# taz.de -- Friedensbewegungen und die Ukraine: Keine Solidarität, nirgends
> Große Teile der Friedensbewegung geben ein groteskes Bild ab – die Rolle
> Russlands wird kleingeredet. Dabei wären Alternativen gerade jetzt nötig.
IMG Bild: Nach langem Schweigen: Friedensdemo bei der Sicherheitskonferenz in München
Wo ist eigentlich die Friedensbewegung? In Kommentaren und Tweets fiel
diese Fragen in den vergangenen Wochen immer wieder, rein rhetorisch
gemeint und formuliert meist von jenen, denen die Friedensbewegung schon
immer suspekt war. Der Subtext: Beim kleinsten Verdacht auf eine
imperialistische Aggression der USA stehe die Bewegung sofort auf den
Hinterbeinen. Beim russischen Imperialismus, der sich aktuell in der
[1][Bedrohung der Ukraine] offenbart, zucke sie aber nur mit den Schultern.
Am Wochenende hat sich die Friedensbewegung nach langem Schweigen dann
endlich auf der Straße gezeigt. Und was soll man sagen: Sie hätte es mal
lieber sein lassen. Ein Teil der Bewegung hat die vorweggenommene Kritik
auf groteske Weise bestätigt.
Bei Kundgebungen vor dem Brandenburger Tor am Freitag und auf dem Münchner
Marienplatz am Samstag führte diese Fraktion ein Revival des Jahres 2014
auf: Damals wie heute klammert sie sich im Konflikt um die Ukraine so fest
[2][an alte Feindbilder], dass daneben für die neue Realität kein Platz
bleibt. Die Münchner Demo anlässlich [3][der Sicherheitskonferenz] stand
unter dem Motto „Stoppt den Kriegskurs der Nato-Staaten“.
Weder im Titel noch in einer ergänzenden Erklärung zum Ukraine-Konflikt
benennt das Veranstalterbündnis die Rolle der russischen Regierung. Die
Linken-Abgeordnete Sevim Dağdelen, die auf beiden Kundgebungen auftrat,
konnte sich gerade mal zum knappen Eingeständnis durchringen, dass der
russische Truppenaufmarsch „vielleicht bedrohlich wirken kann“. Ansonsten
aber schob sie in ihren Redebeiträgen die komplette Verantwortung für die
aktuelle Eskalation auf Nato, USA, Kiew, die Medien und die
Fracking-Gas-Industrie.
## Schlichte Logik
Wer diesen Konflikt auch nur durch die Brille der Äquidistanz sehe, so
Dağdelen explizit, der spreche Washington und den Westen von „ihrer
Verantwortung und Schuld frei“. Auf den Feind meines Feindes darf ich
nichts kommen lassen – das ist die schlichte Logik dahinter.
Fatal ist das, weil die Friedensbewegung gerade jetzt gebraucht würde.
Konfliktzeiten bergen immer die Gefahr, dass das bellizistische Hurra den
kühlen Kopf verdrängt. Einwände und Zwischentöne sind in diesen Zeiten
nötig. Hinweise auf doppelte Standards des Westens, auf geopolitische
Fehler der Vergangenheit und auf zivile Mittel der Konfliktlösung dürfen
nicht fehlen.
Es gibt auch einen Teil der Friedensbewegung, der zu diesen Einwürfen in
der Lage ist, ohne die Aggression des Kremls auszublenden.
Teilnehmer*innen der Münchner Friedenskonferenz, die am Wochenende
parallel zur Siko stattfand, haben es durchaus geschafft, vom Podium aus
das russische Verhalten als illegitim zu bezeichnen.
## Solidarität mit Machteliten im Kreml
In der Aufmerksamkeitsökonomie sind solche differenzierten Positionen aber
immer unterlegen, solange nebenan obskure Demos stattfinden, auf denen wie
am Samstag Nordkorea-Flaggen neben Peace-Fähnchen wehen, auf denen in
Parolen die „internationale Solidarität“ beschworen wird, aber doch nur die
Solidarität mit den Machteliten im Kreml gemeint ist.
Wovon dort nichts zu sehen ist: Solidarität mit Menschen in Belarus und
[4][Kasachstan], deren prodemokratischen Proteste niedergeschlagen wurden.
Solidarität mit linken Akteuren in Mittelosteuropa, die sich vor der
russischen Politik fürchten. Solidarität mit der Bevölkerung der Ukraine,
die jederzeit mit einem flächendeckenden Angriff rechnen muss. Und
Solidarität mit den russischen Soldaten, die für Putins Machtphantasien
sterben müssen, falls der Konflikt eskaliert.
20 Feb 2022
## LINKS
DIR [1] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
DIR [2] https://www.kommunisten.de/rubriken/aus-den-bewegungen/8433-ukraine-krise-friedenspolitik-statt-kriegshysterie
DIR [3] /Muenchner-Sicherheitskonferenz-2022/!5836338
DIR [4] /Medien-in-Kasachstan/!5827820
## AUTOREN
DIR Tobias Schulze
## TAGS
DIR Nato
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR GNS
DIR Friedensbewegung
DIR Die Linke
DIR Russland
DIR Schwerpunkt Emmanuel Macron
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Afghanistan
DIR Gleichstellung
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Anti-Kriegs-Protest: Viele Gruppen, eine Bewegung?
Die Friedensbewegung galt als Putin-Versteherin. Den Ruf will sie nun
schleunigst loswerden.
DIR Konflikt um Ostukraine: Putin gibt Minsker Abkommen auf
Der Konflikt um die Ostukraine eskaliert weiter. Separatistenführer fordern
offizielle Anerkennung durch Russland.
DIR Separatistengebiete in der Ukraine: Putin schickt Truppen in die Ukraine
Der russische Präsident erkennt die Unabhängigkeit der Separatistengebiete
an. Zuvor hatte er die Ostukraine als historisch russisches Gebiet
bezeichnet.
DIR Ukrainer*innen in Berlin: Wachsende Sorgen und Ohnmacht
Hunderte Menschen demonstrierten am europäischen Tag der Solidarität mit
der Ukraine vor dem Brandenburger Tor. Die Sorge vor einer Eskalation
wächst.
DIR Afghanistan bei der Sicherheitskonferenz: Der Westen möchte gerne lernen
Sechs Monate nach dem Nato-Abzug aus Afghanistan will man in München nicht
über Vergangenes sprechen. Aktuelle Strategien gibt es aber auch nicht.
DIR Lunch am Rande der Sicherheitskonferenz: Geschlossene Gesellschaft
Anlässlich der Sicherheitskonferenz trafen sich in München 30 Manager zum
Business-Lunch im Bayerischen Hof. Nicht eine einzige Frau saß mit am
Tisch.
DIR Russland-Nato-Krise: Der Weg ist nicht das Ziel
Der Konflikt mit Russland kann nur dann dauerhaft gelöst werden, wenn der
Westen – anders als in Afghanistan – weiß, was er eigentlich erreichen
will.