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       # taz.de -- Neues Album von US-Poptalent Snail Mail: Teufel mit der süßen Stimme
       
       > Snail Mail nennt sich US-Sängerin Lindsay Jordan. Griffig bringt sie
       > Probleme des Heranwachsens in Songs, auch auf ihrem Album „Valentine“.
       
   IMG Bild: Nur der Künstlername wirkt langsam: Lindsay Jordan alias Snail Mail
       
       Wenn sich nach ziemlich genau einer Minute in „Valentine“, dem Auftaktsong
       des gleichnamigen neuen Albums von Snail Mail, Drums, Gitarren und Lindsay
       Jordans Gesang Bahn brechen, ist man plötzlich wieder 17. Als Verliebtsein
       noch bestimmte, ob sich die Erde am nächsten Tag weiterdreht.
       
       Als Lindsay Jordan 17 war, erschien ihre erste EP, der 2018, ein Jahr
       später, ihr Debütalbum „Lush“ folgte. „Valentine“ ist nun Jordans zweites
       Langwerk als Snail Mail und man hört ihrer Musik an, dass sie daran
       gewachsen ist.
       
       Nicht nur ist sie vier Jahre älter, auch das heimische Baltimore hat sie
       verlassen, die Schule beendet (für ihre ersten Konzerte musste sie sich
       noch freistellen lassen) und bewohnt nun ein Apartment in New York. Als
       inzwischen gefeierter Indie-Star mit ausverkauften Konzerttourneen hat sie
       einen großen Schritt für ihre Musikkarriere absolviert.
       
       ## Growing Up in Public
       
       Seit ihren ersten Veröffentlichungen schaut die Welt Lindsay Jordan beim
       Erwachsenwerden zu. Musikmagazine besuchen ihre erste eigene Wohnung und
       kommentieren, wo das Take-out-Essen vom Vorabend unterm Sofa versteckt
       liegt. Auch eine Erfahrung in der Entzugsklinik hat die 22-Jährige schon
       hinter sich. Liest man Interviews mit ihr, merkt man, wie viel Druck auf
       ihr lastet. Das zweite Album soll anders werden als das Debüt, ein Aufbruch
       sein und Entwicklung zeigen. Klar, wer findet mit 22 noch gut, was er oder
       sie mit 18 gemacht hat?
       
       Tatsächlich klingt Jordans Sound nun mutiger und abwechslungsreicher. So
       ist auf „Valentine“ Raum für Synthesizer, mit denen sie das Album auch
       komponiert hat. Zuvor galt: Immer wenn man es sich in ihrem mit klaren
       Koordinaten aus Drums und Gitarren abgesteckten Teenrock-Sound zu gemütlich
       gemacht hatte, brach ihr süßer, fast etwas nöliger Gesang plötzlich aus:
       Dann wurde Jordan laut und offenbarte ihre Sozialisation in den
       [1][Punk-Clubs von Baltimore und Washington D. C.]
       
       Auf „Valentine“ lauern die gleichen Gefahren, doch Jordan spaziert
       organischer darüber hinweg. Sie muss nicht schreien, sondern traut sich
       auch einfach mal, sich in ihrem Stimmumfang auszuruhen, oder singt leise,
       ohne gänzlich in das intime Hauchen einzutauchen, das viele
       Pop-Mainstream-Werke von [2][Billie Eilish] bis Lana del Rey aktuell
       bestimmt. In „Mia“ wagt sich Jordan an Streicher-Arrangements.
       
       ## Herzzerreißende Dramen
       
       Der Song „c. et al.“ wird von einer Akustikgitarre begleitet, in der
       schunkelnden Ballade „Forever (Sailing)“ mischt sich gar ein Stimmeffekt
       unter Jordans Gesang. Das eingängige „Ben Franklin“ beginnt mit einem
       groovigen Drumbeat sowie einem modulierten Bass und [3][lässt die
       Synthesizer] walten. Das Drama, das Snail Mail in ihrer Musik inkorporiert,
       ist allerdings nicht verschwunden. „I love really hard“, erklärt die
       Musikerin dem US-Magazin Pitchfork – Verliebtsein spielt sich offenbar in
       Extremen ab. „Why’d you wanna erase me, darling Valentine?“, heißt es auch
       im titelgebenden Song „Valentine“. „Das ist so herzzerreißend“, meint
       Jordan, „das musste der Titel werden.“
       
       Mit ihren Herzschmerz-Lyrics wird sie den Erwartungen ihrer Fans gerecht,
       zeigt aber trotzdem eine distanziertere Perspektive auf diese Gefühle. Es
       geht nicht mehr ums L(i)eben oder Sterben, sondern auch um das Danach: das
       Reflektieren und Wieder-zu-sich-Finden.
       
       „Sucker for the pain, huh, honey?“, singt Jordan im Refrain von „Ben
       Franklin“ (übrigens ein großartiger Ohrwurm) und mischt im Songtext das
       Trennungsthema mit ihren Erfahrungen beim Entzug. Während ihres 45-tägigen
       Klinik-Aufenthalts sind auch die ersten Songs für das Albums entstanden.
       Weil sie dort keine Musikinstrumente zur Verfügung hatte, hat sie die
       Stücke aus reiner Vorstellungskraft heraus auf Papier notiert.
       
       „Post rehab, I’ve been feeling so small“, singt sie nun. Und: „I’ve got the
       devil in me.“ Beeindruckend, dass sie sich traut, diese Dinge in ihren
       Songs zu sagen. Die Geschichte, die ihr Album aber erzählt, ist eine
       andere, und zwar die einer jungen Künstlerin, die sich traut, über
       Erwartungen hinwegzusteigen und sich dem Pop zu öffnen. Dies steht Snail
       Mail gut zu Gesicht.
       
       4 Nov 2021
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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