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       # taz.de -- TÜV Süd vor Gericht: Prozess wegen Dammbruchs startet
       
       > 2019 tötete eine Schlammlawine in Brasilien 270 Menschen. Nun steht in
       > München der TÜV Süd vor Gericht, der die Sicherheit eines Damms bestätigt
       > hatte.
       
   IMG Bild: Es war am Mittag, als der Damm einbrach: Helfer in Brasilien
       
       München taz | „Es ist Zeit für Gerechtigkeit“, sagt Avimar Barcelos. „Unser
       Ort hat den Tod von 270 Menschen zu beklagen und wird für immer mit diesem
       Trauma zu kämpfen haben.“ Barcelos ist Bürgermeister der brasilianischen
       Gemeinde Brumadinho. Das [1][Zerbrechen des großen Staudamms einer
       Eisenerzmine] hatte dort am 25. Januar 2019 zu einer Katastrophe geführt.
       Mitschuldig daran ist die in München angesiedelte Prüfgesellschaft TÜV Süd,
       finden Barcelos und seine Angehörigen. Denn dessen brasilianischer Ableger
       hatte vier Monate zuvor dem Damm einen sicheren Zustand bescheinigt.
       
       An diesem Dienstag beginnt der [2][Schadenersatzprozess vor dem Landgericht
       München]. Das Musterverfahren haben die Gemeinde sowie sechs Angehörige der
       Ingenieurin Izabela Barroso angestrengt, die bei dem Dammbruch getötet
       worden war.
       
       Betreiber der Mine ist der brasilianische Megabergwerkskonzern Vale. Gegen
       ihn sind in Brasilien wegen des Unglücks verschiedene Prozesse angestrengt.
       Brumadinho liegt im Südosten Brasiliens im Bundesstaat Minas Gerais. In der
       Gegend werden in großem Maß Erz und andere Rohstoffe gefördert.
       
       Es war am Mittag, als der oberhalb des Betriebs und der Ortschaft gelegene
       Damm einbrach. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 70 Stundenkilometern
       rauschten gewaltige Massen des giftigen Schlamms in einer Lawine nach
       unten, laut Experten waren es 11,7 Millionen Kubikmeter.
       
       Wie viele Angestellte saß auch Izabela Barroso zu dieser Zeit in der
       Kantine beim Essen. Das Gebäude wurde völlig zerstört, die Menschen
       getötet, ebenso wie bei vielen weiteren Häusern der Ortschaft. Über Monate
       wurde nach Opfern gesucht, bis jetzt fand man 259 Leichen, 11 Menschen sind
       weiterhin vermisst.
       
       In München werden nun nicht nur Izabela Barrosos Brüder und ihr Witwer beim
       Auftakt des Zivilprozesses erwartet, beide Seiten haben auch viele Anwälte
       engagiert. Allein 20 Millionen Euro hat das Unternehmen TÜV Süd laut einem
       Medienbericht für Rechtsanwalts- und Beratungskosten veranschlagt. Die
       Kläger werden von einer internationalen Anwaltskanzlei in Zusammenarbeit
       mit der deutschen Kanzlei Manner-Spangenberg vertreten.
       
       „Unsere Beweise zeigen, dass der TÜV Süd diesen Damm als sicher
       zertifiziert hat, obwohl er nicht sicher war“, teilen Manner-Spangenberg
       mit. Die Anwälte sprechen von „Unternehmenskorruption und vorsätzlicher
       Fahrlässigkeit“.
       
       Bei Vernehmungen in Brasilien hatten dortige TÜV-Mitarbeiter angegeben, vom
       Vale-Konzern unter Druck gesetzt worden zu sein, den Damm zu genehmigen.
       Das Verfahren könnte wegweisend für den juristischen Umgang mit
       Umweltkriminalität und deren Folgen werden. Es stellt sich als sehr komplex
       dar: Zuerst einmal muss geklärt werden, ob nach deutschem oder
       brasilianischem Recht verhandelt wird.
       
       ## „Schreckliche Katastrophe“
       
       Die Kläger streben Entschädigungsverhandlungen mit dem TÜV Süd an. Dieser
       teilt mit, dass der Dammbruch eine „schreckliche Katastrophe“ gewesen sei.
       Allerdings trage der TÜV Süd „keine rechtliche Verantwortung“ dafür. Es
       fehle die „Grundlage für eine Haftung“. Außerdem würden die Kläger – also
       die Angehörigen – bereits in Brasilien „umfassend“ vom Vale-Konzern
       entschädigt.
       
       Dem widerspricht der Anwalt Jan Erik Spangenberg auf Anfrage. Zwar habe
       Vale mit dem Bundesstaat Minas Gerais eine milliardenschwere Vereinbarung
       abgeschlossen. Kein Kläger und kein Angehöriger erhalte aber eine
       Entschädigung.
       
       Vielmehr werde das Geld für Infrastrukturprojekte verwendet, „deren größter
       Profiteur Vale selbst oder andere Bergbauunternehmen sein werden“. So werde
       damit etwa eine 100 Kilometer lange Ringautobahn gebaut, die vor allem den
       Unternehmen diene. In Brasilien stehe dieses Projekt massiv in der Kritik,
       denn dadurch komme es zu 4.000 Enteignungen, 20.000 Menschen seien
       betroffen. „Unter dem Deckmantel der Kompensation für eine der größten
       Umweltkatastrophen“, so Spangenberg, verursache Vale weitere Umweltschäden.
       
       28 Sep 2021
       
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