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       # taz.de -- Krieg in der Ukraine: Aufgeben ist keine Option
       
       > Nach über drei Wochen Krieg fordern einige die Ukraine dazu auf, sich zu
       > ergeben, damit das Leid ein Ende hat. Dabei würde das Leiden weitergehen.
       
   IMG Bild: Zerstörung in Mariupol. Putin will die Ukraine, ihre Menschen, ihre Freiheit zerstören
       
       In den ersten Tagen des [1][russischen Angriffs auf die Ukraine] war die
       Empörung in Deutschland groß. Im Bundestag rief Kanzler Olaf Scholz eine
       sicherheitspolitische Zeitenwende aus. Solidarität mit der Ukraine wurde
       bekundet. Bei Ukrainer:innen ist die Sorge groß, dass diese Solidarität
       politisch und auch gesellschaftlich nicht lange anhalten wird. Wird man die
       Ukraine irgendwann aufgeben, weil man selbst, den Krieg vom Sofa aus
       beobachtend, müde davon geworden ist?
       
       Es erschüttert mich, wie nach über drei Wochen Krieg, in denen Bomben auf
       europäische Städte fallen, Millionen Menschen ihr Zuhause verlieren, viele
       noch immer ohne Strom, Wasser und ausreichend Essen von russischen
       Streitkräften eingekesselt sind und Zivilist:innen kaltblütig
       erschossen werden, manche in alte Muster zurückverfallen.
       
       Bei Scholz zum Beispiel klingt es mittlerweile so, als habe Deutschland
       bereits alles getan, um die Ukraine zu unterstützen. Ein Waffenstillstand
       könne nur mit Diplomatie erreicht werden, sagte er kürzlich. Als hätte
       Dialog mit Russland in der Vergangenheit Erfolge erzielt und Putin sich in
       den letzten Wochen als vertrauenswürdiger Diktator entpuppt.
       
       ## Entführungen und Folter
       
       [2][Vermeintliche Experten] ukrainisch-russischer Beziehungen fordern schon
       mal eine prorussiche Regierung in der Ukraine, um den Krieg
       schnellstmöglich zu beenden. Oder um es mit den Worten von Richard David
       Precht zu sagen: „Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Verteidigung.
       Aber auch die Pflicht zur Klugheit, einzusehen, wann man sich ergeben
       muss.“
       
       Putin will die Ukraine, ihre Menschen, ihre Freiheit zerstören. Und in
       Deutschland wird ernsthaft darüber debattiert, ob die Ukraine nicht
       aufgeben sollte. Das Ende militärischer Auseinandersetzungen würde
       vielleicht kurzzeitig Leid verhindern. Der Terror aber würde weitergehen.
       Bereits jetzt gibt es Berichte von Entführungen in den von Russland
       kontrollierten Teilen der Ukraine.
       
       Sie geben einen Ausblick darauf, was unter russischer Kontrolle noch folgen
       könnte. Iwan Fedorow, Bürgermeister von Melitopol, wurde vergangene Woche
       von russischen Soldaten verschleppt. Es existiert [3][ein
       Überwachungsvideo], das zeigt, wie Fedorow mit einem Sack auf dem Kopf
       abgeführt wird. Mittlerweile ist er wieder frei. In einem [4][Interview mit
       Zeit Online] spricht Fedorow von stundenlangen Verhören, die er über sich
       ergehen lassen musste. Aus den anderen Zellen habe er gehört, wie Leute
       gefoltert wurden, erzählt er. Schon zuvor soll der Bürgermeister der Stadt
       Dniprorudne entführt worden sein. Am Mittwoch hieß es außerdem, dass
       russische Militärs den Bürgermeister der Hafenstadt Skadowsk und dessen
       Stellvertreter entführt haben sollen.
       
       ## Europa schaute jahrelang weg
       
       Aktivist:innen, Journalist:innen, Freiwillige werden schon jetzt [5][Opfer
       von Verfolgung und Willkür durch russische Kräfte]. Es sind Fälle, wie sie
       seit Jahren aus den Separatistengebieten im Osten des Landes bekannt sind.
       Europa schaute jahrelang lieber weg. Gesetzlosigkeit, willkürliche
       Festnahmen, Folter und Gewalt. Das blüht der Ukraine unter russischer
       Herrschaft.
       
       In seinem Buch „Heller Weg: Geschichte eines Konzentrationslagers im
       Donbass 2017–2019“ beschreibt der ukrainische Journalist Stanislav Aseyev,
       der im besetzten Donezk verhaftet und wegen „Extremismus“ sowie „Spionage“
       zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde, seine Zeit in der sogenannten
       Isoljazija, der Isolation, einem Geheim- und Foltergefängnis. Seine
       Beschreibungen sind eigentlich nicht aushaltbar. Und genau deshalb ist es
       so wichtig, dass die Welt sie liest.
       
       Ich empfehle dieses Buch allen, die daran festhalten, dass die Ukraine
       aufgeben muss. Es sollte auch denjenigen in der Politik eine Warnung sein,
       die wieder Diplomatie beschwören, anstatt alle Mittel zur Unterstützung der
       Ukraine auszuschöpfen. Nur ein Europa, das sich wehrhaft hinter die Ukraine
       stellt, kann Putin Angst machen.
       
       18 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
   DIR [2] https://twitter.com/JohannesVarwick/status/1502359956162555906?s=20&t=Lfdlmx9r-KYGWY-jCc4ZpA
   DIR [3] https://twitter.com/HromadskeDE/status/1502427095447838725?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1502427095447838725%7Ctwgr%5E%7Ctwcon%5Es1_c10&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.welt.de%2Fpolitik%2Fausland%2Farticle237493497%2FKrieg-in-der-Ukraine-Buergermeister-der-Stadt-Melitopol-von-russischen-Soldaten-verschleppt.html
   DIR [4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-03/iwan-federow-russland-ukraine-krieg-entfuehrung-melitopol-interview
   DIR [5] https://twitter.com/avalaina/status/1503379318562504708?s=20&t=nR8gjf67JHu83vGd96cPTw
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Erica Zingher
       
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