URI:
       # taz.de -- Sprechen über Flucht: Wer flieht, hat Gründe
       
       > Eine sprachliche Unterscheidung zwischen Vertriebenen und Migranten steht
       > uns nicht zu. Solche Begriffe suggerieren Dringlichkeiten und schaffen
       > Kluften.
       
   IMG Bild: Kein Weiterkommen: Ein Junge an der belarussisch-polnischen Grenze im Dezember 2021
       
       In unserem Sprechen und Denken über Flucht taucht ein alter Begriff gerade
       wieder neu auf: die Vertriebenen. So spricht etwa die Bundespolizei
       inzwischen konsequent von Vertriebenen, wenn es um die Flüchtlinge aus der
       Ukraine geht. Ähnlich – allerdings weniger konsequent – Brandenburgs
       Innenminister Michael Stübgen (CDU). Sein Bundesland behelfe sich gerade
       [1][„mit pragmatischen Lösungen“ bei der „Unterbringung und Versorgung der
       Vertriebenen“], erklärte er Anfang März, als täglich mehr Menschen aus der
       Ukraine auch nach Brandenburg flohen.
       
       Dass nun von Vertriebenen die Rede ist, hat einen schädlichen Effekt. Es
       suggeriert einen Unterschied zwischen dieser Gruppe von Flüchtlingen und
       Flüchtlingen aus anderen Regionen. Damit entsteht eine tiefe Kluft. Es
       lässt die [2][Fluchtgründe jener anderen Gruppen, die andere Grenzen
       überwinden] (müssen), weniger dringlich erscheinen. Allen, die sich für
       eine grundsätzliche Gleichbehandlung geflüchteter Menschen einsetzen, muss
       das gegen den Strich gehen.
       
       Noch schärfer zutage tritt diese Kluft im Sprechen über die Menschen, die
       [3][seit dem vergangenen Herbst versuchen, über Belarus nach Polen und
       Deutschland zu kommen]. Viele mit dem Ziel, Asyl zu beantragen. Für sie
       setzte sich der Begriff Migranten durch – nicht nur [4][in Mitteilungen der
       Bundespolizei], sondern [5][zunehmend auch in den Medien]. Das Wort
       schwappte auch auf andere Gruppen über. „Migranten“ sind im öffentlichen
       Diskurs nun zunehmend auch die Menschen, die unter Todesgefahr über das
       Mittelmeer Richtung Europa fliehen.
       
       Wer von Flüchtlingen als Migranten spricht, entpolitisiert ihr Anliegen und
       lässt ihr Schutzbedürfnis als wenig berechtigt erscheinen. Wenn bei
       Vertriebenen ein Zwang hinter ihrem Schicksal angedeutet wird – wer
       „vertrieben“ wird, kann schließlich kaum etwas anderes tun, als seine
       Sachen zusammenzuraufen und zu fliehen –, dann lassen Begriffe wie Migrant
       und stärker noch der [6][besonders abwertende Begriff
       Wirtschaftsflüchtling] die Flucht als frei gewählt oder selbst verschuldet
       erscheinen. Doch das ist eine Bewertung, die uns hier im globalen Norden
       nicht zusteht.
       
       ## Massenzustromsrichtlinie spricht von „Vertriebenen“
       
       Ein zusätzlicher Effekt des Begriffs Vertriebene ist, dass er die als
       solche bezeichneten Flüchtlinge aus der Ukraine näher heranrückt an die
       deutsche Geschichte. Sie gehören zu einer Gruppe, mit der sich auch
       diejenigen gut identifizieren können, die ihre Großeltern oder Eltern als
       Vertriebene des Zweiten Weltkriegs sehen. Denn von rechtlicher Bedeutung
       war der Begriff Vertriebene bisher nur im Zusammenhang mit dem
       Bundesvertriebenengesetz von 1953. Es fasste unter Vertriebene deutsche
       „Staatsangehörige“ oder sogenannte „Volkszugehörige“, die ihren Wohnsitz im
       Zusammenhang mit den „Ereignissen des Zweiten Weltkriegs“ verloren hatten.
       
       Dass Flüchtlinge aus der Ukraine überhaupt einigen als Vertriebene gelten,
       hat einen rechtlichen Grund. In der am 3. März von der EU in Kraft
       gesetzten „Massenzustromsrichtlinie“, nach der Menschen aus der Ukraine nun
       in der EU aufgenommen werden, ist – in der deutschen Fassung – schon im
       ersten Artikel tatsächlich von „Vertriebenen aus Drittländern“ die Rede –
       und nicht etwa von Zugeströmten. So begründet auch die Bundespolizei ihre
       Verwendung dieses Begriffs.
       
       Trotzdem bleibt es problematisch. Solche juristischen Feinheiten bügeln wir
       auch sonst in der Alltagssprache und in den Medien oft glatt. Flüchtlinge
       dürften sich streng genommen nur die nennen, denen ein
       [7][Flüchtlingsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention] zugesprochen
       wurde – es wäre also ständig zu unterscheiden zwischen Geduldeten,
       Asylsuchenden und subsidiär Schutzberechtigten. Das passiert teils auch.
       Tatsächlich wird der Begriff Flüchtlinge aber viel breiter verwendet, als
       es rein juristisch gesehen angemessen wäre.
       
       So hat etwa auch die Flüchtlingshilfsorganisation [8][Pro Asyl 2016
       dargelegt, warum sie den Begriff Flüchtling bevorzugt] – auch im Vergleich
       zu Geflüchtete*r. Denn hier ginge es eben um einen Begriff, der die
       politische Dimension offenlege und der es den Gegnern der Flüchtlinge
       schwer mache, deren Anliegen abzuwerten.
       
       ## Alltagssprache ist ungenauer
       
       Vertriebene ist überdies nicht der einzige Begriff, mit in dem die
       Flüchtlinge aus der Ukraine sprachlich abgesetzt werden. Denn auffällig oft
       sind sie außerdem Kriegsflüchtlinge. So spricht etwa
       [9][Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD)] genauso wie die [10][Berliner
       Integrationssenatorin Katja Kipping (Linke)] von „Kriegsflüchtlingen“ aus
       der Ukraine, wenn sie ihre Anstrengungen schildern, sie auf die
       Bundesländer zu verteilen. Auch das wertet ihr Anliegen rein sprachlich
       gegenüber dem anderer Flüchtlinge auf.
       
       Im juristischen Kontext ist es berechtigt, je nach Status der Flüchtlinge
       auch begrifflich zu differenzieren. In unser Alltagssprache ist das nicht
       immer sinnvoll und sollte sich auch in den Medien nicht durchsetzen. Oft
       ist auch ein einmal vergebener Status nur zeitweise gültig. Entscheidungen
       des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge werden vor Gericht nicht
       selten korrigiert. So wird Menschen, die zunächst vielleicht nur geduldet
       waren, eine andere Schutzform zugesprochen. Wer aus der Ukraine nach
       Deutschland kommt, könnte hier theoretisch Asyl beantragen und wäre damit –
       rein rechtlich gesehen – ein*e Asylsuchende*r. Das zeigt, wie volatil die
       rechtliche Lage der Menschen ist, die alles hinter sich lassen, um ihr
       eigenes und das Leben ihrer Lieben zu retten.
       
       In der [11][englischen Fassung der Massenzustromsrichtlinie geht es
       übrigens um displaced persons] – ein Begriff, der international viel
       allgemeiner verwendet und der nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu der
       Gegenbegriff zu den Vertriebenen war. Selbst wenn Vertriebene aus
       rechtlicher Sicht passend wäre, werde ich diesen Begriff aus diesen Gründen
       nicht verwenden. Und es ist richtig, dass er bisher eher in Mitteilungen
       von Behörden auftaucht. In unsere Alltagssprache sollte er sich besser
       nicht einschleichen und im Sprechen der Medien sich nicht durchsetzen.
       
       Wer flieht, hat Gründe. [12][Darauf sollten wir uns einigen]. Es steht uns
       nicht zu, diese im Einzelnen oder pauschal zu bewerten. Und persönlich
       möchte ich mich solidarisch mit den [13][Menschen aus der Ukraine] zeigen
       und diejenigen, die von dort fliehen unterstützen können, ohne dafür andere
       Menschen und ihre Fluchtgründe abzuwerten.
       
       21 Mar 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://mik.brandenburg.de/mik/de/detail-pm-und-meldungen/~04-03-2022-ukrainekrieg#
   DIR [2] /Sterben-zwischen-Belarus-und-Polen/!5814280
   DIR [3] /Grenze-zwischen-Polen-und-Belarus/!5816565
   DIR [4] https://www.bundespolizei.de/Web/DE/04Aktuelles/01Meldungen/2021/10/staendige_aktualisierung_migrationslage.html
   DIR [5] https://www.youtube.com/watch?v=ugFlXymAPVE
   DIR [6] /Kommentar-Fluechtlingspolitik/!5020517
   DIR [7] https://glossar.neuemedienmacher.de/glossar/fluechtlinge/
   DIR [8] https://www.proasyl.de/hintergrund/sagt-man-jetzt-fluechtlinge-oder-gefluechtete/
   DIR [9] https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2022/02/eu-rat.html
   DIR [10] https://www.inforadio.de/rubriken/interviews/2022/03/14/katja-kapping-sozialsenatorin-gefluechtete-berlin-ukraine.html
   DIR [11] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/ALL/?uri=CELEX%3A32001L0055
   DIR [12] /Kommentar-EU-Fluechtlingspolitik/!5200489
   DIR [13] /Flucht-aus-Kiew-per-Bahn/!5837041
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Uta Schleiermacher
       
       ## TAGS
       
   DIR Vertriebene
   DIR Flüchtlinge
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schwerpunkt Flucht
   DIR GNS
   DIR Schwerpunkt Flucht
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Kolumne Der rote Faden
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Studie zu Bezeichnungen für Migranten: Flüchtlinge sind unerwünschter
       
       Macht es einen Unterschied für die Einstellungen gegenüber Migrant:innen,
       mit welchen Begriffen sie bezeichnet werden? Eine Studie hat das
       untersucht.
       
   DIR Eingreiftruppe der EU: Mehr Druck auf Russland
       
       Bei ihrer Konferenz in Brüssel rüsten die EU-Außen- und
       Verteidigungsminister*innen auch verbal auf. Doch einige Länder
       bremsen wieder.
       
   DIR Ukrainische Geflüchtete in Deutschland: Aus Leid wird Profit
       
       Wenn Menschen vor Krieg fliehen, sind Menschenhändler nicht weit.
       Innenministerin Faeser setzt nun auf mehr Polizei. Doch das reicht nicht
       aus.
       
   DIR Volle Gläser und große Reden: Der Krieg am Küchentisch
       
       Der Küchentisch unserer Autorin, ein ehemaliger Wirtshaustisch, hat schon
       viel gesehen. Dieser Tage erlebt er hitzige Debatten, Rachefantasien und
       Hilflosigkeit.
       
   DIR Flucht aus der Ukraine: Feldbetten als Notlösung
       
       Fast 200.000 Flüchtlinge aus der Ukraine hat Deutschland bisher erfasst.
       Die Registrierung läuft schleppend, Finanzfragen sind ungeklärt.
       
   DIR +++ Nachrichten zum Ukrainekrieg +++: Panne bei Live-Übertragung
       
       Während Putin vor Zehntausenden spricht, bricht die Fernsehübertragung ab –
       laut Kreml wegen technischer Probleme. Xi Jinping äußert Unmut über den
       Krieg.
       
   DIR Flucht nach Deutschland: Gegen Putin zu sein, lohnt sich
       
       Russ:innen, die in Deutschland Asyl beantragen, können als Geflüchtete
       anerkannt werden. Wer sich schon gegen Putin engagierte, hat es leichter.
       
   DIR Westeuropa und seine Grenzen: Ein widersprüchliches Selbstbild
       
       Europa unterscheidet in gute und böse Geflüchtete. Wäre der Kontinent so
       zivilisiert, wie man hier gerne behauptet, so wären alle gleichzubehandeln.
       
   DIR Europas Flüchtlingspolitik: Auf der Flucht sind nicht alle gleich
       
       Europa misst beim Umgang mit Geflüchteten mit zweierlei Maß. Die Ukrainer
       werden warmherzig empfangen – Menschen aus anderen Regionen nicht.