URI:
       # taz.de -- Neue Bundestagspräsidentin Bärbel Bas: Repräsentation ist noch keine Macht
       
       > Fast nur Frauen sind künftig im Bundestagspräsidium. Doch die Sonne der
       > Gleichberechtigung geht deshalb nicht auf überm Regierungsviertel.
       
   IMG Bild: Sie ist ein Aushängeschild im engeren Sinne: Bärbel Bas ist neue Bundestagspräsidentin
       
       Entschuldigen Sie die Störung, ich komme von der Abteilung „Wasser in den
       Wein“. Steht er noch vor Ihnen, der Kelch mit der Freude über das Feuerwerk
       des modernen Parlamentarismus, das wir mit der ersten Sitzung des neuen
       Bundestags diese Woche erleben durften?
       
       Einen „Festtag der Demokratie“ [1][machte der Deutschlandfunk daraus]. Das
       Echo in den Zeitungen tags drauf klang ebenso: Es tritt ein nigelnagelneues
       Parlament zusammen, es ist jünger, es ist diverser – und das Präsidium ist
       rein weiblich! Plus Wolfgang Kubicki, ja. Dessen Witze der kommenden vier
       Jahre darüber, wie er sich freut, bei der Arbeit stets von Frauen umgeben
       zu sein, haben wir alle jetzt schon im Ohr.
       
       Chefin des Bundestagspräsidiums aber, also Bundestagspräsidentin, [2][ist
       Bärbel Bas von der SPD]. Sie wurde diese Woche gehandelt als Zeugnis der
       gewandelten Kultur im Bundestag – weg vom wolfgangschäublischen
       Griesgramgrau der Großkoalitionäre. Und so diente Bärbel Bas als Beweis
       dafür, dass in der mutmaßlich anbrechenden rotgrüngelben Zeit eben nicht
       alle herausragenden Posten der Republik mit Männern besetzt werden, dass
       die SPD also diesen Fehler eben gerade nicht macht, sondern eine Frau fürs
       „zweithöchste deutsche Staatsamt“ präsentieren kann. Fortschritt ist
       möglich, hurra!
       
       Aber ich hatte ja Wasser in den Wein versprochen, hier kommt es: Das
       Bundestagspräsidium, so leid mir das tut, hat nichts zu sagen. Es ist eben
       nicht so, dass mit Bärbel Bas als Bundestagspräsidentin die Sonne der
       Gleichberechtigung überm Regierungsviertel aufgeht. Vielmehr hat die SPD
       auf den letzten Drücker eine Frau gefunden, die sie auf den unwichtigsten
       der Posten schieben kann, die sie nun zu vergeben hat.
       
       ## Punktgewinn statt Macht
       
       Bärbel Bas wird künftig bei Phoenix viel im Bild sein. In Sachen
       Repräsentativität ist das natürlich dann ein Punktgewinn – den übrigens die
       CDU mit der Vize-Bundestagspräsidentin Yvonne Magwas ebenfalls verbuchen
       darf ([3][wie Kollegin Sabine am Orde diese Woche kommentierte]). Nur ist
       Repräsentation eben noch keine Macht. Bärbel Bas’ Job ist es, nach striktem
       Plan das Wort zu erteilen und Ermahnungen wegen überzogener Redezeit
       auszusprechen.
       
       Die ganzen Rückbezüge auf Rita Süssmuth, die neben Annemarie Renger eine
       von zwei Vorfahrinnen auf dem Sessel war, waren deshalb auch unfreiwillig
       zwiespältig. Zur Erinnerung: Süssmuth wurde 1988 gegen ihren Willen
       Bundestagspräsidentin, und zwar weil Helmut Kohl sie nicht mehr im Kabinett
       haben wollte.
       
       Dass Süssmuth in dem Amt dennoch wirkte, einfach, weil sie da saß, ging auf
       ihre zuvor erworbenen Meriten als Frauenministerin und -rechtlerin zurück –
       ebenso wie Wolfgang Schäubles Einfluss bis diese Woche ein Restbestand
       seiner Zeit als CDU-Lenker und Minister war.
       
       Bärbel Bas mag sich in ihrer neuen Rolle natürlich entwickeln. Dann werden
       wir in vier Jahren bestimmt eine gute Rede über die Qualitäten des
       Parlamentarismus von ihr hören. Da geht den Hauptstadt-Analyst:innen ja
       immer das Herz auf.
       
       Bis dahin und zur Stunde aber ist Bas’ Funktion, weibliche Beteiligung
       darzustellen, ohne dass der Machtbetrieb gestört wird. Sie ist ein
       Aushängeschild im engeren Sinne: Hier sitzt eine Frau, damit auf allen
       wirklich interessanten Posten ein Mann sitzen kann.
       
       30 Oct 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.deutschlandfunk.de/machtwechsel-im-neuen-bundestag-ein-festtag-der-demokratie.720.de.html?dram%3Aarticle_id=504766
   DIR [2] /Neuer-Bundestag/!5811360
   DIR [3] /Frauen-in-der-CDU/!5807378
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ulrike Winkelmann
       
       ## TAGS
       
   DIR Kolumne Ernsthaft?
   DIR Bärbel Bas
   DIR Bundestag
   DIR Gleichberechtigung
   DIR CDU
   DIR Kolumne Ernsthaft?
   DIR Kolumne Ernsthaft?
   DIR CDU
   DIR Schwerpunkt Bundestagswahl 2025
   DIR Bundestag
   DIR Ampel-Koalition
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Rita Süssmuth über Courage in der Krise: „Wir haben zu wenig Mitgefühl“
       
       Die ehemalige CDU-Politikerin Rita Süssmuth hat in Kohls Kanzlerschaft
       wichtige Ämter bekleidet. Ein Gespräch darüber, wie man handlungsfähig
       bleibt.
       
   DIR CDU in der Opposition: Ein milder Merz als Pausenmelodie
       
       Am Wochenende wählt die CDU beim digitalen Parteitag ihren neuen Chef. Noch
       ist unklar, von welcher Seite Friedrich Merz die Regierung angreifen will.
       
   DIR Differenzen mit Freunden und Familie: Die Dämonen abschütteln
       
       Ob astrologischer Aberglaube oder homöopathische Begeisterung: Früher
       konnten wir Freunden allerlei Schrullen verzeihen. Jetzt aber gehts ums
       Ganze.
       
   DIR Krisenkonferenz der CDU: Die neue Lust auf Streit
       
       Wird der nächste CDU-Chef über eine Mitgliederbefragung bestimmt? In
       Baden-Württemberg will man erst mal über Inhalte reden.
       
   DIR Neuer Bundestag: Alte und neue Gesichter
       
       In seiner ersten Sitzung wählt das Parlament die SPDlerin Bärbel Bas zur
       Präsidentin. Sie bekommt vier Stellvertreterinnen – und Wolfgang Kubicki.
       
   DIR Zusammensetzung des neuen Bundestags: Jünger, weiblicher, akademischer
       
       Mit 735 Abgeordneten ist der neue Bundestag größer als je zuvor. Er ist
       auch ein wenig weiblicher und etwas migrantischer.
       
   DIR Frauenpolitik der SPD: Die Hälfte der Macht den Frauen
       
       Noch ist Parität im neuen Kabinett nicht sicher. Das Wort Quote taucht im
       Sondierungspapier gar nicht erst auf.