URI:
       # taz.de -- Welcher Weißwein wirkt wie?: Feuchtfröhlich und kontemplativ
       
       > Der Winzer Wolf-Dietrich Salwey dokumentierte, wie einzelne Rebsorten den
       > Verlauf eines Abends beeinflussen. Vor allem Grauburgunder hat es in
       > sich.
       
   IMG Bild: Ob hier Gewürztraminer im Spiel ist? Weinprobe in Cochem an der Mosel, 1968
       
       Die Wirkung von Wein wird gerne so umschrieben: Entspannung und
       Wohlbefinden stellen sich ein, gleichzeitig können sich anregende
       Diskussionen entwickeln. Ein müder Abend kann durch eine besondere Flasche
       an Schwung und Spannung gewinnen, manche Weine machen aber auch
       wonnig-träge.
       
       Einer der Winzer, die sich intensiv mit der Wirkkraft und den Effekten von
       bestimmten Weinen auseinandersetzten, war Wolf-Dietrich Salwey, der 2011
       bei einem Autounfall verstarb. Salwey galt als unkonventioneller Charakter,
       regelmäßig lud er Kollegen, Freunde und Bekannte nach Oberrotweil am
       Kaiserstuhl ein, um in klar festgelegten Rahmenbedingungen den Einfluss von
       einzelnen Rebsorten auf seine Runde zu erkunden. Meistens saßen neben dem
       Gastgeber noch der Freiburger Architekt und Stadtplaner Horst Linde und ein
       Angestellter des Freiburger Amtes für Katastrophenschutz zusammen, der von
       allen nur Katastrophen-Dieter gerufen wurde.
       
       „Mein Vater wurde von seiner Neugier angetrieben“, sagt Konrad Salwey, der
       das Weingut seit dessen Tod führt. Wolf-Dietrich Salwey beobachtete das
       Geschehen am Tisch genau: Welche Themen werden dort angeschnitten, wie wird
       gesprochen und diskutiert? An einem Abend wurde nur Riesling ausgeschenkt,
       an anderen ausschließlich Grauburgunder, Silvaner, Spätburgunder oder auch
       nur Gewürztraminer.
       
       „Das war ziemlich heftig“, erinnert sich Konrad Salwey. Der in Baden und im
       Elsass verbreitete Gewürztraminer fällt meist körperreich und barock aus
       und geizt nicht mit seinem speziellen Bukett mit Rosenblättern, Litschi,
       Orangeat und Muskatblüten, das manche für so lästig halten wie ein
       aufdringliches Parfum.
       
       Gewürztraminer gilt auch als Wein der Geistlichkeit und steht im Ruf, die
       Spiritualität fördern zu können. Aber wie reagierte die Runde um Professor
       Linde und Katastrophen-Dieter darauf? Der Gewürztraminer habe, sagt Konrad
       Salwey, durchaus die Kontemplation der Weintrinker unterstützt und zu
       tiefgehenden Gedanken und Gesprächen angeregt.
       
       ## Bordeaux zum Wegdämmern
       
       Wenn Wolf-Dietrich Salwey Spätburgunder ausschenkte, konnte er eine
       unaufgeregte kultivierte Aura feststellen. „Da werden alle ruhiger.“ Salwey
       veranstaltete auch Bordeaux-Abende, da ging die Entspanntheit nahtlos in
       eine ungezwungene Dämmerstimmung über, es sei auch vorgekommen, dass
       „irgendwann alle am Tisch eingeschlafen sind“. Dahingegen führte der Genuss
       von reichlich Riesling zu pointierten Treffen mit steilen Thesen und
       spitzen Kommentaren, die sich in die Länge zogen – „Mit Riesling bleibt man
       lange wach“.
       
       Die erstaunlichsten Wirkungstreffer aber erzielte der Grauburgunder, der am
       warmen Kaiserstuhl viel Körper und Alkohol zeigen kann und von dem man eher
       einen komatösen Effekt erwarten würde. Doch wirkt er sehr anregend, Salwey
       notierte, dass die Diskussionen lebhaft und hitzig wurden und auch den
       Rahmen sachlicher Argumente verließen.
       
       Grauburgunder, sagt Konrad Salwey, bringt das Blut in Wallung: „Das ist
       kein Wein für Menschen mit Herzproblemen.“ Grauburgunder spiegelt das
       badische Naturell wohl am besten, vermutlich sprachen die renitenten
       badischen Bauern und Weinbauern bei den Aufständen gegen den Adel 1848
       ordentlich dem aufwühlenden und aufwiegelnden Grauburgunder zu: Sie galten
       als besonders aufmüpfig und rebellisch.
       
       Konrad Salwey hat sich – ganz im väterlichen Forschergeist – auch seine
       Gedanken zum Wesen der Rebsorte gemacht. Grauburgunder strafe den Winzer,
       der ihn vernachlässige, sagt er aus eigener Erfahrung: „Er verzeiht nicht
       gerne, ist nachtragend.“ Aus der Perspektive der Temperamentenlehre wäre
       Grauburgunder ein sanguinischer Typus mit cholerischen Neigungen.
       Gewürztraminer dagegen entspräche dem phlegmatischen Typ mit leichtem Hang
       zur Grübelei und Melancholie.
       
       ## Einen Riesling als Korrektiv
       
       Bei den Salwey’schen Experimentierrunden kam in der Regel nur eine Rebsorte
       zum Einsatz, um deren Auswirkungen gründlich erkunden zu können. Aber wenn
       Wolf-Dietrich Salwey merkte, dass es zu hitzig zuging am Tisch, die Gefahr
       der Eskalation drohte, dann lenkte er ein und schenkte als Korrektiv einen
       Wein mit entgegengesetzter Durchschlagskraft aus. Wenn dagegen keine
       Stimmung aufkommen wollte und die Gesellschaft sich zu reserviert gab, dann
       verabreichte er Riesling oder Grauburgunder, „um sie anzuregen“.
       
       Als ein Maler ein Praktikum im Weingut absolvierte, erkannte Salwey schnell
       die Chance, seine Studien zu vertiefen: Er versorgte den Künstler bei der
       Arbeit an der Staffelei mit unterschiedlichen Weinen und analysierte die
       entstandenen Werke. Beim getragenen Gewürztraminer entstand eine
       beschauliche Landschaft mit Feldkreuz, beim Grauburgunder eine Skizze mit
       dem „abenteuerlichen Kopf“ eines Raubvogels. Salwey fühlte sich in seinen
       Wahrnehmungen bestätigt.
       
       Den vielschichtigen Charakter von Spätburgunder loten die beiden Winzer Uwe
       Lange und Marco Pfliehinger aus, die im Kraichgau das Weingut Forgeurac
       betreiben. Die beiden schätzen besonders die Pinot Noirs von der Côte de
       Nuits, die sie regelmäßig besuchen. Ein guter Pinot Noir habe „etwas
       unglaublich Freies, aber auch Formales“, sagt Lange. Pinot Noir spreche
       alle Sinne an, man sei euphorisch und doch kontrolliert dabei. Man höre
       keinen Punk und tanze auf dem Tisch, „aber der Kopf arbeitet und liefert
       krasse Ideen“.
       
       ## Introvertierter Chardonnay
       
       Riesling, der oft als weißes Pendant zum Spätburgunder bezeichnet wird,
       polarisiere viel stärker: „Er wühlt auf, Riesling kann inspirieren, aber
       das kann auch ganz schnell in Aggressivität umschlagen“, hat Marco
       Pfliehinger beobachtet. Chardonnay, gerade aus der Bourgogne, sei dagegen
       ausgewogener im Naturell und gehe mehr in die Tiefe: „Seine Wirkung geht
       mehr nach innen als nach außen.“
       
       Auch Uwe Lange saß einige Abende mit Wolf-Dietrich Salwey zusammen. „Das
       war ein Freak, ein cooler Typ, der den Dingen auf unorthodoxem Weg auf den
       Grund ging.“ Salwey untersuchte, wie Weine als Stimmungskatalysator
       funktionieren, er setzte sie bewusst als Medium ein, um einen Abend zu
       gestalten.
       
       „Wir gehen heute oberflächlicher mit Wein um und beschäftigen uns mit
       wenigen Rebsorten, die jeder unfallfrei aussprechen kann“, findet Konrad
       Salwey. Als sein Vater starb, endeten auch die ungewöhnlichen Abende am
       Kaiserstuhl. Professor Horst Linde hielten die Experimente bei Gesundheit
       und Laune, er ist 104 Jahre alt geworden. Über den Verbleib von
       Katastrophen-Dieter ist dagegen nichts bekannt.
       
       15 Aug 2021
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Rainer Schäfer
       
       ## TAGS
       
   DIR Wein
   DIR Weißwein
   DIR Winzer
   DIR Riesling
   DIR Genuss
   DIR Wein
   DIR Genuss
   DIR Winzer
   DIR Schwerpunkt Landtagswahl in Rheinland-Pfalz
   DIR Boden
   DIR Winzer
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Der andere Trollinger: Alter Wein in neuen Schläuchen
       
       Trollinger ist der Klassentrottel unter deutschen Weinen, selbst in
       Schwaben hat er es schwer. Einige renitente Winzer wollen ihn nun neu
       erfinden.
       
   DIR Weinanbau und Klimawandel: Die sieben Plagen der Ökowinzer
       
       Biowinzer Christoph Bäcker kämpft im Ahrtal um seine Existenz. Doch nicht
       nur die Flut hat verheerende Folgen – die Natur lehrt Winzer das Fürchten.
       
   DIR Liebe macht Rote Bete schmackhaft: Blutrotes Kryptonit
       
       Was uns schmeckt, hat mit Gefühlen und Beziehungen zu tun. Unsere Autorin
       mochte die nahrhafte Rote Bete erst, als sie sich verliebte.
       
   DIR Winzer über deutschen Sekt: „Wir haben ein Riesen-Imageproblem“
       
       Volker Raumland keltert seit 40 Jahren Sekt. Ein Gespräch über späte Lese,
       reife Säure und warum auch Leberwurst zu Schaumwein passt.
       
   DIR Rheinland-Pfalz und Weinanbau: Edeltropfen im Landeswappen
       
       In Rheinland-Pfalz wird ein Großteil des deutschen Weins angebaut. Mal wird
       kultiviert genossen, mal einfach nur gesoffen. Besser geworden ist er.
       
   DIR Weinkunde auf dem Prüfstand: Der Geschmack des Weins
       
       Die geografische Herkunft soll sich im Geschmack von Wein wiederfinden. Es
       gibt zwar eine Terroir-Charakteristik, sie wird jedoch gerne überschätzt.
       
   DIR Rheingauer Weinbrunnen in Berlin: „Es fehlt einem was“
       
       Der Winzer Heinrich Basting kommt jeden Sommer nach Berlin, um Riesling
       auszuschenken. Ein Gespräch über den Geschäftsausfall in Zeiten von Corona.