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       # taz.de -- ÖPNV auf dem Land: Im Kuhdorf abgehängt
       
       > Mit Bus und Bahn kann nicht jeder fahren. 99 Prozent aller Dorfbewohner
       > haben keinen vernünftigen Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr.
       
   IMG Bild: Was nützen Haltestellen, wenn kein Bus kommt?
       
       Landeier lieben ihren Golf, den sie jeden Samstag abschäumen, polieren,
       dabei die Motorwäsche nicht vergessen und stets auch daran denken, die
       silbern glänzenden Felgen abzutrocknen. Landeier fahren jeden, wirklich
       jeden Weg mit ihrem Kraftfahrzeug. Sie sind seit ihrer Schulzeit in keinen
       Bus mehr gestiegen und hassen Bahnhöfe, soweit ihnen überhaupt bekannt ist,
       was das ist. Sie haben wahlweise Benzin oder Diesel im Blut. Deshalb
       verpesten Landeier die Umwelt und beschleunigen den Klimawandel.
       
       Die Wahrheit aber ist: Die allermeisten Dorfbewohner in Deutschland können
       gar nicht anders.
       
       Diese Diagnose war bisher nur ein Gefühl, begründet durch [1][ellenlanges
       Herumstehen an ländlichen Bushaltestellen] und verzweifeltes Warten auf
       eine Regionalbahn. Nun ist dieses Gefühl wissenschaftlich untermauert. Eine
       Studie der Bahn-Tochter ioki kommt nun zu dem Schluss, dass rund 55
       Millionen Menschen, also eine deutliche Mehrheit, vom öffentlichen
       Personennahverkehr mehr oder weniger abgehängt sind.
       
       Von Grundversorgung träumen 
       
       Dabei sind die Ausgangsbedingungen gar nicht so schlecht. Denn 93,5 Prozent
       aller in der Bundesrepublik lebenden Personen wohnen so, dass die nächste
       Haltestelle fußläufig entfernt liegt, was die Studie mit einer Entfernung
       von maximal 600 Metern definiert. Nur: [2][Das dichte Netz an Haltestellen
       hilft nichts, wenn diese viel zu selten bedient werden]. Als ausreichend
       betrachtet die Studie dabei eine Abfahrt pro Stunde zwischen 6 und 21 Uhr,
       also eine Verkehrsfrequenz, die Großstädter wohl als absolut unerträglich
       betrachten würden. Das Land aber bleibt davon weit entfernt: Mehr als ein
       Drittel der dort lebenden Menschen kann von so einer Grundversorgung nur
       träumen.
       
       Aber auch wenn ein Bus tatsächlich fährt, heißt das noch lange nicht, dass
       man in einem erträglichen Zeitraum auch am gewünschten Zielort ankommt. Die
       Studienmacher haben beim Vergleich zwischen Pkw und öffentlichem Nahverkehr
       sehr freundlich gerechnet. Selbst wenn man mit Bus oder Bahn doppelt so
       lange unterwegs ist wie mit dem eigenen Wagen, die Fahrt sich aber
       insgesamt nur um maximal zehn Minuten verlängert, wird dies noch für
       „akzeptabel“ erklärt. Das Ergebnis bleibt dennoch vernichtend: „In
       dörflichen Räumen von ländlichen Regionen stehen für 99 Prozent der
       Personen keine akzeptablen ÖV-Verbindungen zur Verfügung, um die
       werktägliche Mobilität zu bewerkstelligen“, heißt es. Man möchte gar nicht
       wissen, wie es am Wochenende zugeht.
       
       Wir hatten so etwas schon geahnt. Aber es bleibt ein vernichtendes Resultat
       für ein Land, dessen kommende Regierung mit dem Ziel antreten will,
       wirklich wirksame Maßnahmen gegen den Klimawandel einzuleiten. Zumal auf
       dem Dorf hinzukommt, dass auch die Anschaffung eines E-Autos Probleme
       bereitet, weil sich dort nur in den seltensten Fällen Ladesäulen finden.
       Die Studie der Bahn hat sich zudem die Mühe gemacht, auch alternative
       Verkehrsmittel vom E-Scooter über Leihräder bis zu Car-Sharing zu
       berücksichtigen, ein Angebot, das in urbanen Zentren ganz
       selbstverständlich ist. In ländlichen Regionen dagegen beträgt die
       entsprechende Dichte niederschmetternde 0,1 Fahrzeuge auf 1.000 Einwohner,
       ist also praktisch nicht vorhanden.
       
       Steigende Benzinkosten 
       
       An diesem Punkt angekommen könnten sich Landeier nun in ihr Schicksal
       fügen, den Golf besteigen und über die steigenden Treibstoffkosten fluchen.
       Wer bitte sollte einen halbstündigen Busverkehr zwischen Dietldorf und
       Burglengenfeld finanzieren? Aber es gebe, so verspricht zumindest die
       Studie, da einen Ausweg.
       
       Der lautet Ruf-Sammeltaxi, das bei Bedarf vor Ort losfährt und den
       Reisenden bis zur nächsten Bahn- oder Busstation bringt. Dazu muss man
       sagen, dass es so etwas schon länger gibt. Kleinbusse oder Taxen fahren in
       die nächste Kreisstadt. Allerdings sind solche Angebote bis dato nur mit
       der Lupe zu finden.
       
       Wie schön wäre es, wenn solch ein Service bundesweit fahren würde? Wenn
       damit auch noch gähnend leere Großbusse, deren Ökobilanz miserabel
       ausfällt, eingespart werden könnten? Wenn die Oma nicht mehr zwei Stunden
       warten muss, bis der Enkel vom Job kommt und sie zur Schwester kutschieren
       kann? Wenn schließlich der Golf-Fahrer keine Felgen mehr polieren will?
       
       Ein Traum. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.
       
       28 Oct 2021
       
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