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       # taz.de -- Ministerium für Verkehr ohne Grüne: Verkehrswende? Fehlanzeige
       
       > Die Grünen verzichten zugunsten der FDP auf das Verkehrsministerium – ein
       > großer Fehler. Die Ampel startet mit einer schweren Hypothek.
       
   IMG Bild: Pop-up-Radweg in Berlin: Auch die Ampel dürfte in Sachen Mobilitätswende kaum vorankommen
       
       Das ist eine böse Überraschung: Nicht an die Grünen, sondern an die FDP
       geht das Verkehrsministerium. Ausgerechnet deren Generalsekretär Volker
       Wissing soll ein Schlüsselressort für den Kampf gegen die Klimakrise
       übernehmen. Es bedarf keiner prophetischen Gaben um abzusehen, was die
       bittere Konsequenz dieser Fehlentscheidung sein wird: Die dringend nötige
       Verkehrswende weg vom individuellen Autofahren wird in den kommenden vier
       Jahren nicht kommen.
       
       Die FDP war und ist die Freie-Fahrt-für-freie-Bürger:innen-Partei. Aufs
       E-Auto umzusteigen, das können die Liberalen gerade noch akzeptieren. Aber
       Vorschriften für Autofahrende zu verschärfen oder ihnen gar Privilegien zu
       nehmen, sicher nicht. Und für Mobilität jenseits des Autos und des
       Flugzeugs haben sie auch nicht viel übrig. Deswegen kommt es ihnen auch
       nicht in den Sinn, die absurden klimaschädlichen Kurzstreckenflüge
       wenigstens zu begrenzen. Und die Grünen machen's mit.
       
       Man hätte gewarnt sein können. Schon in den Sondierungsgesprächen hatten
       die Grünen auf die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen verzichtet –
       obwohl Robert Habeck im vergangenen Jahr eine
       [1][Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen zur
       Voraussetzung] einer Regierungsbeteiligung gemacht hatte. Jetzt stellt sich
       diese Abtretung als Menetekel für die Verkehrspolitik in den kommenden vier
       Jahren heraus.
       
       Denn der Verzicht auf das Verkehrsministerium wird keineswegs dadurch
       kompensiert, dass die Grünen [2][bei den Koalitionsverhandlungen so viel
       erreicht hätten] und dem Ressortchef ein volles Aufgabenheft mitgeben
       könnten. Im Gegenteil: Das Wort Verkehrswende kommt im Koalitionsvertrag
       nicht ein einziges Mal vor. Die Grünen begnügen sich mit einer
       Antriebswende vom Fahrzeug mit Diesel- oder Benzinmotor zum E-Auto. Das ist
       zu wenig.
       
       Es muss viel, viel mehr geschehen. Es müssen Pkws aus Städten
       zurückgedrängt und der öffentliche Raum neu verteilt werden. Das
       Fahrradfahren muss gefördert und die Infrastruktur dafür massiv ausgebaut
       werden. Einen enttäuschenden Absatz widmet der Koalitionsvertrag dem Rad,
       ohne ein einziges konkretes Projekt zu benennen. Besser lässt sich nicht
       dokumentieren, dass die Ampel nicht ehrgeiziger ist bei diesem Thema als
       der [3][bisherige CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer]. Möglicherweise
       bleibt sie sogar noch hinter ihm zurück.
       
       Die Grünen haben zwar erreicht, dass der bisherige Bundesverkehrswegeplan
       mit seinen teils aberwitzigen Projekten wie der Küstenautobahn A 20 auf den
       Prüfstand kommt. Umwelt- und Verkehrsverbände sollen dabei die Gelegenheit
       haben, ihre Bedenken vorzubringen. Das ist eine Chance – oder besser, das
       hätte eine Chance sein können. Denn, dass der FDP-Verkehrsminister diesen
       Prüfprozess konstruktiv in Gang bringt, darf bezweifelt werden.
       
       Besonders fatal: Die Grünen verzichten darauf, die Hoheit über die dringend
       erforderliche Rundumerneuerung der Deutschen Bahn zu bekommen. Ohne eine
       leistungsfähigere Bahn gibt es keine klimafreundliche Verkehrspolitik. Die
       FDP will eine Privatisierung der Deutschen Bahn, und die Politik des
       künftigen Verkehrsministers wird auf dieses Ziel ausgerichtet sein.
       
       Dabei leiden Kund:innen und Beschäftigte des Staatskonzerns noch heute
       unter den vielen Stilllegungen, Kürzungen und Servicewüsten, die Folge der
       letzten versuchten Bahnprivatisierung sind. Die Ampelkoalition startet mit
       einer schweren Hypothek.
       
       25 Nov 2021
       
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