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       # taz.de -- Nachruf auf TV-Moderator Alfred Biolek: Er hörte einfach zu
       
       > Alfred Biolek war einer der einflussreichsten TV-Show-Erfinder
       > hierzulande. Im Alter von 87 Jahren ist er nun gestorben.
       
   IMG Bild: Er lebte so, wie es nur seine eigene Glücksfähigkeit zuließ: Alfred Biolek im Jahr 1996
       
       Meine erste Erinnerung an ihn rührt aus einer Zeit, als er noch nicht
       prominent war, eine freundliche, eine auch der leichten Einschüchterung.
       Hotel Kaiserhof am Hamburger Hauptbahnhof, 47 Jahre ist das her, Casting
       für die wahnsinnig populäre Rudi-Carrell-Show „Am laufenden Band“.
       
       Meine Mutter war auf die Bewerbungsidee gekommen und wurde in die Auswahl
       genommen, sie plante bestimmt insgeheim die Verteilung des Gewinns, ich war
       nervös und stumpf zugleich, spätjugendlich eben. Saßen so im Foyer, durch
       das ein eher kleiner Mann wuselte, mit angespannter Miene, fokussiert, so
       ein Casting ist wohl kein Spaß.
       
       Dann kam er auf uns beide zu, auf Eile die Aura getrimmt, gab meiner Mutter
       die Hand, dann mir und sagte: „Herzlich willkommen, wir schaukeln das
       schon, mein Name ist Alfred Biolek, seien Sie ganz Sie selbst.“
       
       Und dann lächelte er mich an, ehrlich gesagt, ziemlich viele
       Zehntelsekunden rätselhafterweise, meine leichte Beklommenheit eher
       steigernd, irgendwie auch beruhigend: Nichts zeigte an, dass er schon
       damals einer der einflussreichsten TV-Show-Erfinder und -Produzenten war:
       Alfred Biolek war damals ja noch längst keine TV-Figur der opulentesten
       Bekanntheit, der liebste Gesprächsgastgeber.
       
       ## Doktor der Rechtswissenschaft
       
       Der Spross aus sudentendeutscher Familie, geboren 1934 in Freistadt, nach
       der Vertreibung 1946 im Schwäbischen eine neue Heimat findend, war
       eigentlich, so der Wille des Vaters, zum Juristen bestimmt. Alfred Biolek
       wurde auch einer, ein hoch ehrgeiziger Doktor der Rechtswissenschaft, aber
       sein Drang, zivilrechtlich nötigen Frieden zu stiften, war eher schwach
       ausgeprägt.
       
       Ihn zog es zum Fernsehen, zum jungen Sender ZDF, hier und da betreute er
       kleinere Nischenproduktionen, seine Berufsbiografie war eine mit vielen
       Aspekten. Er sagte später mal: „Ich wollte Priester werden, Zirkusdirektor
       oder Dirigent. Und ich bin von allem etwas geworden.“
       
       Und das stimmt ja auch. Überall, heute kaum vorstellbar, setzte er neue
       Standards gegen alle Gewohnheiten und Usancen. Seine Talkshows etwa: Waren
       die journalistisch nicht pure Affirmation? War das überhaupt Journalismus?
       Nicht eher Plauderei ohne Inhalt? Bioleks Methode war in der Tat: seine
       Gäste menschlich aufscheinen zu lassen, allzu Privates mussten sie nicht
       preisgeben.
       
       Damals dominierte im Talkshowgewerbe, auch im politischen, noch die schwer
       verdauliche Kunst der hohepriesterlichen Einvernahme, Motto: Alle sind
       unzulänglich und müssen in den Staub getreten werden, abgesehen vom
       wirklich neugierig interessierten Günter Gaus pflegten alle Moderatoren
       diesen Stil, Besserwisserei, oft ohne Sinn und Verstand. Biolek aber hörte
       zu. Und servierte, absichtslos, Woche für Woche Lehrstücke in puncto „Wie
       bringe ich meine Interviewten zu Auskünften, von denen sie selbst nicht
       dachten, dass sie sie machen würden?“
       
       ## Lebenserfahrenes Kichern
       
       Biolek war in seinen Talks immer der Gründlichste, ob mit Jessye Norman,
       Klaus Wowereit oder einer unbekannten Person, die gerade ein interessantes
       Buch geschrieben hat. Und sprach obendrein mit seinem häufig ausgebrachten
       Lachen, ein Keckern, ein mitwisserisches, lebenserfahrenes Kichern, nach
       dem sich seine Gäste noch mehr preisgaben.
       
       Er war im alten Fernsehen wirklich ein Mann der gewissen Distinktion. „Bios
       Bahnhof“, eine Art Show in der ARD, die sich bei den künstlerischen
       Darbietungen nicht an den Hitparaden orientierte, sondern geschmacklich am
       mittleren Bildungsbürgertum – Leute wie Kate Bush, Peter Gabriel, Nina
       Hagen, die NDW-Band The Wirtschaftswunder oder die um ihren nächsten
       Karriereschritt kämpfende Gitte Haenning präsentierte er wie Juwelen, die
       nun vor laufenden Kameras aufpoliert zu werden verdienen.
       
       Im Frühwinter des Jahres 1991 hätte es, gemessen an den moralischen
       Standards der fünfziger bis siebziger Jahre, mit der Karriere Bioleks zu
       Ende sein können. Bei der RTL-Show saß damals der [1][Filmemacher und
       schwule Aktivist Rosa von Praunheim] auf dem „heißen Stuhl“ und outete –
       das deutsche „outen“ wurde bei dieser Gelegenheit erfunden – Alfred Biolek
       als homosexuell: „Warum sagt Biolek nicht, dass er schwul ist?“
       
       Der indiskret ums kleine, damals ja auch noch: „schmutzige“ Geheimnis in
       eigener Sache Gebrachte bekannte später, er habe unter dieser Enthüllung
       auch gelitten, ja, er sei schockiert gewesen – eine wahre Aussage für einen
       Mann, der aus einer Generation stammt, die es nicht gewohnt war, über
       Privates zu sprechen, auch mit Freund*innen, ganz zu schweigen in der
       Familie. Er räumte immer ein, dass dieses unfreiwillige Outing ihn freier
       gemacht habe, ihm eine Last genommen habe.
       
       ## Präsenz wuchs nach Outing
       
       Schwul war er seit seinem Umzug von Mainz nach München, klar, schon immer,
       bewegte sich in der Bohème rund um [2][Rainer Werner Fassbinder], kannte in
       der Deutschen Eiche gewiss alle – und lebte so, wie es nur seine eigene
       Glücksfähigkeit zuließ.
       
       Biolek sollte nach dem völlig korrekten Outing durch Rosa von Praunheim
       rasch merken, dass seine öffentliche Präsenz sich nicht minderte, sondern
       eher noch wuchs. 1994 lancierte sein Sender, der WDR, mit ihm die
       Nachmittagsshow „alfredissimo!“ – eine Kochsendung. Na und? Küchenshows gab
       es im deutschen Fernsehen lange schon, aber Biolek machte daraus das
       unterhaltsamste Format. In jede Sendung kam eine neue prominente Person.
       
       Der Kochanalyst und Blogger Matthias Stelte erinnert sich gern: „Die eher
       schlecht gelaunte und offenbar wenig kochbegabte Rita Süssmuth machte eine
       Art Pfannkuchen mit Speck und Kartoffeln und kaltem Kaffee, ein Gericht aus
       dem Bergischen von ihrem Vater. Wim Thoelke kochte ein Gericht, dass er
       nach eigenen Angaben selbst als Student erfunden hat: Weil es in der Wüste
       nix gegeben habe, die Beduinen aber auch Vitamine brauchen, gab es jede
       Menge Zwiebeln. Und Karl Dall knallt Nudeln auf ein Blech, und dann kommt
       ganz viel süßsaure Asia-Soße drauf, dieses Gericht hat er in den sechziger
       Jahren erfunden und heißt Saunudeln, weil die Küche hinterher aussieht ‚wie
       Sau‘. Alles sehr unterhaltsam.“
       
       ## Fantasien von Opulenz
       
       Soziologische Studien der freundlicher und mediterraner werdenden
       Deutschen, dolce-vita-kompatibel – und Biolek als deren Lehrmeister. Und
       sowieso, die Küche selbst – Zehntausende wollten so ein Küchenwohnzimmer,
       keine resopaligen, desinfiziert wirkenden Labore für
       Nahrungsmittelzubereitung. Eher die Fantasien von Opulenz und
       Gastfreundschaft: Biolek war ein Stylemaker für den mittelschichtigen
       Mainstream.
       
       Dazu und überall: die phallisch-monströse, Tom-of-Finland-artige
       Pfeffermühle: Size did matter – hieß das unfüglicherweise und ist doch
       seither in allen deutschen Küchen ein Must.
       
       Alfred Biolek hat, so sagen Freund*innen, nicht in jeder Hinsicht sein
       privates Glück gefunden, Detaillierteres wissen nur sie. Der eine Partner
       nahm ihn finanziell aus, auf den anderen war kein Verlass – und alle waren
       sie vielleicht auch zu sehr nach bacherlormäßiger Schönheit ausgesucht, wer
       weiß das schon. 2010 fiel er in Köln eine Treppe herunter, lag im Koma –
       und wurde nie wieder der Alte. Er war ja längst eine Ikone, ein Mann, mit
       dem das öffentlich-rechtliche Fernsehen prunkte und punktete sowieso.
       
       Ehrungen hat er in Fülle erfahren – ein Mann mit dem meisterlichen Gespür
       für das Populäre, das noch nicht ins Werk gesetzt wurde. Kurz nach seinem
       87. Geburtstag ist er am Freitag gestorben. Er hat Zuschauenslust gestiftet
       – und konnte in aller Professionalität auch zu einem Lächeln finden.
       
       23 Jul 2021
       
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