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       # taz.de -- Zum Mord an Maryam H.: Ehrenmord, My Ass!
       
       > Wie kann eine Familie, die sich für ehrenhaft hält, morden? Unser
       > Kolumnist denkt über den „Ehrenmord“-Begriff, den Duden und andere Fragen
       > nach.
       
   IMG Bild: Ein Kranz an der Gedenkstelle für Hatun Sürücü in Berlin-Neukölln erinnert an die 2005 Getötete
       
       Schon 2009 hat der Duden den Begriff „Ehrenmord“ aufgenommen. DER Duden!
       Neben Gartenzwergen, Beherbergungsverboten und Blitzkrieg ist dieses
       Nachschlagewerk wohl mit das Deutscheste, was es gibt. Integration also
       gelungen, oder etwa nicht?
       
       Klingt unangebracht und pietätlos? Yep! Genauso wie weite Teile jener
       Debatte, die nach einem „Ehrenmord“ ausbricht wie ein Vulkan mit
       Affektstau. [1][Der Mord an der Afghanin und Neu-Berlinerin Maryam H.] ist
       abscheulich, den Tätern gebührt meine volle Abneigung und Missachtung. Es
       gibt kein gutes Mordmotiv, außer es handelt sich um Bin Laden oder Hitler.
       
       Der Duden definiert „Ehrenmord“ als „Mord an einem (weiblichen)
       Familienmitglied, für den als Motiv die Wiederherstellung der Familienehre
       angegeben wird“. Wie soll etwas wiederhergestellt werden, was vorher gar
       nicht existierte? Denn: Wie kann eine Familie, die sich für ehrenhaft hält,
       morden?
       
       Tja, es ist ein Leichtes, als vermeintlich aufgeklärter Mensch die Lage
       bewerten zu wollen und mit scheinbar klugen Sätzen zu punkten. Zielführend
       sind sie nicht und mit dem eigentlichen Problem haben sie so viel zu tun
       wie Donald Trump mit Nina Simone.
       
       ## Das ist kein Whataboutism
       
       Können wir endlich aufhören, solche Diskussionen zum Beispiel entlang der
       Frage nach gelungener oder gescheiterter Integration zu führen? Was
       bezwecken Politiker:innen damit – wie gerade mal wieder
       CDU-Spitzenmensch Kai Wegner, wenn sie nun eine „offene Debatte über
       gescheiterte Integration“ fordern?
       
       Es ist müßig, selbst im Jahr 2021 darauf hinzuweisen, dass Integration in
       die „Aufnahmegesellschaft“ leider weder ein Garant für ein gewaltfreies
       Leben noch für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ist. Bräuchte es sonst
       Initiativen wie #MeToo, Frauenquoten oder das Rücktrittsangebot von
       Kardinal Marx als Reaktion auf Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen? Fast
       jeden dritten Tag wird irgendwo in Deutschland eine Frau von einem – ihrem
       – Mann ermordet, täglich gibt es einen Mordversuch.
       
       Nee, das ist kein Whataboutism. Ich bin weiterhin beim hirnlosen Prinzip
       des „Ehrenmordes“. Hirnlos trifft es wahrscheinlich ganz gut, denn es
       dominieren diffuse Gefühlslagen und kollektive Zwänge. Das Emotionale und
       Zwanghafte dahinter zu erkennen und anzugehen, könnte die Zahl der Opfer
       tatsächlich reduzieren, als stattdessen beim Buhlen um
       Wähler:innenstimmen sinnentleerte Worthülsen über Integration zu
       fauchen.
       
       Seit Jahrzehnten stehen nach „Ehrenmorden“ Scheindebatten im Zentrum der
       öffentlichen Aufmerksamkeit. Wiederholt ist von „dem Islam“ und „den
       Muslimen“ die Rede, vorwurfsvoll wird dann im Koran geblättert.
       
       In Deutschland leben mehr als 5 Millionen Menschen, die dem Islam
       zugerechnet werden. Müssten wir dann nicht jeden Tag mit mehreren Dutzend
       Ehrenmorden konfrontiert sein, Dunkelziffer inklusive? Wieso sind wir das,
       Allah sei Dank, aber nicht? Könnte es vielleicht, man glaubt es kaum, an
       den Muslim:innen liegen? Weil die meisten von ihnen „Ehrenmorde“ genauso
       verabscheuen, wie die edle „Aufnahmegesellschaft“ es tut?
       
       ## Selbstbewusste und autonome Personen
       
       Ich bin in Kabul geboren, im Schoße einer afghanischen Großfamilie in
       Berlin aufgewachsen. Hier sind wir rund 40 Personen, deutschlandweit
       dreistellig. Mir ist keine einzige Zwangsheirat bekannt, wohl aber einige
       arrangierte Ehen, vor allem in der ersten von inzwischen vier Generationen.
       Die Frauen in unserer Familie sind selbstbewusste und autonome Personen.
       
       Was wir uns so fragen? Was geht in den Köpfen der Täter vor, das Brüder
       ihre eigene Schwester töten lässt? Ist es wirklich nur ein Problem
       toxischer Männlichkeit? Welche Intensität kollektiven Schamgefühls spielt
       dabei eine Rolle? Wie können wir als Gesellschaft einen Fuß in vulgäre
       Familiengefüge bekommen, um Tatmotive irgendwann vollständig aufzulösen?
       
       Diese Fragen sind bereits Teil des öffentlichen Diskurses, stehen aber
       nicht im Zentrum wie die lustvollen Pauschalurteile in Richtung „der
       Muslime“. Wenn sich weite Teile von „Mehrheit“ und „Minderheit“ dieselben
       Fragen stellen, wäre dann nicht eine gemeinsame Suche nach Lösungen
       angebracht, statt niederträchtig geführte Integrationsdebatten und
       Gegenüberstellungen wie Westliche Werte vs. Scharia? Es geht um Freiheit
       vs. Unfreiheit, individuelle Emanzipation vs. kollektiven Zwang. Entlang
       dieser Linien sollten wir sprechen.
       
       Und Afghanen haben nach dem Scheiß-Egal-Abzug aus Afghanistan erstmal echt
       keinen Bock auf „westliche Werte“, hinter denen am Ende doch wieder nur die
       Taliban stehen. Und die schreiben Ehrenmord in Versalien.
       
       15 Aug 2021
       
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