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       # taz.de -- Autor Sergio Ramírez über Nicaragua: „Es herrscht die nackte Angst“
       
       > In Nicaragua wird die Luft für Oppositionelle und Künstler immer dünner.
       > Der frühere Vizepräsident und Schriftsteller Sergio Ramírez über das
       > Regime Ortega und sein Exil.
       
   IMG Bild: Der nicaraguanische Autor Sergio Ramírez bei der Vorstellung seines neuen Buches in Madrid am 14. 9
       
       taz: Herr Ramírez, Sie mussten jetzt zum zweiten Mal ins Exil gehen. 1977,
       noch unter der alten, der Somoza-Diktatur mussten Sie schon einmal
       Nicaragua verlassen. Nun, 42 Jahre nach der sandinistischen Revolution von
       1979, hat Sie der Bannstrahl des Ortega-Regimes ereilt. Wie kam es dazu? 
       
       Sergio Ramírez: Ich war im Juni aus gesundheitlichen Gründen in den USA.
       Dann wurden in Nicaragua die Oppositionspolitiker der Reihe nach
       festgenommen. Als auch Dora María Téllez und Hugo Torres verhaftet wurden,
       habe ich beschlossen, lieber nicht nach Nicaragua zurückzukehren sondern
       nach Costa Rica zu gehen. Hier lebe ich jetzt seit Juni.
       
       Haftbefehl und Durchsuchungsbeschluss hatten Sie also schon kommen sehen? 
       
       Mir war klar, dass sie früher oder später auch hinter mir her sein würden.
       Das Regime nimmt keine Rücksichten mehr, auch die internationale Reputation
       ist ihnen egal. Sie haben die Vorkandidaten der Opposition für die
       Präsidentschaftswahl festnehmen lassen, sie pfeifen auf die internationale
       Anerkennung der Wahlen am 7. November. Obwohl ich mit den Wahlen nichts zu
       tun habe, werfen sie mir dieselben Verbrechen vor, wie den jetzt
       inhaftierten Oppositionellen.
       
       Also Vaterlandsverrat nach dem neuen Gesetz 1055? 
       
       Richtig. Und auch noch Geldwäsche.
       
       Weil Sie Geld von der Violeta-Barrios-de-Chamorro-Stiftung für
       Pressefreiheit (FVBCh) angenommen haben? 
       
       Genau. Wir haben damit Journalismusseminare finanziert. Das Absurde ist,
       dass eine Verfolgung nach dem Geldwäschegesetz voraussetzen würde, dass die
       Gelder illegal erworben wurden. Nur dann kann man sie waschen. Die Stiftung
       für Pressefreiheit erhielt aber ihre völlig legale Unterstützung aus der
       EU, aus den USA oder von der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Der
       tatsächliche Grund für den Haftbefehl gegen mich liegt woanders. Es geht um
       die Veröffentlichung meines neuen Romans, den ich gerade in Spanien, in
       Madrid, präsentiert habe. Die nicaraguanischen Behörden haben die Lieferung
       des spanischen Verlags am Zoll blockieren lassen.
       
       Ist dies die erste Bücherzensur seit Sturz der Somoza-Diktatur und
       sandinistischer Revolution? 
       
       Diktator Somoza hat nie ein Buch verboten, soweit ich mich erinnern kann.
       Als ich vor der Revolution Herausgeber eines Verlags in Costa Rica war,
       haben wir einmal die Biografie des nicaraguanischen Befreiungshelden
       Sandino von Neill MacAulay, „The Sandino Affair“, übersetzen, drucken und
       nach Nicaragua schicken lassen. Die Bücher lagen zwei Wochen am Zoll, bis
       Somoza das Embargo aufheben hat lassen. Eine systematische Bücherzensur gab
       es nicht.
       
       Besonders effektiv ist die Zensurversuch jetzt wohl auch nicht. Ich habe
       Ihr Buch in einer digitalen Version gelesen. 
       
       Ja, das Buch zirkuliert über die sozialen Medien. Streng genommen ist es
       ein Akt der Produktpiraterie, gegen die ein Verlag machtlos ist. Ich sehe
       dies aber als eine Form des Widerstands gegen die Diktatur. Durch die
       Zensur hat sich die Nachfrage erhöht. In Nicaragua kann man das Buch jetzt
       am Handy lesen und in Spanien wird bereits die zweite Auflage gedruckt.
       
       Dieser Roman, „Tongolele no sabía bailar“, handelt vom Volksaufstand gegen
       Ortega im Jahr 2018. Gut nachvollziehbar, dass er Daniel Ortega nicht
       gefällt. 
       
       Er wird das Buch wohl kaum gelesen haben. Irgendein Bürokrat wird ihm
       gesagt haben, worum es darin geht und daraufhin wurde die Einfuhr verboten.
       Lustigerweise haben sie vom Verlag am Zoll eine Zusammenfassung des Inhalts
       verlangt, was schon ziemlich absurd ist. Jetzt behaupten sie, es würden
       irgendwelche Unterschriften oder Stempel fehlen.
       
       Ich habe in dem Roman viele Szenen gefunden, die sich während der Rebellion
       ziemlich genau so zutrugen. Zum Teil habe ich das ja vor Ort als Journalist
       beobachtet. Wie nahe ist Ihre Erzählung am faktischen Geschehen? 
       
       Ursprünglich wollte ich ein Reportagebuch schreiben und habe dafür Material
       gesammelt. [1][Doch ein Roman schien mir geeigneter], um die jüngste
       blutige Geschichte zu verarbeiten. Was in Nicaragua geschieht, erzähle ich
       anhand von fiktiven Personen aus der zweiten Reihe, von Polizei und
       Geheimdiensten. Vieles hat sich wirklich so abgespielt. Etwa die Attacke
       auf die Kirche zur Barmherzigkeit oder die Brandstiftung in der
       Matratzenfabrik. Die Ereignisse sind durch Amateurvideos dokumentiert.
       Genauso, dass Scharfschützen mit ihren Dragunow-Gewehren unbewaffneten
       Demonstranten in Hals und Kopf schießen.
       
       Stellenweise klingt es grob überzeichnet. 
       
       Je unglaublicher die Ereignisse umso authentischer sind sie, leider. Die
       Wirklichkeit übertrifft die Fantasie. Wie eine Familie mit ihren kleinen
       Kindern in den Flammen umkommt, wurde auf Video festgehalten. Über den
       Angriff auf die Kirche legten Dutzende Überlebende Zeugnis ab.
       
       Was mich überrascht hat, war, wie Sie die Rolle von Edén Pastora schildern.
       Der frühere sandinistische Revolutionsheld und spätere Contra-Führer genoss
       bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr wieder die Gunst von Daniel Ortega.
       Er hat die blutige Niederschlagung des Aufstands verteidigt. Ich wusste
       aber nicht, dass er so direkt beteiligt war, wie in „Tongolele“
       geschildert. 
       
       Ich nenne ihn nicht Pastora. Aber Silverio Pérez, alias Leónidas, ist nach
       seinem Vorbild gestaltet. Für den normalen Leser ist es einfach eine
       Romanfigur. „Tongolele“ hat auch nicht existiert, nur Personen, die ihm
       ähnlich sind. Pastora hat aber tatsächlich die paramilitärischen Trupps
       organisiert.
       
       Während der Revolution in den 1980er Jahren war Nicaragua eine Art Mekka
       für Kulturschaffende. Wie muss man sich das kulturelle Leben im heutigen
       Nicaragua vorstellen? 
       
       Es gibt praktisch keines. Die Regierung investiert nichts in das
       Kulturschaffen. Es herrscht die nackte Angst. Die [2][Kultur kann aber nur
       Hand in Hand mit der Freiheit gehen].
       
       Gibt es diese Freiheit für unabhängige Kulturinitiativen denn nicht? 
       
       Klar, wenn du eine Ausstellung mit unpolitischen Bildern machst, legt man
       dir keine Hindernisse in den Weg. Aber [3][wer die Ereignisse vom April
       2018 künstlerisch aufarbeiten will], bekäme schnell Besuch von der Polizei.
       Die hat ja auch [4][das Redaktionsgebäude der einzigen gedruckten Zeitung
       La Prensa besetzt].
       
       Kann sich so etwas wie der April 2018 wiederholen? Drei Monate lang war das
       halbe Land im Aufstand gegen das Regime gewesen. 
       
       Eine dicke Decke der Angst liegt über dem Land. Viele der Beteiligten von
       damals sitzen im Gefängnis, Tausende sind ins Exil geflüchtet. Allein seit
       vergangenem Juni haben 40.000 Menschen in Costa Rica Zuflucht gesucht. Aber
       eine Diktatur kann sich nicht ewig durch Repression an der Macht halten.
       Irgendwann explodiert die Sache wieder und die Leute sind auf der Straße.
       
       Die zuletzt gefangenen Oppositionellen sind in U-Haft. Können sie hoffen,
       nach den „Wahlen“ am 7. November freizukommen? 
       
       Ich denke, ein paar weniger wichtige Personen werden freigelassen und die
       bedeutenderen werden einbehalten. [5][Nicaragua steuert auf das System der
       Einheitspartei zu.] Nicht so wie in Kuba, sondern wie in der DDR, als es
       Systemparteien gab, die zugelassen waren. Oder ähnlich wie in Putins
       Russland.
       
       Rechnen Sie mit einem langen Exil? 
       
       Ich wäre gerne im Januar wieder zu Hause. Aber für sehr wahrscheinlich
       halte ich das nicht.
       
       12 Oct 2021
       
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