Euskirchen stand zuerst auf einer
       Nachrichtenseite aus Russland. Die Frau, die daraus das Video gemacht hat,
       hat sich mittlerweile entschuldigt und das Video gelöscht.
       
       Bei Facebook kursierte die Meldung, [4][dass bei Hamburg die Busse eines
       Unternehmens zerstört worden seien, angeblich weil der Besitzer russische
       Wurzeln habe]. Zwar wurden tatsächlich Busscheiben zertrümmert, aber den
       russischstämmigen Besitzer gibt es nicht. Der Zusammenhang sei frei
       erfunden, sagt das Unternehmen der „Tagesschau“. Auch die Polizei sieht
       kein politisches Motiv. [5][Bei Whatsapp wurde eine Sprachnachricht zigfach
       weitergeleitet], in der behauptet wird, in Kehl seien ältere
       russischsprachige Frauen beim Dolmetschen von ukrainischen Geflüchteten
       angegriffen worden. Die Nachricht erweist sich als Fake.
       
       ## Aber was ist mit dem Video aus dem Jugendtreff?
       
       Hövelhof ist eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen, eine halbe Stunde
       nördlich von Paderborn. Dort steht das Haus der offenen Tür, kurz HoT:
       Mittags verbringen die Kinder aus den benachbarten Schulen hier ihre Pause,
       ab 14 Uhr öffnet das Haus für die Jugendlichen aus dem Ort. Vier
       Sozialarbeiter*innen arbeiten hier, 35 Stunden in der Woche ist
       geöffnet. Der Instagram-Account zeigt den Alltag: Für den HipHop-Kurs
       wurde gerade eine Spiegelwand gebaut, die Umwelt AG entwirft
       Insektenhotels. „Wir wollen den Kindern ein zweites Zuhause sein“, sagt
       Harry Lause, der Leiter des Hauses, am Telefon.
       
       Gepostet wird das Video aus dem Jugendzentrum am 3. März zuerst auf dem
       Tiktok-Kanal von Olessja P. Bis zum Krieg in der Ukraine ist sie dort kaum
       aktiv. Seit Anfang März teilt sie Videos, in denen Wladimir Putin als „Der
       beste Mann und President“ gefeiert wird oder in denen behauptet wird,
       ukrainische Frauen hätten vor, russische Kinder zu töten.
       
       ## Auf eine Gesprächsanfrage der taz reagiert Olessja P. nicht.
       
       Das Originalvideo aus dem Jugendtreff hat sie gelöscht. Mittlerweile
       ermittelt die Polizei gegen den illegalen Mitschnitt. Aber die Stiefmutter
       des Jungen, Julia P., hat es auf ihrem Instagram-Account gepostet. Dort
       steht es immer noch, von dort wurde es weiterverteilt, zu Facebook und
       Telegram.
       
       Sie wolle nachfragen, wegen ihres Sohns, was da abgehe, spricht Olessja P.
       in dem Video die Mitarbeiterin des Jugendklubs an. Warum er rausgeflogen
       sei. Die Mitarbeiterin antwortet: Lucas wurde nicht aus dem Jugendzentrum
       geschmissen. Ihm wurden sein Ehrenamt im Jugendrat und sein Dienst an der
       Theke entzogen. Positionen, in denen er das Jugendzentrum vertritt. Der
       Grund? „Weil das Volksverhetzung ist“, sagt die Mitarbeiterin. Wenn ein
       Junge sage, die Ukraine sei selbst schuld am Krieg und dort würden keine
       Frauen und Kinder getötet, sei das eine Grenze.
       
       Die Kamera läuft weiter, alle reden durcheinander. Fallen sich ins Wort.
       „Habt ihr schon gelesen, was in Berlin abgeht?“, kiekst Lucas mit hoher
       Stimme. „Die Lehrer gehen auf die Schüler los.“ So wie jetzt hier auch. Das
       sei Diskriminierung, Olessja P. ruft: „Wissen Sie, wie viele Kinder im
       Donbass gestorben sind? Von ukrainischen Bomben. Die haben drauf
       geschrieben: Das ist für eure Kinder, Donbass! Und jetzt müssen unsere
       Kinder leiden?“
       
       Es ist kein Zufall, dass es so oft um Kinder geht, wenn in Telegram-Kanälen
       und auf Facebook-Seiten über „Russophobie“ gesprochen wird. Kinder und
       Jugendliche sind am deutlichsten als unschuldige Opfer markierbar.
       
       Bei Telegram ruft eine Gruppe mit dem Namen „GOR – Zivilschutz der
       Russischsprachigen“ dazu auf, russische Kinder zu verteidigen. Eine
       Onlinepetition von russischen Müttern fordert die Zivilgesellschaft auf,
       russische Kinder vor Diskriminierung in der Schule zu schützen. Einige der
       Aufrufe haben es aus dem Internet auf die Straße geschafft. In Dresden und
       Berlin haben Menschen gegen die Diskriminierung von russischen Kindern
       protestiert. Unter dem Namen „Demokratie, Stopp Krieg, keine Propaganda in
       der Schule“ fanden Kundgebungen an der Frauenkirche in Dresden und vor dem
       Brandenburger Tor statt. In beiden Städten waren unter den Teilnehmenden
       auch Mitglieder der Nachtwölfe, einer prorussischen, nationalistischen
       Motorradgang.
       
       Demonstrationen, bei denen Nationalist*innen solche Stimmungen
       ausnutzen, gab es in Deutschland schon 2016 – im Fall „Lisa“. Das
       13-jährige Mädchen aus einer deutsch-russischen Familie war auf dem
       Schulweg in Berlin-Marzahn verschwunden. Als sie nach 30 Stunden wieder
       auftauchte, erzählte sie ihren Eltern, sie sei von drei „Südländern“
       festgehalten und vergewaltigt worden. Die Geschichte verbreitete sich
       schnell, wurde ein großes Thema im russischen Fernsehen. Die NPD und ein
       Pegida-Ableger meldeten Demonstrationen an, der russische Außenminister
       schaltete sich ein.
       
       Als klar wurde, dass sich Lisa wegen Schulproblemen bei einem Bekannten
       versteckt hatte, [6][war die Geschichte von den vergewaltigenden
       Flüchtlingen schon in der Welt und verschwand nie mehr ganz]. Für Wladimir
       Putin, der sich deutlich von Angela Merkels Flüchtlingspolitik abgrenzen
       wollte, war das nützlich.
       
       ## Das Video aus dem Jugendtreff in Hövelhof ist keine Fälschung
       
       Der Jugendtreff bestätigt, dass der Vorfall stattgefunden hat. Aber auch
       reale Vorfälle haben eine Funktion in Desinformationskampagnen.
       
       Kurz nachdem Olessja P. das Video hochgeladen hat, wird es in einem großen
       Telegram-Kanal gepostet. „Wahnsinn!!“, steht darunter. „Russischer Junge
       wird aus Jugendhaus Hövelhof ausgeschlossen, weil er sich entgegen dem
       Mainstream-Narrativ zum Ukrainekonflikt geäußert hat.“
       
       Der Kanal „Servus Deutschland“ existiert seit Herbst 2020, knapp 17.500
       Abonnent*innen folgen ihm. Bis zum Ukrainekrieg ging es darin vor allem
       um Corona: die „Tötungsmaschine“ Impfung, Beleidigungen und Gewaltfantasien
       gegenüber Politiker*innen. Mittlerweile geht es in der Gruppe auch um den
       Krieg in der Ukraine, meist mit prorussischem Framing. Das Video von
       Olessja P. ist nicht das einzige, das dort gepostet wurde und
       Russenfeindlichkeit beweisen soll. Aber es ist eines, das bei vielen
       Nutzer*innen verfängt.
       
       Nur zwei Minuten, nachdem das achtminütige Video in dem Kanal gepostet
       wurde, teilt eine Nutzerin darunter die Website des Jugendzentrums.
       „Schreibt denen alle – je mehr, desto besser, dass sie Rassisten sind.“
       Andere posten die Mailadresse und die Telefonnummer, ein Foto des
       Eingangsportals des Hauses. Mehrere rufen dazu auf, dem Jugendzentrum
       schlechte Bewertungen bei Google zu geben.
       
       ## Bei Facebook passiert dasselbe. „Brauchen wohl eine gute Bewertung.
       Zwinkersmily“, schreibt jemand unter das Video
       
       Es folgen antisemitische, holocaustrelativierende Bewertungen wie: „Die
       Leiterin sowie alle Mitarbeiter werden sich vor den Nürnberger Tribunalen
       verantworten müssen. Jeder dieser Unmenschen wird danach nicht mehr in den
       Berufszweig tätig sein, nach dem Urteil“ – „Ich bin entsetzt über das
       Verhalten dieser Pädagogen“ – „Es werden russische Schüler diskriminiert,
       weil sie die Wahrheit sagen. So was gab es zuletzt im Dritten Reich.
       Diskriminierung, Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Ekelhaft.“
       
       Harry Lause, Chef der Einrichtung, ahnt von all dem nichts, als er am
       Freitag in sein Büro kommt. Am Tag zuvor war im Jugendzentrum das Gespräch
       mit der Mutter und dem Jungen eskaliert.
       
       Die Vorgeschichte des Videos erzählt Harry Lause so: Der Jugendliche komme
       seit Jahren in das Jugendzentrum. Er sei sehr engagiert gewesen. Für einen
       kleinen Lohn habe er an der Theke Cola und Chips verkauft. Außerdem war er
       als ehrenamtliches Mitglied in den Jugendrat gewählt worden, eine Gruppe
       aus sechs Jugendlichen, die bei wichtigen Entscheidungen einbezogen wird.
       
       Ein paar Tage vor dem Video hätten sich Jugendliche und Erwachsene im
       Jugendzentrum über den Krieg in der Ukraine unterhalten. Der Junge habe
       sich da positiv zum Krieg in der Ukraine geäußert, sagt Lause am Telefon.
       „Das konnten wir so nicht stehen lassen“, sagt Harry Lause. „Einen
       Angriffskrieg zu rechtfertigen steht den Werten, die wir hier vertreten,
       absolut entgegen.“
       
       Schon vor dieser Diskussion hatten die Mitarbeiter*innen intern
       besprochen, wie sie mit dem Thema Krieg umgehen. Wie reagieren sie auf
       Kinder, die Angst haben? Welche Aussagen sind rote Linien? Die sah das Team
       in der Diskussion mit dem Jungen überschritten.
       
       Gemeinsam hätten die Mitarbeiter*innen entschieden, dem Jungen seine
       Arbeit an der Theke und seine Position im Jugendrat zu entziehen. „Die
       Entscheidung ist uns nicht leicht gefallen, weil das ein toller Junge ist,
       der eine super Tendenz hat. Aber durch sein Ehrenamt repräsentiert er das
       Haus ja auch nach außen“, sagt Lause. In einem ruhigen Gespräch hätten sie
       ihm das mitgeteilt. Hausverbot habe er nicht erhalten, er könne weiter in
       das Jugendzentrum kommen, dort auch weiter seine private Meinung äußern.
       
       ## Kurz darauf kam der Junge mit seiner Mutter zurück in den Jugendtreff
       und das Video entstand
       
       Nachdem das Video online geht, gehen überall Kommentare ein: auf dem
       Instagram-Profil des Jugendklubs, auf seiner Website, bei Google. E-Mails
       kommen. 10. 20. 40. Am Ende sind es rund 60. Einmal hat Lause 73 verpasste
       Anrufe auf dem Telefon. Unter den Menschen, mit denen er telefoniert hat,
       waren einige, die wirklich reden wollten, andere hätten ihn beschimpft.
       
       Einige dieser Mails kann man immer noch in dem Telegram-Kanal nachlesen.
       Die Verfasser haben sie dort selbst veröffentlicht. Einer schreibt, die
       Mitarbeiter*innen des Jugendklubs ließen sich einspannen von „rot-grün
       indoktrinierten Schlafschafen“, die „mit Hilfe der Politmarionetten und
       von Rothschild bezahlten Lügenmedien momentan die New World Order mit
       vorantreiben“.
       
       Dass reale Ereignisse instrumentalisiert werden und Tatsachen verdreht,
       beobachtet Sergej Prokopkin, Rechtsanwalt und Jurist, momentan regelmäßig.
       „Wenn jemand auf der Straße beschimpft wird, heißt es später im russischen
       Staatsfernsehen: ‚Auf deutschen Straßen werden alle Russ*innen
       beschimpft.‘ “ Die russische Regierung spiele sich als Beschützer auf. „Die
       Nachricht dahinter lautet: ‚In Europa seid ihr nicht sicher, nur der Kreml
       kann euch schützen.‘ “
       
       Prokopkin setzt sich gegen Antislawismus in Deutschland ein. Er hält
       Vorträge, postet Informationen auf seinen Onlinekanälen und richtet seine
       Aufrufe auch an die russischsprachige Community.
       
       Viele der aktuell kursierenden Vorfälle in den sozialen Medien stuft
       Prokopkin als Desinformationskampagne Russlands ein. „Die russische
       Botschaft wendet gezielt Falschinformationen an als Teil seiner hybriden
       Kriegsführung, um für Chaos und Verunsicherung in der russischsprachigen
       Community zu sorgen“, sagt Prokopkin am Telefon.
       
       Schon die Frage, wer welchen Begriff benutzt, ist politisch. Die
       Bezeichnung „Russophobie“, den die russische Regierung verwende, sei
       ungenau. Er gäbe vor, nur russische Menschen würden diskriminiert. „Die
       russischsprachige Community ist divers, nicht alle, die Russisch sprechen,
       stammen aus Russland.“ Prokopkin verwendet daher den Begriff
       [7][Antislawismus], auch um sich von dem durch Putin und Lukaschenko
       gesetzten Narrativ zu distanzieren. „Antislawismus gibt es seit
       Jahrhunderten, er ist real. Diese Form der Diskriminierung betrifft aber
       nicht nur russischsprachige Menschen, sondern alle, die als ‚Slaw*innen‘
       gelesen werden.“ Und das sind viele: In Deutschland leben rund 3,5
       Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus der ehemaligen
       Sowjetunion. Das macht sie zur größten Einwanderungsgruppe.
       
       Wer nach dem Begriff Russophobie sucht, findet schnell die Akteur*innen,
       die Putins Erzählung verbreiten oder von ihr profitieren wollen.
       
       Unter dem Video aus Hövelhof schaltet sich auch die AfD ein. Die Junge
       Alternative Paderborn, die Jugendorganisation der AfD, schreibt, sie werde
       sich „drum kümmern“. „Das wäre gut“, schreibt ein anderer Nutzer dazu.
       „Schon allein für die Kinder.“
       
       Die AfD besetzt das Themenfeld bewusst. Mehrere AfDler haben
       Interessenvereinigungen für Russlanddeutsche gegründet: In
       Nordrhein-Westfalen gibt es die Gruppe „Russlanddeutsche für die AfD“. Ein
       Vertreter der AfD im Kreis Westfalen-Lippe, also jenem, in dem auch das
       Jugendzentrum steht, Denis Pauli, hat im vergangenen Jahr den „Zentralrat
       der Russlanddeutschen“ gegründet. Im Jahr 2018 haben Abgeordnete der AfD
       den Internationalen Volksrat der Russlanddeutschen gegründet. Sein
       Vorsitzender ist der in Kasachstan geborene ehemalige Bundestagsabgeordnete
       Waldemar Herdt.
       
       Die Vereine rufen im Internet dazu auf, ihnen zu melden, wenn russische
       Menschen in Deutschland diskriminiert werden. Mehrere Mitglieder von
       Landes- und Kreisverbänden der AfD warnen in den sozialen Medien vor
       „Russophobie“.
       
       Auch das russische Staatsfernsehen berichtet seit dem Angriff auf die
       Ukraine vermehrt von angeblichen Überfällen auf russische
       Staatsbürger*innen in Europa. Ein Beitrag des staatlichen Kanals
       Rossija 24 setzt die „Russophobie“ im Westen mit der Verfolgung von
       Jüdinnen und Juden im Dritten Reich gleich.
       
       In dem Telegram-Kanal, in dem das Video aus dem Jugendklub geteilt wurde,
       hat jemand die Mailadresse sos@russische-botschaft.de in die Kommentare
       gepostet. „Sofort melden solche Vorfälle“, hat die Person dazu geschrieben.
       
       Die Botschaft hat die E-Mailadresse sechs Tage nach Kriegsbeginn
       eingerichtet. Dort können sich alle melden, die gemobbt, belästigt, bedroht
       oder angegriffen wurden. Allein in den ersten drei Tagen seien „mehrere
       hundert Nachrichten“ eingegangen, heißt es bei der Botschaft. In loser
       Reihenfolge veröffentlicht sie nun Listen mit angeblichen Vorfällen. Sechs
       Listen gibt es bislang, mit jeweils etwa 10 bis 20 Vorfällen. Die wenigsten
       lassen sich überprüfen. Die meisten, die sich überprüfen lassen, stellen
       sich als falsch oder zumindest nicht ganz richtig heraus.
       
       Der Vorfall in Hövelhof landet schließlich auch auf der Website der
       russischen Botschaft. „In einem Jugendzentrum der Stadt Hövelhof
       (Nordrhein-Westfalen) wurde ein 13-jähriger Jugendlicher von der Ausübung
       seiner Freiwilligenaufgaben abgesetzt, weil er sich weigerte, die in
       Deutschland dominierende Meinung zu den Entwicklungen in der Ukraine zu
       unterstützen“, steht dort jetzt.
       
       Fünf Tage dauert die Empörungsflut im Jugendzentrum in Hövelhof an.
       Mitarbeiter*innen der Gemeinde unterstützen die Sozialarbeiter*innen,
       löschen Kommentare im Netz, beantworten Anfragen.
       
       ## In Hövelhof leben 16.000 Menschen, jeder hier kennt das Jugendhaus
       
       Das Video wird zum Stadtgespräch. Besonders für die Kinder habe ihm das
       leid getan, sagt Lause. In das Jugendzentrum kämen viele Kinder mit
       russischem Hintergrund, sie seien von der Aufregung stark verunsichert
       gewesen. In den ersten Tagen nach dem Video seien weniger Kinder gekommen
       als sonst. „Wir arbeiten seit 20 Jahren daran, den Kindern und Jugendlichen
       Halt zu geben. Wir haben einen guten Ruf, die Leute im Ort vertrauen uns“,
       sagt Lause. „Nach dem Video hat es sich so angefühlt, als sei das alles
       über Nacht weggewischt worden.“
       
       Er lerne daraus, wie zerrissen die Kinder selbst sind. „Eines hat mir
       gesagt: Ich habe zwei Herzen in meiner Brust. Ich weiß selbst nicht, was
       ich über diesen Krieg glauben soll.“
       
       Einen Tag nachdem Olessja P. das Video aus dem Jugendzentrum hochgeladen
       hat, veröffentlicht sie ein weiteres Video. Mit Sonnenbrille läuft sie
       durch ein Wohngebiet, spricht an der Kamera vorbei. Sie bedankt sich für
       die Unterstützung. „Allerdings, mein Video ist irgendwie falsch
       rübergekommen“, sagt sie. Sie habe niemanden aufgefordert, Leute zu
       bedrohen oder zu beleidigen. „Leute bitte, Hass gegen Hass, das bringt
       überhaupt nichts.“
       
       295-mal wurde dieses Video bisher angesehen. Ihr Video vom Streit im
       Jugendzentrum dagegen inzwischen mehr als 70.000-mal.
       
       26 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Inszenierung-des-Kriegs-auf-Tiktok/!5838205
   DIR [2] /Fake-Video-ueber-vermeintliche-Toetung/!5840206
   DIR [3] https://twitter.com/BMI_Bund/status/1505883533377683461
   DIR [4] https://www.tagesschau.de/faktenfinder/angriffe-russen-fake-ukraine-101.html
   DIR [5] https://www.fr.de/politik/ukraine-krieg-konflikt-russland-anfeindungen-propaganda-deutschland-vorurteile-fake-news-91399447.html
   DIR [6] /Kommentar-Fall-Lisa/!5269808
   DIR [7] /Antislawischer-Rassismus-in-Deutschland/!5758259
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anne Fromm
   DIR Luise Strothmann
   DIR Sonja Smolenski
       
       ## TAGS
       
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       Im Netz verbreitet sich ein Video über die angebliche Tötung eines Mannes
       durch Ukrainer. Es kommt von einer selbst ernannten „Friedensjournalistin“.
       
   DIR Protestaktion russischer TV-Journalistin: Wie man einen Fake-Account erkennt
       
       Die russische Redakteurin Marina Owsjannikowa protestierte im TV gegen
       Putins Krieg. Dann meldet sie sich bei Twitter zu Wort – glaubten viele.