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       # taz.de -- Mögliche Ausgrenzung einer Boxerin: Schlag auf Schlag
       
       > Sarah Scheurich soll nicht mehr für Deutschland boxen. Sie sagt: weil sie
       > kritisch ist. Der Verband entgegnet, Grund sei die stagnierende Leistung.
       
   IMG Bild: Kämpft mit allen Kräften um ihre Karriere: Scheurich bei einem Auftritt im März in Köln
       
       Sarah Scheurich hat schon große Boxkämpfe gewonnen. Doch der Kampf, in dem
       sie sich momentan immer noch wähnt, ist für sie kaum zu gewinnen. „Ich kann
       jede Unterstützung brauchen“, sagt sie. Ihr Gegner ist ihr Verband.
       Genauer: der Deutsche Boxsport-Verband (DBV). Und es geht um ungemein viel
       für die amtierende deutsche Meisterin im Mittelgewicht. Ihre internationale
       Boxkarriere droht das vorzeitige Ende.
       
       Der DBV hat sie bereits im Frühjahr aus dem Perspektivkader gestrichen.
       „Weil ich sage, was ich denke. Weil ich mir auch vom Verband nicht mein
       Recht auf Meinungsfreiheit einschränken lasse. Das so etwas möglich ist,
       ist peinlich für Deutschland“, erklärt Scheurich. Wegen mangelnder
       internationaler Perspektiven in ihrer Gewichtsklasse und stagnierender
       Leistungen sei das geschehen, erklärt Sportdirektor Michael Müller.
       
       Sie wird in diesem Olympiazyklus nicht für Deutschland boxen. Anfang diesen
       Monats ist dieser Beschluss in Kraft getreten. Statt am Bundesstützpunkt
       trainiert die 28-Jährige derzeit überwiegend auf einem Dachboden in
       Hannover. Ende des Jahres läuft ihre Anstellung als Sportsoldatin aus. 75
       Prozent ihres Gehalts bekommt sie noch drei weitere Jahre.
       
       Wer diese Auseinandersetzung jetzt für einen gewöhnlichen Konflikt hält,
       wie er nun mal zwischen Sportler:innen und Verbänden vorkommen kann, der
       kennt Sarah Scheurich und den Deutschen Boxsport-Verband nicht. Anfang
       August [1][hat Scheurich in einem aufsehenerregenden offenen Brief]
       Missstände im deutschen olympischen Boxen angeprangert: die Einschränkung
       der Meinungsfreiheit, leistungs- und frauenfeindliche Strukturen,
       sexualisierte Gewalt, Mobbing und das willkürliche Beenden von Karrieren.
       
       ## Konfliktstoff im Bundestag
       
       Sechs ehemalige Boxer:innen haben die Anklageschrift unterzeichnet. Die
       Bundesregierung hat vor zweieinhalb Wochen einen Fragenkatalog der FDP dazu
       beantwortet. Der Konflikt mit all seinen Begleitumständen wird also schon
       im deutschen Parlament verhandelt.
       
       In Opposition zu ihrem Verband ist die EM-Bronzemedaillengewinnerin von
       2018 indes schon getreten, als sie sportlich unangreifbar war. [2][Nachdem
       eine Boxkollegin 2017 einen Trainer wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt
       hatte], rief Scheurich die Kampagne „Coach don’t touch me“ mit ins Leben,
       um darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um keinen Einzelfall handele
       und der DBV sich nicht ernsthaft um den Schutz seiner Sportler:innen
       kümmere. Beim DBV reagierte man damals reichlich genervt auf Anfragen zu
       diesem Thema.
       
       Deutlich genervter reagierte man allerdings, als Scheurich dem DBV letztes
       Jahr vorwarf, die Coronainfektionen des fast kompletten Boxteams beim
       Trainingslager im österreichischen Längenfeld im August 2020 bewusst in
       Kauf genommen zu haben. Dies grenze schon an fahrlässiger Körperverletzung,
       befand die Boxerin.
       
       Insbesondere die Bündelung der Vorwürfe im bereits erwähnten offenen Brief
       Scheurichs bringen den Sportdirektor Michael Müller auf die Palme. Großes
       Lob vom Bundesministerium des Inneren (BMI) und dem Deutschen Olympischen
       Sportbund (DOSB) habe man dafür erhalten, wie man die Missbrauchsvorwürfe
       im letzten Jahr am Heidelberger Bundesstützpunkt aufgearbeitet habe.
       Scheurich könne nicht so tun, als ob sich da nichts getan hätte. Das BMI
       und der DOSB hätten auch nach Untersuchungen den Verband von dem Vorwurf
       des fahrlässigen Verhaltens beim Trainingslager in Österreich
       freigesprochen.
       
       ## Kosten des Aufbegehrens
       
       Müller schimpft: „Nun wirft uns Frau Scheurich auch noch vor,
       undemokratisch zu sein. Was kommt als Nächstes? Das Maß ist jetzt voll. Für
       uns ist das ein Thema, das man jetzt beenden muss. Es geht darum Schaden
       für das olympische Boxen abzuwenden. Sponsorenverträge stehen auf dem
       Spiel. Wir haben hervorragende Medienanwälte beauftragt, die Angelegenheit
       zu prüfen.“
       
       Scheurich hat man das schon wissen lassen. Es bestätigt sie in ihrem
       Gefühl, dass man als Sportler oder Sportlerin in diesem Verband ein sehr
       breites Kreuz haben muss, um aufzubegehren. Sie sagt: „Allein was mir da
       theoretisch an Gerichtskosten droht. Wie sollten das junge Leute
       aushalten?“ Es ist nachvollziehbar, dass sie ihre Ausbootung als eine
       politisch motivierte liest.
       
       Die Erzählungen beider Seiten könnte gegensätzlicher nicht sein, und wenn
       die Wahrheit sprichwörtlich immer irgendwo in der Mitte liegen soll, fehlt
       einem doch die Fantasie, wo diese Mitte denn sein könnte. Zum
       Corona-Trainingslager sagt Scheurich, das BMI habe bei seinen
       Untersuchungen die Athleten gar nicht befragt. Sie habe im Kraftraum
       zusammen mit anderen Hotelgästen trainieren müssen und habe Fotos, um das
       zu beweisen. Müller sagt, er wäre nicht vor Ort gewesen, könne sich das
       aber nicht vorstellen. Er habe jedoch gehört, dass Scheurich nach ihrer
       Ankunft gleich in die Hotelsauna gegangen sei.
       
       [3][Der offene Brief, den der DBV als Antwort] auf ihren offenen Brief
       verfasst habe, sei voller Unwahrheiten, sagt Scheurich. Es stimme nicht,
       dass sie nicht in der Lage gewesen wäre, den kompletten Trainingszyklus zu
       absolvieren. Sie schere nur ab und an aus den Aufwärmübungen aus, weil sie
       als erfahrene Profisportlerin mittlerweile ihr eigenes bewährtes Programm
       habe. Müller sagt, Scheurich hätte neunminütige Partnerübungen bereits nach
       drei Minuten abgebrochen und weinend in der Halle gesessen.
       
       ## Einstimmiger Beschluss
       
       Dass unter anderem ein Leistungsdiagnostiker ihre Herausnahme aus dem Kader
       empfohlen haben soll, amüsiert Scheurich. Im letzten Jahr habe es nur eine
       Leistungsdiagnostik gegeben und dabei seien ihre Werte wie zu den Zeiten
       gewesen, als man sie noch für tauglich befunden hätte. Müller entgegnet,
       ein Team aus zwölf Fachleuten, das alle Boxerinnen und Boxer auf ihre
       weitere Förderung hin bewerte, sei einstimmig zum gleichen Schluss
       gekommen. In den letzten anderthalb Jahren habe Scheurich keinen Wettkampf
       auf Weltniveau gewonnen. [4][Die internen Olympiaausscheidungskämpfe gegen
       Christine Hammer] habe sie deutlich verloren und sich boxtechnisch nicht
       weiterentwickelt.
       
       Das Expertenteam habe zudem enorme Konzentrationsprobleme wegen ihrer
       Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktiviätsstörung (ADHS)
       festgestellt, mit der Scheurich ja offen umgehe. Letzteres ist kein neues
       Phänomen, und die Betroffene sagt, eine Neueinstellung der Medikamente
       zuletzt habe ihr sehr geholfen. Sie könne wieder besser trainieren.
       
       Es geht Schlag auf Schlag in dieser Auseinandersetzung. Jeder Anwurf wird
       sofort gekontert. Und natürlich ist es ein ungleiches Duell. Der Verband
       sitzt am längeren Hebel. Die Nachteile versuchen Scheurich und ihr
       Unterstützerteam mit möglichst großem Einsatz wettzumachen, der wie erwähnt
       bereits bis zum Bundestag geführt hat. Von der noch amtierenden
       Sportausschusssitzenden Dagmar Freitag (SPD) ist die Boxerin schwer
       enttäuscht. „Sie fordert immer den mündigen Athleten. Da dreht sich mir der
       Magen um.“ Auf eine Anfrage hin habe sie sich nicht positioniert.
       
       Rainer Proch, Scheurichs Vater, schreibt: „Mittlerweile sind wir bei ihren
       meisten Social-Media-Kanälen gesperrt.“ Freitag sagt, sie hätte in einer
       schriftlichen Antwort ausführlich dargelegt, dass die Mitglieder des
       Sportausschusses keinen Einfluss auf die Entscheidung hätten, ob ein
       Verband jemanden aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr herausnehme. Herr
       Proch habe ihr via Social Media vorgeworfen, die Karriere seiner Tochter
       zerstört zu haben. „Beschimpfen lassen muss ich mich auf einem privaten
       Account nicht.“
       
       ## Immer weiter in den Sumpf
       
       Im Lager Scheurich scheint ein Verzweiflungsgrad erreicht zu sein, welcher
       der eigenen Sache nicht unbedingt dienlich ist. Beim DBV berichtet man
       ebenfalls von Beschimpfungen via Mails. Michael Müller sagt: „Meinem
       Eindruck nach ist Sarah Scheurich eine Getriebene ihres Umfelds.“ Ihr
       Anwalt, Horst-Peter Strickrodt, sei für ein halbes Jahr sein Vorgänger als
       Sportdirektor beim DBV gewesen und betreibe einen persönlichen
       Rachefeldzug. Und Manfred Schumann, der ebenfalls Scheurich unterstütze,
       habe den niedersächsischen Boxverband als Präsident verschuldet verlassen
       und sei bis heute nicht entlastet.
       
       Vermutlich hätten die beiden Herren zu diesen Geschichten auch noch einiges
       zu erzählen. Je weiter man sich in dieser Geschichte fortbewegt, desto
       sumpfiger wird der Boden.
       
       Sarah Scheurich will wiederum nicht für das Handeln anderer Menschen zur
       Verantwortung gezogen werden. Sie möchte als Mensch und Boxerin ernst
       genommen werden. Und sie betrachtet sich nicht als Einzelkämpferin: „Unter
       der Hand sagen viele Boxerinnen, dass sie gut und vorbildhaft finden, wie
       ich mich verhalte.“
       
       Im Deutschen Boxsport-Verband wird sie allerdings vor allem als
       Systemsprengerin wahrgenommen. Holger Stitz, der Leistungsdirektor am
       Bundesstützpunkt Hannover ist, wo Scheurich bis zuletzt trainierte,
       erzählt, ihre Mitbewohnerin in Hannover fange jetzt auch schon an, bei
       Trainingseinheiten aus Übungen auszuscheren. „Ich mag Sarah Scheurich. Sie
       ist ein toller Mensch“, sagt Stitz. [5][Am größeren Engagement des DBV
       gegen sexualisierte Gewalt in den letzten Jahren habe Scheurich einen
       großen Antei]l.
       
       Im Boxring müsse sie aber trotz ihrer Erfahrung die Bereitschaft
       mitbringen, sich auf ihre Trainer und neue Dinge einzulassen, um wieder zu
       alter Leistungsstärke zurückzufinden. Er empfiehlt ihr den Wechsel zum
       belgischen oder luxemburgischen Verband. „Die würden sie mit Kusshand
       nehmen.“ Er steht hinter dem Beschluss des DBV. Als Leistungsstützpunkt sei
       man auf die Unterstützung des Gesamtverbands angewiesen und könne nicht
       gegen diesen arbeiten.
       
       Sportdirektor Michael Müller glaubt nicht mehr an eine Versöhnung und an
       die Möglichkeit, dass Scheurich noch einmal zu ihrer sportlichen Stärke
       unter dem Dach des DBV zurückkehrt. Er wirbt um Verständnis für den
       Verband: „Am Ende sind das auch alles Menschen.“ Vielleicht ist das gerade
       auch das Problem.
       
       9 Oct 2021
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.boxen1.com/offener-brief-das-deutsche-olympische-boxen-am-scheideweg-56350/
   DIR [2] /Sexueller-Missbrauch-im-Boxsport/!5544297
   DIR [3] https://box-sport.de/news/offener-brief-dbv-reagiert-scheurich-kritik
   DIR [4] /Boxprofi-ueber-Olympiavorbereitung/!5752451
   DIR [5] /Kolumne-Pressschlag/!5505274
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Johannes Kopp
       
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