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       # taz.de -- Kulturaktivist über Demos in Kuba: „Ein Clan kontrolliert Kuba“
       
       > Yunior García Aguilera hatte einen „friedlichen Marsch für den Wandel“ in
       > Kuba angemeldet. Der wurde verboten. Was bedeutet das?
       
   IMG Bild: Havannas beste Fahnenschwinger: Präsident Miguel Diaz-Canel und Raul Castro, Juli 2021
       
       taz: Herr García Aguilera, am 12. Oktober wurde die erste friedliche
       [1][regierungskritische Demonstration] in Kuba verboten. Was bedeutet das
       für die Organisatoren des „friedlichen Marschs für den Wandel“? 
       
       Yunior García Aguilera: In 62 Jahren kubanischer Revolution wurde nie eine
       regierungskritische Demonstration in Kuba erlaubt. Das steht im Widerspruch
       zur Aussage des Präsidenten des höchsten kubanischen Gerichts, der nach den
       [2][Protesten vom 11. Juli] öffentlich behauptet hatte, dass es in Kuba ein
       Demonstrationsrecht und das Recht auf eine eigene Meinung gebe. Das Verbot
       zerstört den Mythos vom kubanischen Rechtsstaat, der durch die 2019
       verabschiedete moderne [3][Verfassung] aufgekommen war. Es zeigt einmal
       mehr die Strukturen der Macht: in Kuba herrscht eine Diktatur.
       
       Die Behörden begründen ihr Verbot damit, dass Organisationen, die von den
       USA finanziert werden, sich unter den Organisatoren des „friedlichen
       Marsches“ befänden. Zudem wird auf den Artikel 4 der Verfassung verwiesen,
       der das sozialistische System auf der Insel festschreibt. 
       
       Das ist eine diffamierende und manipulierende Argumentation. In unserem
       Antrag ist nirgendwo die Rede davon, dass wir das sozialistische System
       infrage stellen. Wir suchen nach zivilen, demokratischen Wegen, um unsere
       Konflikte zu lösen, fordern die Freilassung aller politischen Gefangenen
       und das Respektieren der Grundrechte. Der Vorwurf, dass wir Verbindungen in
       die USA haben, von dort finanziert werden, ist absolut falsch. Wir agieren
       vollkommen autonom, wehren uns gegen jegliche Einmischung von außen. Kubas
       Zukunft geht allein die kubanische Bevölkerung etwas an: die auf der Insel
       und die im Exil.
       
       Im Fernsehen und in den offiziellen Medien Kubas scheint eine Kampagne
       gegen Sie anzulaufen, richtig? 
       
       Das ist ein typisches Vorgehen der Verantwortlichen: sie diskreditieren,
       diffamieren, manipulieren Informationen und setzen auch bewusste
       Falschdarstellungen in Umlauf. Noch schlimmer ist allerdings, dass sie uns
       von der Kommunikation abschneiden, sodass wir uns nicht wehren können. Ich
       und meine Familie haben derzeit keinen Internetzugang und kein Telefon.
       Dieses Interview kann ich nur geben, weil ein Freund mir sein Telefon zur
       Verfügung gestellt hat.
       
       Ende September musste der kritische Künstler [4][Hamlet Lavastida]
       gemeinsam mit seiner Freundin, der Schriftstellerin Katherine Bisquet, Kuba
       in Richtung Polen verlassen. Gefängnis oder Ausbürgerung lautete das
       Angebot der Sicherheitsbehörden laut Bisquet. Wie bewerten Sie das? 
       
       Für mich ist die Ausweisung der beiden ein Zeichen der Schwäche. Welches
       Risiko geht von einem einzelnen kritischen Künstler, der mit seinem sehr
       politischen Werk bewusst provoziert, für das ganze System aus? Hamlet
       Lavastida hat keine Armee hinter sich, keine politische Partei. Wie kommt
       es, dass ein Regime, das die Gerichte, die Armee, die Ordnungskräfte, die
       Institutionen kontrolliert, so viel Angst vor einem einzelnen Künstler hat?
       Offenbar weiß das Regime, dass es den Rückhalt großer Teile der Bevölkerung
       verloren hat.
       
       Droht auch Ihnen die Ausbürgerung? 
       
       Das weiß ich nicht. Ich weiß, dass ich mich schützen muss, und dazu gehört,
       dass ich schon Tage vor dem friedlichen Marsch abtauchen muss, um nicht
       unter Hausarrest gestellt zu werden. Zudem bin ich mir sicher, dass ich am
       15. November im Gefängnis landen werde und dass es im Anschluss zu einem
       Prozess kommen könnte. Sollte es so sein, werde ich nichts, aber auch gar
       nichts sagen. Warum? Weil ich mir sicher bin, dass es in Kuba keine
       unabhängige Justiz gibt. Kurz: Mein Urteil wird bereits vor meiner
       Verhaftung feststehen. Auf all das ist meine Familie vorbereitet. Wir
       wissen, dass die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung in Kuba einen
       Preis hat.
       
       Woher kommt diese Konsequenz? 
       
       Ich bin am 11. Juli mit Gleichgesinnten zum Rundfunkinstitut gegangen und
       habe um Sendezeit gebeten. Unser Ziel war es, nach den ersten Protesten in
       San Antonio de los Baños die zu erwartenden gewalttätigen Konflikte zu
       verhindern – mit einem Appell in Radio und Fernsehen. Doch wir wurden
       festgenommen, wie Müll auf einen Lastwagen der Stadtreinigung geworfen und
       in eine Polizeistation gekarrt. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder
       den Mund aufgemacht, den Dialog gesucht, kein Blatt vor den Mund genommen
       und mich engagiert. Geändert hat sich nichts. Also versuchen wir jetzt,
       unsere in der Verfassung fixierten demokratischen Rechte durchzusetzen.
       Dazu gehört das Recht zu demonstrieren.
       
       Bisher ist immer gegen eine Wand gelaufen, wer Rechte eingefordert hat:
       [5][Oswaldo Payá] 2001 mit dem Versuch, ein Referendum über die politische
       Zukunft der Insel zu initiieren, ist ein Beispiel; die Petition der Gruppe
       27N zur Absetzung von Kulturminister Alpidio Alonso im Februar 2021 ein
       anderes. Wird sich die Geschichte wiederholen? 
       
       Wir sind Teil der kubanischen Gesellschaft, haben das Recht, die Zukunft
       der Insel mitzugestalten. Das fordere ich ein – auch für mein eigenes Kind.
       Ich will nicht, dass es in zehn, fünfzehn Jahren auf eine totalitäre
       Regierung trifft, die es nicht ernst nimmt, mit Gewalt auf einen Müllwagen
       wirft und ins Gefängnis transportiert. Nur weil es anders denkt. Dieser
       Teufelskreis muss endlich durchbrochen werden.
       
       Welche Rolle spielt dabei die internationale Aufmerksamkeit? 
       
       Kuba braucht die Scheinwerfer der internationalen Medien, weil zu viele
       Halbwahrheiten und zu viele extreme Positionen kursieren. Kuba ist weder
       das Paradies, das die internationale Linke in uns sah, noch die absolute
       Hölle, als die die Rechten uns darstellten. In Kuba regiert heute ein
       staatsmonopolistischer Kapitalismus, die Insel erinnert an die Privatfarm
       eines Clans. Dieser Clan kontrolliert Kuba seit 62 Jahren und will diese
       Kontrolle auf Biegen und Brechen verteidigen.
       
       28 Oct 2021
       
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