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       # taz.de -- Umweltrassismus in Deutschland: Sinti-Siedlung neben Müllhalde
       
       > Umweltrassismus ist in Deutschland nahezu unerforscht. Eine Untersuchung
       > zeigt nun, wie verbreitet das Phänomen tatsächlich ist.
       
   IMG Bild: Unterkünfte für aus Deutschland abgeschobene Roma im „Camp Osterode“ im Kosovo, 2011
       
       Berlin taz | Roma-Siedlungen an Müllhalden, Bau von Giftmülldeponien in
       Vierteln mit hohem Schwarzem Bevölkerungsanteil, stärkere Betroffenheit von
       Menschen mit weniger Geld und Migrationshintergrund von Luftverschmutzung –
       Umweltrassismus hat viele Facetten. In einer Kurzstudie der
       Heinrich-Böll-Stiftung untersuchen Imeh Ituen und Tatu Hey Umweltrassismus
       in Deutschland. [1][Der Studien-Titel „Der Elefant im Raum“] ergibt Sinn:
       Umweltrassismus sei hierzulande „fast gänzlich unerforscht“, schreiben die
       Autorinnen.
       
       Herbert Heuß erinnert sich noch gut daran, wie er Anfang der 1980er Jahre
       ins hessische Bad Hersfeld kam: „Das war ein Skandal. Die Sinti-Siedlung
       lag am Fuß einer Müllhalde, die nicht abgedichtet war. Die Menschen hatten
       deswegen verschiedene Krankheiten“, erzählt der heutige wissenschaftliche
       Leiter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma der taz. „Besonders bei
       Regen war es eine große Schweinerei. Die Straße war voller Schlamm, sie war
       nicht geteert.“ Diese Siedlung sei dann auf eine Wiese neben einer Autobahn
       verlegt worden. „Es gab eine Sondergenehmigung, dass die Sozialwohnungen
       unter dem Standard gebaut werden durften: Betonwände ohne Verputz und
       Isolation, Ofen- statt Zentralheizung“, berichtet Heuß. „Dieser gnadenlose,
       extrem rassistische Umgang der Stadt macht mich bis heute sprachlos.“
       
       Bad Hersfeld ist damit nicht alleine: Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten
       Sinti und Roma in Freiburg am Rande des Rieselfeldes – also neben Abwässern
       leben. Auch in Darmstadt wurden Sinti*zza und Rom*nja 1985 an den
       Stadtrand verdrängt, neben einer Müllhalde und einer Kläranlage. 2004 wurde
       ihnen in Heidelberg ein von Chemieabfällen stark verunreinigtes Grundstück
       übereignet, im selben Jahr passierte in Hamburg Ähnliches.
       
       In den USA startete die Umweltgerechtigkeitsbewegung bereits in den 1980er
       Jahren eine Debatte über die rassistischen Effekte der ungleichen
       Verteilung von Umweltgütern und -risiken. Für von Rassismus betroffene
       Gruppen war damals die Wahrscheinlichkeit, in der Nähe von Gift- und
       Sondermülldeponien zu leben, fünfmal so hoch wie die anderer Menschen. Ihre
       Lebenserwartung ist heute noch niedriger aufgrund erhöhter
       Umweltbelastungen im Arbeits- und Wohnumfeld.
       
       ## Umweltrassismus in Europa weit verbreitet
       
       Immerhin habe sich seitdem die [2][Situation für Sinti*zza und Rom*nja
       in Deutschland] verbessert, sagt Zentralrats-Leiter Heuß. Nach wie vor lebe
       die [3][Minderheit] aber oft außerhalb der Städte. Manche
       Wohnungsbaugesellschaft habe sogar interne Regeln, sie nicht in ihre Häuser
       zu lassen.
       
       „Das ist ein Skandal, aber meist kein Umweltskandal“, sagt Heuß.
       Umweltrassismus gegen Sinti und Roma ist in Europa weit verbreitet. In
       Mitrovica im Kosovo leben sie neben einer Bleimine. Im rumänischen
       Cluj-Napoca wurden Roma zwangsumgesiedelt. Sie leben nun neben einer
       Müllhalde in Containern und selbst gebauten Hütten, berichtet Heuß.
       
       Nicht nur Sinti*zza und Rom*nja sind betroffen: Studien deuten darauf
       hin, dass Haushalte in Kassel mit niedrigerem sozioökonomischen Status und
       Migrationshintergrund stärker von Luftverschmutzung betroffen sind. Eine
       Hamburger Untersuchung zeigt, dass der Ausländer*innenanteil in einem
       Viertel am besten voraussagt, wie nah sich giftige Stoffe befinden. „Das
       ist schon perfide, wie marginalisierten Bevölkerungsgruppen Umweltrisiken
       systematisch und strukturell aufgebürdet werden“, sagt Studienautorin
       Ituen.
       
       ## Problem Hitze
       
       Die Klima- und die Coronakrise werfen nun ein neues Licht auf das Thema –
       und verstärken seine Effekte. „Die Klimakrise trifft nicht alle gleich,
       sondern verstärkt bestehende Ungleichheiten“, so Hey. Für die USA weisen
       das Studien bereits nach. Erste Erhebungen deuten darauf hin, dass das
       Klima auch in Deutschland zu mehr Umweltrassismus führt.
       
       Hitze ist ein Problem. Nach China und Indien hat Deutschland die meisten
       Hitzetoten. Statistiken aus Berlin zeigen, dass die Wärmebelastung in
       dichten Innenstadtgebieten wie Nord-Neukölln, Wedding/Gesundbrunnen, Moabit
       oder Kreuzberg-Nord besonders hoch ist. Hier leben viele Menschen mit
       Migrationshintergrund. Auch Corona wirkt sich aufgrund von Umweltrassismus
       stärker auf marginalisierte Menschen aus, wie Studien aus den USA und
       Großbritannien zeigen: Schwarze Menschen erkranken dort häufiger an
       Covid-19. Ursachen: ihre schlechteren Wohn- und Arbeitsbedingungen, die das
       Abstandhalten erschweren, aber auch Vorerkrankungen, die teilweise mit
       erhöhter Belastung durch Umweltverschmutzung zusammenhängen.
       
       „Ich war sehr überrascht, dass wir so wenige Studien zu Umweltrassismus in
       Deutschland fanden. Denn es gibt Berichte von deutschen Sinti und Roma
       bereits aus den 1980ern. Die haben aber kein Gehör gefunden“, so Ituen. Die
       beiden Forscherinnen erzählen, dass sich große deutsche Umweltverbände wie
       Greenpeace und BUND noch nicht mit Umweltrassismus auseinandergesetzt
       haben. „Das hat mich wahnsinnig schockiert“, sagt Ituen.
       
       Rassismus sei immer noch ein Tabuthema, in Deutschland werde soziale
       Gerechtigkeit bei Umweltthemen oft nicht mitgedacht, da die Natur
       unabhängig vom Menschen gesehen werde. „Diese künstliche Trennung erscheint
       nur für privilegierte Menschen sinnvoll. Man kann die Umwelt nicht
       zerstören, ohne Menschen zu zerstören“, betont Ituen.
       
       ## Verstoß gegen das Grundgesetz
       
       Umweltrassismus verstößt für die Autorinnen gegen Menschenrechte – und auch
       gegen das Grundgesetz, das die „Herstellung gleichwertiger
       Lebensverhältnisse“ garantiert. „Diese Rechte lassen sich nicht einlösen,
       wenn keine Daten vorliegen und sich keine Akteur*innen dafür einsetzen“,
       beklagt Hey. Politik, Zivilgesellschaft sowie Stadt- und Raumplanung fehle
       es auch an Daten, um Umweltrassismus anzugehen.
       
       Hey und Ituen fordern deshalb detailliertere Erhebungen zu migrantisierten
       und rassifizierten Menschen, um deren Lebensrealität greifbarer zu machen.
       „Die Verstrickungen müssen zusammengedacht werden“, sagt Hey. „Klima,
       Umwelt, Rassismus, Sexismus sind verflochten – nur so können wir etwas
       wirklich verändern.“
       
       Hinweis: Die Autorin ist Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung,
       war aber mit der besprochenen Untersuchung nicht befasst.
       
       10 Jan 2022
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.boell.de/sites/default/files/2021-12/E-Paper%20Der%20Elefant%20im%20Raum%20-%20Umweltrassismus%20in%20Deutschland%20Endf.pdf
   DIR [2] /Kampf-gegen-Antiziganismus/!5803476
   DIR [3] /Antiziganismus-Bericht-fuer-Deutschland/!5781261
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Mareike Andert
       
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