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       # taz.de -- Prozess wegen Massenmord in KZ: Experte bezweifelt Erinnerungslücke
       
       > Im Verfahren gegen einen 101-jährigen Angeklagten schildert ein Zeuge den
       > unmenschlichen Alltag im Lager Sachsenhausen.
       
   IMG Bild: Prozess in einer Turnhalle: der 101-jährige Angeklagte im Prozess Ende Februar
       
       Brandenburg dpa | Im Prozess gegen einen mutmaßlichen ehemaligen
       SS-Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen hat ein psychiatrischer
       Sachverständiger die mögliche Verdrängung der Beteiligung an den
       NS-Verbrechen durch den Angeklagten bezweifelt. Der 101-jährige Angeklagte
       hat eine Tätigkeit in dem KZ während des Zweiten Weltkriegs in dem Prozess
       bislang energisch bestritten.
       
       Falsche Erinnerungen seien zwar bei allen Menschen ein bekanntes Phänomen
       und hätten oft den Zweck, nach traumatischen oder beschämenden Erlebnissen
       ein positives Selbstbild zu erhalten, erläuterte der Sachverständige am
       Freitag dem Gericht. Solche falschen Erinnerungen könnten sich im Alter
       verfestigen, je länger die Ereignisse zurücklägen. Dies betreffe aber
       kurze, abgegrenzte Vorfälle. Eine falsche Erinnerung für einen Zeitraum
       über mehr als drei Jahre sei kaum denkbar, erklärte der Sachverständige.
       
       In dem Prozess vor dem Landgericht Neuruppin ist der 101-Jährige aus
       Brandenburg/Havel angeklagt, als damaliger Wachmann in dem KZ von 1942 bis
       1945 Beihilfe zum Mord an mindestens 3.518 Häftlingen geleistet zu haben.
       Das Verfahren wird aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in
       Brandenburg/Havel geführt.
       
       Der Angeklagte hat in dem Verfahren bislang bestritten, überhaupt in dem
       Lager gewesen zu sein. Stattdessen will er in der fraglichen Zeit als
       Landarbeiter bei Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) gearbeitet haben. Die
       Tätigkeit eines SS-Wachmanns mit seinem Namen, Geburtsdatum und Geburtsort
       ist aber durch viele Dokumente belegt. Auch seine Mutter und sein Vater
       hatten in Briefen an deutsche Behörden angegeben, dass ihr Sohn bei der SS
       in Oranienburg diene.
       
       ## Überlebender sagt aus
       
       Am Freitag schilderte in dem Prozess auch erneut ein Überlebender aus
       Frankreich den unmenschlichen Lageralltag. Der 98-jährige Marcel Suillerot
       aus der Nähe von Dijon sagte dem Gericht in einer Videovernehmung, dass er
       1943 als 20-Jähriger mit vielen weiteren französischen Gefangenen in das KZ
       gekommen sei, nachdem er in Frankreich Flugblätter gegen die deutschen
       Besatzer verteilt habe. „Die SS-Männer sagten uns: ‚Ihr geht durch das Tor
       in das Lager hinein und durch den Schornstein wieder hinaus‘“, berichtete
       er.
       
       Suillerot berichtete, dass er anfangs gemeinsam mit anderen Häftlingen
       Zementsäcke schleppen musste. „Wer einen Sack fallen ließ, wurde wegen
       Sabotage von den Wachleuten tot geschlagen“, berichtete der 98-Jährige. Bei
       stundenlangen Appellen in extremer Kälte seien Kameraden erfroren. In den
       Baracken hätten sehr schlechte hygienische Bedingungen geherrscht. Wegen
       geringer Anlässe seien Mithäftlinge grausam misshandelt und erhängt worden,
       berichtete der Überlebende.
       
       Im April 1945 wurde Suillerot mit Tausenden anderen Häftlingen von der SS
       auf den Todesmarsch in Richtung Norden geschickt. Wer nicht mehr
       weiterlaufen konnte, sei von den Wachleuten getötet worden. Von 32.000
       Häftlingen hätten nur 18.000 den Marsch überlebt, berichtete der
       98-Jährige. In der Nähe von Schwerin seien die Überlebenden von
       sowjetischen Soldaten befreit worden.
       
       ## Prozess vor Abschluss
       
       Der seit Oktober laufende Prozess steuert nach Angaben von
       Gerichtssprecherin Iris le Claire auf einen Abschluss zu. Die
       Beweisaufnahme könne möglicherweise in der kommenden Woche abgeschlossen
       werden. In diesem Fall könnten am 24. März die Plädoyers von
       Staatsanwaltschaft, Verteidigung und den fünf Nebenkläger-Vertretern
       beginnen. Ein Urteil sei dann im April zu erwarten.
       
       11 Mar 2022
       
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